Georg Friedrich Händels Zauberoper „Alcina“ in München? Das passt. Neben den drei Händelfestspielstädten Göttingen, Halle und Karlsruhe hat München in Sachen Barockboom und damit auch Händelrenaissance durchaus seine Meriten. In München ist das Prinzregententheater dafür genau das richtige Haus. Eigentlich ist es das schönste der drei Münchner Opernhäuser. Architektonisch blieb es die einzige Adaption des Festspielhauses in Bayreuth. Mit dessen Vorzügen. Aber etwas kleiner, bequemer, klimatisierter und vor allem auch: Händel-kompatibel. Für die luxuriösen Opernfestspiele, die München im Juli immer für eine imposante Leistungsschau nutzt, macht es durchaus Sinn, nach der Premiere von Tobias Kratzers „Walküre“ im Nationaltheater, hier, auf der anderen Isarseite, eine von Händels populären Opernschmuckstücken als zweite Festspielpremiere folgen zu lassen.

Zauberinnenoper voller Arien-Hits
Musikalisch und vokal ging die Rechnung auch auf. Szenenapplaus gab es nicht nur nach den berühmten solonummer-tauglichen Arien, die sich in dieser Zauberinnenoper im Halbdutzend tummeln und allen Protagonisten Steilvorlagen für vokales Profilieren ihrer Figuren bieten, was sie durchweg weidlich nutzen. Auch im Graben gab es tatsächlich auch den Soundtrack zum München-leuchtet-Bonmot von Thomas Mann. Das war allerdings auch nötig, denn Johanna Wehner (Regie), Benjamin Schönecker (Bühne) und Ellen Hofmann (Kostüme) hatten ihre anderthalb Gedankenblitze gleich am Anfang verballert. Sie haben ihnen dann aber höchstens nochmal nachgelauscht und sie nicht wirklich szenisch zu einer eigenen Geschichte ausgebaut.

Luxusbleibe in einem heutigen Irgendwo
Zur Ouvertüre sieht man eine verzweifelte Frau in den Einrichtungstrümmern ihrer Luxusbleibe. Die ist in Grün gehalten, mit einer Wendeltreppe und einer Galerie versehen und ansonsten eher spärlich fad eingerichtet. Ungefähr in einem heutigen Irgendwo. Was noch an Vasen rumsteht, zerdeppert sie in ihrer Verzweiflung. Der große Esstisch ist umgeworfen. Folgen eines Wutanfalls? Oder die Hinterlassenschaften einer außer Kontrolle geratenen Partie? Man weiß es nicht. Jedenfalls nimmt dieses erste Bild den Untergang der Zauberinsel als privates Drama einer allein Gebliebenen vorweg, die bis dahin gewöhnt war, ihren Willen zu kriegen. Es mag gut (gar feministisch) gemeint sein, in der Alcina eher eine suchende, liebende, dann leidende Frau zu sehen, als die rabiat übergriffige Zauberin, bei der das Wort zauberhaft plötzlich wie Haft durch Zauber klingt. Was für die Männer, die es trifft, überhaupt nicht witzig ist.

Umzug ins Museum
Funktioniert hat das aber in diesem Rahmen außerhalb der Musik nicht. Zunächst räumen ein halbes Dutzend Dienstboten (die verwandelten Männer?) nach dem Ouvertüren-Chaos alles wieder auf. Mit der Ankunft des eleganten Melisso (Gerrit Illenberger) und der als Mann kostümierten Bradamante beginnt die Geschichte als ein „was bisher geschah“. Im zweiten Teil befinden wir uns dann aber (warum auch immer) in einer Art Museum wieder, wo tatsächlich lauter güldene Mannsbilder im Raum verteilt herumstehen. Nach dem sich Ruggiero wieder auf seine eigene Identität und Vergangenheit mit Bradamante besonnen hat, gibt es hier aber keinen Untergang des ganzen faulen Zaubers, vor allem, weil es hier überhaupt keinen Inselzauber gab, sondern einen beiläufigen Abgang der wieder zum Leben erwachten vergoldeten Männer. Alcina wird hier ganz im Unterschied zu jenem Anfangsbild am Ende einfach in ein Gemälde an der Wand des Museums verbannt.

Stimmenfest plus federnd packender Klang des Bayerischen Staatsorchesters
Musikalisch lieferte Dirigent Stefano Montanari mit der mit Barockinstrumenten ausgerüsteten Besetzung des Bayerischen Staatsorchesters einen sinnlich federnden, packenden, auch mit dem Ausbremsen in die Trauer das Publikum bannenden Klang und bewies damit erneut die Händelkompetenz dieses Orchesters. Gefeiert wurden bei diesem Stimmenfest in karger Szene besonders die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique als kontrolliert auftrumpfende und packend leidende Alcina und der kraftvolle texanische Counter John Holiday als Alcina-Favorit Ruggiero. Aber auch Avery Amereau als dessen Befreier Bradamante sowie Elsa Benoit als Alcinas Schwester Morgana und Julian Prégardien als Oronte. Ein Gewinn dieser ausführlichen „Alcina“-Version war, dass Carine Tinney die oft bei Produktionen der „Alcina“ gestrichene Rolle des Oberto ausführlich präsentieren konnte. Das passt gut in eine Produktion, die eh vor allem ein musikalisches Ereignis ist.
Münchner Opernfestspiele
Händel: Alcina
Stefano Montanari (Leitung), Johanna Wehner (Regie), Benjamin Schönecker (Bühne), Ellen Hofmann (Kostüme & Licht), Saskia Kruse (Dramaturgie), Jeanine De Bique (Alcina), John Holiday (Ruggiero), Elsa Benoit (Morgana), Avery Amereau (Bradamante), Carine Tinney (Oberto), Julian Prégardien (Oronte), Gerrit Illenberger (Melisso), Bayerisches Staatsorchester





