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Operetten-Kritik: Musiktheater im Revier – Die Großherzogin von Gérolstein

Halbszenischer Volltreffer

(Gelsenkirchen, 27.6.2026) Dieser Operettenabend ist Amüsement vom Feinsten. Und Meister Offenbach erweist sich fürwahr als Mozart der Champs-Élysées.

vonMichael Kaminski,

Eines steht fest, die zuständige Militärbehörde in der Offenbachschen Duodezmonarchie investiert ihr Geld deutlich sinnvoller als das Bundeswehrbeschaffungsamt in Koblenz. Statt nämlich Unsummen für Rüstungsgüter zu verpulvern, die entweder nie zur Serienreife gelangen oder aber sich als im Einsatz untauglich erweisen, fließen die Ausgaben für die großherzogliche Armee direkt in die nach regierungsamtlicher Auskunft personalstärkste Hofkapelle Europas. – „Jeder Ton ein Treffer!“ – So des Klangkörpers ein um das andere Mal bewiesene Devise. Selbstredend würde an strategisches Totalversagen grenzen, die Musici im Orchester- oder Schützengraben zu verstecken, sie gehören ganz unbedingt auf die Bühne. Alles andere wäre Hochverrat. Da außer den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten ferner Choristinnen und Choristen zur Hofkapelle zählen, ist die Szene dermaßen üppig bevölkert, dass dortselbst für die Kulissen von Feldlager und Großherzoginnenpalast schlicht kein Platz bleibt. Die unter „halbszenisch“ firmierende Lösung am Musiktheater im Revier resultiert demnach aus schlichter Raumnot. Macht aber wenig, Regisseur Jari Kunter und Kostümbildnerin Julia Tannenberg zeigen sich unerachtet der durch Andreas Gutzmers Licht und einige Requisiten lediglich angedeuteten Szenerie in Gelsenkirchen reichlichst mit Spaßpatronen munitioniert.

Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“
Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“

Wunderwaffe

Weil aber selbst das trefflichste Rüstungsgut ohne sich seiner bedienende Soldateska dem Verfallsdatum entgegendämmern müsste, das Großherzogtum indessen zwar über einen hochdekorierten Chefmilitär, doch lediglich über einen einzigen gemeinen Soldaten verfügt, muss – nach eindringlichem und zu Gemüt gehendem Appell der gerolsteinischen Landesmutter – Musterung unter dem Gelsenkirchener Premierenpublikum gehalten werden. Immerhin lassen sich zwei Statisten rekrutieren. Eine Herzogin, ein General und drei Schützen. Kein Zweifel, Gerolstein ist von nun an klar auf dem Weg zur Mittelmacht. Zumal bei solch‘ unfehlbarer Strategie: Während die Hofkapelle das Publikum in Schach hält, setzt die kämpfende Truppe des feindlichen Nachbarstaats Armee mittels hochprozentigen Destillats außer Gefecht. Es war zu ahnen: An Emscher und Ruhr dient das Herrengedeck (Bier und Korn) noch immer als Wunderwaffe.

Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“
Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“

Emanzipierte Landeschefin, konventionelle Männer

Wahrlich, dort wie auch in Gerolstein, bedarf es einer Landesmutter, die tüchtig den Humpen zu stemmen weiß, sich verbal schlagfertig durchsetzt und Altherrenkumpaneien wie die ihres Ministers Puck und des Generals Bumm gewitzt hintertreibt und ausmanövriert. Überdies sich erotisch ganz und gar selbstzubestimmen sinnt. Unbegreiflich, weshalb die Großherzogin ausgerechnet auf letzterem Feld scheitert. Umwerfend fesch und charmant ist die Staatsfrau schon. Mag aber sein, eine sowohl für den zunächst auserkorenen Soldaten Fritz wie später den Sondergesandten Baron Grog gar zu starke Frau. Oder im Umkehrschluss: Beide Männer sind mental und charakterlich allzu sehr auf veraltete Rollenbilder fixiert. Indessen lässt Spielleiter Kunter keinen Zweifel daran, dass Notlösung Prinz Paul es mit der Angetrauten nicht gut meint. Kaum zum Landesherrn avanciert, reißt er der Gemahlin das Heft aus der Hand. Oder vielmehr die Partitur, aus der die Hofkapelle künftig aufzuspielen hat. Kunters final erhobener Zeigefinger nutzt wenig, aber schadet auch nicht. Sei dem, wie ihm sei: Der Abend bleibt Amüsement vom Feinsten. Julia Tannenbergs Kostüme sind Hingucker. Ob militärisch berockt, in Galarobe oder hochzeitlichem Hosenanzug, die Großherzogin macht beständig allervorteilhafteste Figur. General Bumm findet trotz der seiner Paradeuniform anhaftenden kiloschweren Ordenslast die Kraft, mittels Strippe den Federbusch seines ohnehin imposanten Helms hahnenkammgleich aufzurichten.

Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“
Szenenbild aus „Die Großherzogin von Gérolstein“

Offenbach aus dem Geist Mozarts

Wie szenisch, so erweist sich der Abend als überdies musikalischer Volltreffer. Alexander Eberle setzt dem Chor den musikalischen Schalk in den Nacken. Wie der Chordamen Entzücken über die bevorstehende siegreiche Rückkehr der Armee aus dem Felde sich in jauchzend-spitzen Jubelrufen entlädt, sollte ihnen den Hausorden des Musiktheaters im Revier eintragen. Am besten mit Stern. Vom Pult aus befeuert Florian Ludwig die als Gerolsteiner „Hofkapelle“ dienstverpflichtete Neue Philharmonie Westfalen zu Esprit und Eleganz. Da lässt sich wirklich einmal der „Mozart der Champs-Élysées“ vernehmen. Zu allem Überfluss greift Ludwig durch Sottisen und gar singend ins Bühnengeschehen ein. Hinreißend verkörpert Lina Edlin die Titelfigur. Oft erfrischend direkt, dabei immer nobel agiert diese Großherzogin. Vokal bietet Edlin dafür ihren gleichermaßen warm getönten und strahlkräftigen Mezzosopran auf. Adam Temple-Smiths im Herzen ganz und gar unmilitärischer Fritz gewinnt durch zahlreiche Lyrismen. Herzig weiß Katherine Allen für Wanda als Unschuld vom Lande einzunehmen. Stimmlich agil und spielerisch umwerfend gibt Joachim Gabriel Maaß den vor Präpotenz berstenden General Bumm. Mit den Genannten vereinen sich alle weiteren Solistinnen und Solisten zur glänzenden Ensembleleistung.  

Musiktheater im Revier
Offenbach: Die Großherzogin von Gerolstein

Florian Ludwig (Leitung), Jari Kunter (Regie), Julia Tannenberg (Kostüme), Andreas Gutzmer (Licht), Alexander Eberle (Chor), Lina Edlin (Die Großherzogin), Adam Temple-Smith (Fritz), Katherine Allen (Wanda), Martin Homrich (Prinz Paul), Joachim Gabriel Maaß (General Bumm), Piotr Prochera (Baron Puck), Sebastian Schiller (Nepomuk), Maximilian Teschemacher (Baron Grog), Lisa Maria Laccisaglia (Hofdame), Florian Ludwig (Ein Notar), Neue Philharmonie Westfalen, Chor des Musiktheater im Revier


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