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Opern-Kritik: Musikfestspiele Potsdam Sanssouci – Cefalo e Procride

Blitzspannungen im Schäferparadies

(Potsdam Sanssouci, 24.6.2026) Hochbarock trifft ironisch gemeinten Gelsenkirchener Barock: Diese Bononcini-Entdeckung verblüfft durch Ehekonflikte und verletzte Eitelkeiten im (pseudo-)pastoralen Idyll.

vonRoland H. Dippel,

Der Mond geht am noch hellen Nachthimmel über dem Park von Sanssouci auf. Dazu leuchtet die gesamte Raumfläche der Pflanzenhalle im Orangerieschloss in dunklem Rot. Wenig später wird der Schäfer Cefalo seine ihm nachspürende Frau Procride mit einem Pfeilschuss erlegen. Versehentlich – aber das glättende Ende erfolgt durch göttliches Eingreifen. Im Libretto von Anastasio Guidi erhebt der Sonnengott Titone, bis dahin als geheimnisvoller Schäfer unterwegs, das Paar zu Gott und Halbgöttin. Diese Verwandlung beendet einen Rosenkrieg mit zerstörerisch quälenden Beziehungsmustern. Cefalo und die edle Procride aus den Metamorphosen des Ovid brachten es in Renaissance und Barock aufgrund ihrer kaum vorbildlichen Partnerschaft nicht zu vergleichbarer Adaptionsfrequenz wie etwa Orpheus mit Eurydike oder Alceste mit Admeto. Die Oper entstand um 1703.

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Szenenbild aus „Cefalo e Procride“
Szenenbild aus „Cefalo e Procride“

Preußisches Opernkleinod

Das einaktige Musiktheater für die kunstsinnige Preußenkönigin ist ein eher ungewöhnliches Pastorale. Denn dieses Genre mit der Verherrlichung ländlicher Paradiese und überwiegend harmonischer Figuren war Anfang des 18. Jahrhunderts voll en vogue – nicht aber als Schauplatz von Ehekonflikten und verletzten Eitelkeiten. Also erstaunt, dass der von Königin Sophie Charlotte an den preußischen Hof verpflichtete Komponist Giovanni Bononcini dieses Sujet für den hölzernen Opernhausbau von Lietzenburg wählte – keine einzige ideale und dafür mehrere reichlich komplizierte Liebschaften. Das Stück erlebte jetzt, etwa 325 Jahre nach der Uraufführung, seine Wiederentdeckung – mit Pause nach dem ersten Erkenntnisgewinn. Der Beifall des Publikums der vollen Premiere war enthusiastisch. Am Wochenende folgen zwei weitere Vorstellungen.

Szenenbild aus „Cefalo e Procride“
Szenenbild aus „Cefalo e Procride“

Partnerclinch statt Naturidyll

Ein idyllischer Schauplatz und idyllisch trügerische Musik für ein besonderes Werk der Berliner Operngeschichte vom Anfang des 18. Jahrhunderts: Georg Friedrich Händel inspirierte sich wenige Jahre nach der Entstehung von „Cefalo e Procride“ in Italien an dem von ihm geschätzten Bononcini. Der Erfolg von dessen „Polifemo“ bei den Schlossfestspielen 2019 gab die Anregung zu dieser weiteren Bononcini-Entdeckung. Wieder dabei ist die Akademie für Alte Musik Berlin, deren samtiges und dabei transparentes Klangprofil für dieses Werk ganz besonders passt. Sie agiert auf dem Bühnenpodium in der Raummitte zwischen zwei gegenüber gesetzten Publikumstribünen, hinter denen weitere Podeste mit Kunstrasen die pathetisch ausladenden Konfrontationen der bizarren Göttin Aurora und des incognito auftretenden Titone ermöglichen.

Szenenbild aus „Cefalo e Procride“
Szenenbild aus „Cefalo e Procride“

In szenischer Gesamtverantwortung verbindet Michiel Dijkema Hochbarock und ironisch gemeinten Gelsenkirchener Barock. Das Display für die deutschen Übertitel ist umrahmt von einem klobig wirkenden, aber virtuellen Holzrahmen. Schäfchen- und Hammelvisagen kommen nach Vintage-Art neben den Versen ins Bild. Wenn Jula Reindell einige Figuren in Schafsfelle steckt und ihnen mit grotesker Exaltation als Kopfmasken Hammelköpfe aufsetzt, inspirierte sie sich an Perchtenauftritten des nördlichen Alpenrandes. Natur wie in der barocken Kultur – also als Kunstraum mit allegorischen Sensationen.

