Schon ein Klassiker: Die Shakespeare-Oper „Lear“ von Aribert Reimann ist eines der meistgespielten Bühnenwerke der letzten fünfzig Jahre aus dem Bereich der Neuen Musik. Das Stück hält sich seit seiner erfolgreichen Uraufführung 1978 an der Bayerischen Staatsoper in München international auf den Spielplänen. Für Reimann, der 2024 mit 88 Jahren in seiner Heimatstadt Berlin verstarb, bedeutete dieser Erfolg den künstlerischen Durchbruch. Jetzt hat die Komische Oper Berlin ihre neue Saison mit „Lear“ eröffnet. Es ist mittlerweile Tradition, dass die erste Neuinszenierung der Spielzeit nicht im Interimsquartier Schillertheater stattfindet, sondern in der Weite des Hangars 4 im stillgelegten Flughafen Tempelhof in Berlin-Kreuzberg. Die jahrelange Sanierung des Stammhauses der Komischen in Berlin-Mitte nutzt man so als Chance, neue Spielstätten in der Stadt zu erschließen.

Emotionen auf einer glühenden Schwertklinge
Nach Henzes Revolutionsoratorium „Das Floß der Medusa“, Händels sakralem Evergreen „Messiah“ und Andrew Lloyd Webbers Rockoper „Jesus Christ Superstar“, alles Stücken mit einer Aura des Monumentalen, nun also die archaische Tragödie „Lear“ am Flughafen Tempelhof. Die Handlung nach der Shakespeare-Tragödie „König Lear“ erzählt von einem Herrscher am Ende seines Lebens, der kein bisschen altersweise ist. Er vertraut denen, die ihm nach dem Mund reden, und verkennt die Loyalen, die er verstößt. Das endet erwartungsgemäß verheerend, Lear wird selbst zum Verstoßenen. Die Tragödie ist eines der düstersten und brutalsten Stücke von Shakespeare: Rücksichtslose Willkür, Krieg, unerbittliche Verfolgung, Flucht, Morde, Rache, Verrat, das Zerbrechen von Gewissheiten, Ausbruch von Wahnsinn, dies alles kommt in diesem schrundigen Welttheater vor. Aribert Reimann hat seinerzeit den Stoff in hochexpressive, hypernervöse Musik gegossen, mit flirrenden Instrumentalflächen und Clustern, die mikrotonal aufgefächert sind, brutal eindreschenden Orchesterschlägen und extrem anspruchsvollen Vokalpartien. Doch auch zarte, fragile Momente gibt es in „Lear“. Diese Oper bringt die Emotionen auf einer glühenden Schwertklinge.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“
Archaik wird in Barrie Koskys Inszenierung allerdings nicht durch historische Ferne dargestellt. Der Regisseur erzählt keine Rittergeschichte aus dem Mittelalter, sondern mit exakt gezeichneter Personenregie eine Handlung aus dem Hier und Jetzt. Die Männer tragen anfangs Smoking, die Frauen Abendkleider (Kostüme: Klaus Bruns). Die archaischen, dunklen Triebe, Machtgier, Bosheit, Neid, Rachegelüste, die Bereitschaft zu quälen und zu morden, sie schlummern in diesen anfangs glattpolierten, eleganten Personen, bis sie schließlich schrecklich ausbrechen. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, dieses Zitat des römischen Dichters Plautus gilt für die überzeitlich wirkenden Akteure auf der riesigen, von Bühnenbildnerin Rebecca Ringst gestalteten Arena in der Mitte des Hangars 4 im Flughafen Tempelhof. Sie erscheinen wie Figuren in der Weite eines überdimensionalen Spielbretts.

