Wäre das wahre Leben wie die Romane Jules Vernes, so müsste man sich um Antriebslosigkeit und Lethargie der Menschen weit weniger Sorgen machen als um deren aus Neugier geborene, vielleicht auch von Langeweile befeuerte Wissens- und Entdeckerlust. Denn bei Verne wird schier alles experimentell auf die Probe gestellt, was ein Mensch nur erdenken kann. Und gewetteifert wird darum auch.
Exemplarisch dafür steht eine der bekanntesten Geschichten des Autors: die Frage, ob die Erde mit den Fortbewegungsmitteln des 19. Jahrhunderts in 80 Tagen zu umrunden ist. Eine Schnapsidee eitler Clubherren, die doch den Ehrgeiz der Beteiligten kitzelt. Es geht aber noch waghalsiger und spektakulärer. Das hat nun das Nationaltheater Mannheim mit Alexander Schweiss’ dort uraufgeführter Abenteueroper „Die Reise zum Mond“ auch mit musikalischen Mitteln experimentell geprüft: Ist es möglich, mittels einer Kanonenkugel zum Erdtrabanten zu reisen?
Ein Libretto aus zwei Romanen
Das Libretto des bekannten Hamburger Theatermachers Jan Dvořák verbindet Aspekte zweier Romane Vernes, „Von der Erde zum Mond“ (1865) und „Reise um den Mond“ (1870). Es führt das Publikum zum Kanonenklub von Baltimore, dessen bis ins Karikatureske überzeichnete Kriegsversehrte und Veteranen dem Amerikanischen Bürgerkrieg nachtrauern. Mit dem Friedensschluss endet auch der Kanonenschuss. Damit droht die Identität des Klubs in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Neue Kraft gibt der Plan des Klubpräsidenten Impey Barbicane, ein Projektil auf den Mond zu schießen.
Die Begeisterung ist groß. Das Know-how zum Bau eines solchen Ungetüms ist ebenso vorhanden wie die Lust daran, dass es mal wieder so richtig knallt. Internationale Geldgeber und ein Bauplatz in Tampa, Florida, finden sich schnell. Mit dem Ingenieur Captain Nicholl wettet sogar ein Kenner gegen die physikalische Realisierbarkeit des Vorhabens. Schließlich erhält das öffentlich heiß diskutierte Unternehmen mit dem französischen Abenteurer Michel Ardan jene mitreißende Kraft, die die beiden anderen Herren dazu bewegt, nicht nur das Projektil zum Mond zu schicken, sondern sich selbst als Reisegruppe gleich mit.

Auch ohne Berliner Luft herrscht Operettenstimmung auf dem Mond
Freilich ist die Handlung abenteuerlich, wenn nicht gar absurd. Doch was bedeutet Abenteueroper in diesem Kontext musikalisch? Welche Aspekte umfasst dieses Spezialgenre? Schweiss bezieht Elemente aus Musical und Operette ein, wie es bei zeitgenössischen Werken mit leichterem Tonfall nicht unüblich ist. Noch vor dem Abschuss überzeugt Ardan seine Weggefährten mit einer schnulzigen Musicalnummer, der Grande Ballade „Der Himmel ist ein Himmelreich, und ich bin ihm im Herzen gleich“. Die knapp 96 Stunden der Reise zum Mond gestalten sich dann wie eine Art Road-Operette: „In 90, 80, 70 Stunden sind wir da“. Dazu gibt es Reime auf „lapidar“, ein „Liebespaar“ oder die Frage nach einem „Pissoir“. Besonders gut funktioniert das Werk also dort, wo es lustvoll albern und musikalisch unschuldig daherkommt und auf plakative, gerade dadurch sehr unterhaltsame Reimstrukturen trifft.
Schwer tut sich hingegen die Oper als solche, was keineswegs an Schweiss’ musikalischer Sprache liegt. Der 1998 in Mannheim geborene Komponist hat ein gutes Gespür für szenisches Kolorit. In der furiosen Hektik und wilden Rauheit des Kanonenklubs meint man Feuer und Schießbaumwolle musikalisch zu erahnen, während die tiefen Register der Streicher und das Glockenspiel eine frostig verzauberte Mondfahrt evozieren. Schwerfällig ist vielmehr die Behandlung der Singstimmen. Jenseits zahlreicher melodramatisch grundierter Dialoge und eines omnipräsenten, sehr einheitlich gestalteten Parlandostils, also eines dem Sprechen angenäherten Gesangs, gibt es wenig Arioses zu entdecken. Nur Luna, die personifizierte Bewohnerin des Mondes, die selbst neugierig und sehnsüchtig den Besuch vom blauen Planeten erwartet, kann mit ätherischen Koloraturen in höchsten Lagen auch gesanglich begeistern.