Dramatisch akzentuierende Akustik

Das wird durch die sensible Akustik in den riesigen Raumdimensionen des zum Teil unter Gerüst stehenden Orangerieschlosses verdichtet. Je nach Zuschauerplatz und Position der Darsteller klingen deren Stimmen mal fern, mal nah und deshalb immer in einem spezifischen Raumverhältnis zum Orchester. Bernhardt Forck berücksichtigt in seiner musikalischen Leitung diese herausfordernde Klanglichkeit. Er schafft mit Akamus den Eindruck von mäßig bewegter Naturruhe, welche Götter und Menschen mit ihren emotionalen Blitzspannungen durchbrechen. Dass es Dijkema um die Abhängigkeit der Menschen, der Schäfer und Nymphen vor durchaus unguten göttlichen Launen geht, wird mit heftiger Vordergründigkeit deutlich.

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Szenenbild aus „Cefalo e Procride“
Szenenbild aus „Cefalo e Procride“

Ruhiger Star des Ensembles ist demzufolge der großartige Jonathan Eyers in einer der seltenen, tatsächlich großen Bassbariton-Partien der italienischsprachigen Oper um 1700. Titone beobachtet seine frühere Geliebte Aurora mit zunehmender Sorge. Er muss durchgreifen, tut das mit wohlklingender Autorität. Aurora, Göttin der Morgenröte, entwickelt dagegen wegen der Flüchtigkeit ihrer Naturaufgaben und Liebesbeziehungen einen Minderwertigkeitskomplex mit furiosen Explosionen. Chloë Morgan zeigt das in verzweifelter Virtuosität, mit der sie auf das entschiedene „Nein heißt Nein“ des sie nicht mehr liebenden Schäfers Cefalo reagiert. Jetzt schmiedet sie bittere Ränke gegen Cefalos Frau Procride und nährt kühne Hoffnungen auf die Fortsetzung ihres Liebesidylls. Yuri Mynenko gibt einen eher gemütlichen Cefalo. Der ukrainische Countertenor ist aus den pastoralen Sturm-und-Drang-Jahren hörbar heraus und entsendet bemerkenswert schöne Töne – erst recht in den von Bononcini mit trügerischer Melodienseligkeit durchsetzten Rosenkrieg-Duetten. Ungewöhnlich für eine Barockoper ist, dass die Paarkonflikte nicht aus äußeren Widerständen, sondern inneren Animositäten erwachsen. „Liebe ja, aber ohne die Möglichkeit harmonischer Dauer“ lautet das die Oper durchziehende Mantra von Cefalo und Procride. Deshalb wirkt der apotheotische Schluss mehr aufgepfropft als in anderen Haupt- und Staatsaktionen jener Zeit. Besetzungscoup: Jiayu Jin macht deutlich, dass die komplizierte Procride trotzdem die bessere Partnerin-Entscheidung ist als die autoritäre Aurora.

Szenenbild aus „Cefalo e Procride“
Szenenbild aus „Cefalo e Procride“

Interessanterweise wird der lyrische Rezitativ-Gestus durch Übertitel leicht verzerrt und konterkariert. „Verzieh dich mit deinem Sonnensch…“ bellt Cefalo seine Ex-Geliebte Aurora an. Aber das klingt wie die Einladung zu einer Landpartie mit Besuch auf dem Schäfcherhof. Die einzig glaubhaft harmonische Figur in diesem Pastorale ist demzufolge die andere Nymphe Atenice. Anita Rosati singt sie mit dem stilistisch hohen Knowhow, wie es die gesamte Produktion auszeichnet. Langer lauter Applaus.

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci
Bononcini: Cefalo e Procride (Cephalus und Procris)

Bernhard Forck (Leitung), Michiel Dijkema (Regie, Bühne & Licht), Jula Reindell (Kostüm), Jiayu Jin (Procride), Yuri Mynenko (Cefalo), Chloë Morgan (Aurora & Zeffiro), Jonathan Eyers (Titone), Anita Rosati (Atenice / Zeffiro), Akademie für Alte Musik Berlin

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