Spirale der Gewalt
König Lear ist in dieser Produktion kein amtsmüder, schwacher Greis, sondern ein fitter Best Ager, der seinen Lebensabend genießen will. Die Aufteilung des Reichs unter seinen drei Töchtern und die narzisstische Erwartung, dass jede von ihnen ihre Vaterliebe wortreich herausstellt, kommen hier als frivoler Übermut in Partylaune auf. So nonchalant, so leichtfertig bringt Lear den Wunsch nach Regelung seines Erbes vor. Was für eine Fallhöhe bis zum Ende des zweieinhalbstündigen Opernabends ohne Pause: Am Ende ist Lear ein tieftrauriges Wrack, dessen Welt untergegangen ist. Dies ist der Schlusspunkt nach einer Spirale der Gewalt, die wie im Showdown eines Mafia-Thrillers mit mehreren Erschossenen und einer Vergifteten endet. Das Mafia-Milieu wird bereits im ersten Auftritt von Edmund, dem unehelichen Sohn des Grafen von Gloster, angedeutet. Brenton Ryan verkörpert diesen intriganten, schmierigen Typen mit vokaler Strahlkraft und kraftstrotzender Vehemenz. Im schwarzen Unterhemd und Anzughose mit zurückgegeltem Haar strahlt er in jeder Faser Unterwelt aus. Er stachelt den Vater gegen den rechtmäßigen Erben Edgar auf, der fliehen muss und fortan als Streuner im Wahn ein jämmerliches Leben fristet. Mit Paillettenmütze und kurzem Schülerinnenröckchen trifft Edgar während der mit Theaternebel und Orchesterorkan eindrucksvollen Sturmszene auf der Heide auf den in schmuddeliger Unterwäsche umherirrenden Lear. Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen hat die künstlerische Souveränität, sehr differenziert zwischen Wahnsinn, ob gespielt oder doch latent angelegt, Verletzlichkeit und zwischenzeitlicher Klarheit zu wechseln. Dies beweist er auch gegen Ende, wenn er seinen blinden Vater Graf von Gloster (Günter Papendell wie immer hervorragend als Sängerdarsteller) an die Klippen von Dover führt. Edgars melismatischer Gesang scheint sich bei Nussbaum Cohen von dem Grauen des Umfelds zu erheben, als letztes Refugium.

Ein Kobold wie aus dem literarischen Kosmos Franz Kafkas
Rosie Aldridge als Goneril und Nicole Chevalier als Regan stemmen nicht nur souverän ihre herausfordernden Vokalpartien der ruchlosen Töchter, sondern stellen auch mit blitzender Nervosität und extrem spannungsgeladen ihren lustvoll ausgekosteten Sadismus dar. Johannes Dunz als Herzog von Cornwall gibt überzeugend den glatten Opportunisten, Philipp Meierhöfer gestaltet den zweifelnden Herzog von Albany als nervösen Charakter im Zwiespalt, der schließlich voller Schauder die Bestie in seiner eigenen Frau Goneril erkennt. Bewegend zeichnet Penny Sofroniadou eine Cordelia, die von anfänglicher Verunsicherung und Bestürzung am Ende über sich hinauswächst, um den Vater zu retten. Die Sprechpartie des Narren wird von Dagmar Manzel aufgewertet. Im schwarzen Rock und mit Melone bringt sie als Kobold, der dem literarischen Kosmos Franz Kafkas entstiegen zu sein scheint, eine starke Darbietung: Stets gebückt wuselnd, scheinbar fahrig, aber ständig aufmerksam, was um ihn herum passiert, zeigt dieser Narr als eine der wenigen Personen der Handlung Empathie. Scott Hendricks in der Titelpartie des Lear bringt wie das gesamte Ensemble eine reife Leistung, doch in der Interpretation wäre noch mehr Abgrund, Wahn und Verzweiflung möglich gewesen.

Orchestrale Hochspannung
Ein weiterer Bühnenakteur ist in dieser außergewöhnlichen Berliner Inszenierung das Orchester: Streicher und Bläser sind sichtbar an einer Seite der Bühne auf einem Podium positioniert, an der gegenüberliegenden Seite befinden sich auf zwei Gerüsten mit jeweils drei Ebenen die Schlaginstrumente. Reimanns seismografisch genaue Ausdeutungen der Stimmungen und Emotionen im Orchester werden somit nicht bloß akustisch als schneidende Gesten, Donnergrollen, Eruptionen, Peitschenhiebe, Zischen und Klagen erlebt, sondern auch visuell. Dirigent Nicholas Carter hält das Orchester der Komischen Oper Berlin von Anfang bis Ende auf Hochspannung. Die Einsätze sind auf den Punkt und reagieren flexibel auf die Sänger. Ein gelungener Saisonstart der Komischen Oper Berlin.
Komische Oper Berlin, Flughafen Tempelhof/Hangar 4
Reimann: Lear
Nicholas Carter (Leitung), Barrie Kosky (Regie), Rebecca Ringst (Bühnenbild), Klaus Bruns (Kostüme), Olaf Freese (Licht), Holger Schwark (Sounddesign), Scott Hendricks (König Lear), Dimitry Ivashchenko (König von Frankreich), Philipp Meierhöfer (Herzog von Albany), Johannes Dunz (Herzog von Cornwall), Ivan Turšić (Graf von Kent), Günter Papendell (Graf von Gloster), Aryeh Nussbaum Cohen (Edgar), Brenton Ryan (Edmund), Rosie Aldridge (Goneril), Nicole Chevalier (Regan), Penny Sofroniadou (Cordelia), Dagmar Manzel (Narr), Bedienter (Phiipp Schreyer),Vocalconsort Berlin, Chorsolisten Komischen Oper Berlin, David Cavelius (Choreinstudierung), Komparserie, Orchester der Komischen Oper Berlin