Viel Text, etwas wenig Oper
Das lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass Jan Dvořák gewaltige Mengen an Text durch den Librettisten-Reißwolf treibt, die dann auch ausgesprochen werden wollen. Eine rasche Willensbekundung, Sehnsucht nach Entdeckung, ironische Interaktionen während der Reise: Punktuelle Höhepunkte könnten hier mehr bewirken und sich zugleich aus sich selbst heraus erklären. Von der Textlast bleibt auch das Regiekonzept von Nigel Lowery nicht unberührt, der dem Mannheimer Publikum insbesondere mit seinen „Meistersingern“ aus dem Jahr 2018 im Gedächtnis geblieben ist.
Mit Witz verlegt Lowery den Kanonenklub in ein Schießbudenambiente, das die übersteigerte, aber liebevoll gezeichnete Leidenschaft der Figuren comichaft widerspiegelt. Doch Leben kommt dabei nicht in die Bude. Man(n) sitzt gemeinsam um einen Tisch, berät, heckt Pläne aus, träumt sich in glorreichere Tage. Bewegung und Interaktion im siebenköpfigen Ensemble: Fehlanzeige. Das Geschehen bestimmt weitgehend der erste Schriftführer des Kanonenklubs, J.-T. Maston, der die Romanhandlung über weite Strecken nacherzählt. Hier liegt wohl Dvořáks schwerwiegendste Entscheidung: Das Nacherzählen tritt an die Stelle des Spiels.
Dazu nehmen comichafte Videos die Handlung vorweg, sodass die Abenteueroper eher zu einem musikalischen Roman gerät. Insbesondere auf der Mondfahrt im zweiten Teil merkt man den Unterschied, wenn nur noch Barbicane, Ardan und Nicholl in der Kapsel verbleiben und humorvoll miteinander interagieren müssen. Ob bei all dem Klamauk die fast schultheaterartigen Elemente, etwa das für das Publikum sichtbare Umherschieben von Requisiten, Absicht oder Verlegenheitslösung sind, lässt sich nur mutmaßen.

Aufbrausend bis verträumt
Gleichwohl gelingt es einigen Darstellern, ihren Rollen Profil zu verleihen. Neža Vasle verführt als primadonnenhafte Luna spielerisch mit diesseitiger Entrücktheit und kalter Eleganz, sängerisch mit spitzen, sopranätherischen Koloraturen. Ensembleurgestein Thomas Berau gibt einen takt- und würdevollen Impey Barbicane, der als maßhaltender Gegenpart zum Schriftführer Maston zwingend nötig ist. Denn dieser gerät in der sehr vitalen Lesart des Düsseldorfer Schauspielers Pius Maria Cüppers zum stets präsenten, stets cholerischen Schreihals. In seinen Manieren gleicht er Rossinis Militaristenpersiflage, dem deutschen Barone di Trombonok, allerdings auf sehr viel Ecstasy.
Das Glanzlicht ist Raphael Wittmer als lebensfrohes Energiebündel Michel Ardan, das sanft im Klischeedialekt französelt. Man möchte Wittmer fast schon im Gene-Kelly-Verschnitt umhertanzen sehen, allerdings mit einem Baguette statt eines Regenschirms im Arm. In dieses musicalhafte Umfeld fügt er sich am ehrlichsten und natürlichsten ein.
Am Pult des Mannheimer Nationaltheater-Orchesters kann auch Anton Legkii die problematischen Grundvoraussetzungen nur bedingt ausgleichen. In der ersten Hälfte fällt es schwer, zwischen ekstatischer Geräuschkulisse, Mastons überhitzter Erzählung und den ansonsten sehr sparsamen musikalischen Mitteln zu vermitteln. Es ist schlicht laut. Die dezent gesetzten glitzernden Effekte und Lunas überirdisches Treiben im zweiten Part sind dagegen gut ausgehorcht. So bleibt bei allen Einwänden festzuhalten: Der junge Komponist hat hier großes Potenzial bewiesen. Unter besseren Voraussetzungen und mit einem dankbareren Plot als dieser Romanhandlung sind ihm überzeugende Ergebnisse zuzutrauen. Und wenn der Kanonenclub von Baltimore sein nächstes öffentlichkeitswirksames Unternehmen plant, die Krümmung der Erdachse zu begradigen, wird Schweiss das sicher nutzen können. Seine Fans wie auch den Applaus des Publikums hat er dafür bereits als stärkenden Rückenwind.
Nationaltheater Mannheim (OPAL)
Schweiss: Die Reise zum Mond
Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie, Bühne & Kostüme), Thilo David Heins (Video), Anna-Maria Würtz (Cartoon-Animation), Nicole Berry (Licht), Neža Vasle, Thomas Berau, Raphael Wittmer, Thomas Jesatko, Pius Maria Cüppers, Yejy Nam, Rommie Rochell, Dominic Gaston, Zacharías Galaviz-Guerra, Nationaltheater-Orchester Mannheim, Statisterie des Nationaltheaters Mannheim
Termintipp
So., 11. Oktober 2026 17:00 Uhr
Musiktheater
Schweiß: Reise zum Mond
Neža Vasle (Luna), Thomas Berau (Impey Barbicane), Thomas Jesatko (Captain Nicholl/Florida Man), Pius Maria Cüppers (J.-T. Maston), Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie)
Termintipp
Sa., 17. Oktober 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schweiß: Reise zum Mond
Neža Vasle (Luna), Thomas Berau (Impey Barbicane), Thomas Jesatko (Captain Nicholl/Florida Man), Pius Maria Cüppers (J.-T. Maston), Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie)
Termintipp
Fr., 23. Oktober 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Schweiß: Reise zum Mond
Neža Vasle (Luna), Thomas Berau (Impey Barbicane), Thomas Jesatko (Captain Nicholl/Florida Man), Pius Maria Cüppers (J.-T. Maston), Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie)
Termintipp
So., 25. Oktober 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Schweiß: Reise zum Mond
Neža Vasle (Luna), Thomas Berau (Impey Barbicane), Thomas Jesatko (Captain Nicholl/Florida Man), Pius Maria Cüppers (J.-T. Maston), Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie)
Termintipp
Sa., 14. November 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schweiß: Reise zum Mond
Neža Vasle (Luna), Thomas Berau (Impey Barbicane), Thomas Jesatko (Captain Nicholl & Florida Man), Pius Maria Cüppers (J.-T. Maston), Anton Legkii (Leitung), Nigel Lowery (Regie)




