Es gibt kaum eine bekannte Oper, die unter Bernd Loebes ruhmvoller Intendanz noch nicht an der Oper Frankfurt zu sehen war. Nun schreitet das regelmäßig mit Ehrungen überschüttete Haus den Kreis der Mozart-Werke weiter aus – hin zu weniger bekannten Stücken wie „Ascanio in Alba“, „Mitridate“ und jetzt dem Singspiel-Fragment „Zaide“.
Das um 1780 zwischen Wolfgang Amadeus Mozarts Paris-Reise und „Idomeneo“ entstandene Fragment besitzt sogar einen engen Regionalbezug zur Main-Region: Mozarts Witwe Constanze verkaufte die ohne Dialoge und Titel erhaltenen 15 Musiknummern an den Offenbacher Musikverleger Johann Anton André. Dieser brachte 1838 eine erste Edition mit einer von ihm selbst komponierten Ouvertüre und einem Finale unter dem Titel „Zaide“ heraus – benannt nach der weiblichen Hauptfigur. Das oft mit „Die Entführung aus dem Serail“ verglichene Werk gelangte am 27. Januar 1866, Mozarts 110. Geburtstag, im Frankfurter Opernhaus zur Uraufführung. Die aktuelle Neuproduktion erlebte nun im Bockenheimer Depot – einer für die Musik des 18. Jahrhunderts glänzend geeigneten Spielstätte – ihre gefeierte Premiere.

Dystopie in der Rennbahn
Während im Bockenheimer Depot sonst meist eine frontal aufsteigende Publikumstribüne steht, saß man diesmal in einem Halbrund. In elliptischer Form schlingt sich eine Rennbahn mit mehreren Spuren um das Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Jo Schramm lässt Rüstungen von der Decke hängen. Diese könnten für ein Gladiatoren-Spektakel bestimmt sein; die Farben Weiß und Rot lassen an mittelalterliche Kreuzritter denken. Alles ist so abstrakt gehalten, dass es ebenso als Dystopie einer nahen Zukunft oder als Space Opera funktioniert. Das Produktionsteam verortet das Geschehen in einem zeitlosen Unrechtssystem. Im Untergrund robbt eine Löwin, die auf Menschenfleisch lauert; das eiskalte, anonyme Wachpersonal evoziert mit Schildpatt-Sonnenbrillen Kinothriller der ganz fiesen Art.

Nüchterne Grausamkeit
Menschen werden in Panzern, die an Kabeln und Deckenrollschienen befestigt sind, entpersönlicht und gebrochen. Das jüngste Opfer dieses Systems ist Zaide. Das emotionale Liebesfunkeln, das im originalen Textbuch von Johann Andreas Schachtner den Machthaber Soliman noch etwas wärmte, ist der auf wenige Signalworte konzentrierten Frankfurter Textfassung gründlich ausgetrieben. So deutlich, kantig und mit nüchterner Grausamkeit entwickelt David Hermann in seiner Inszenierung die Scharniere von Machtausübung und antihumaner Funktionalität, dass es am Ende zu wenigen, eher entsetzten als kritischen Buhs kam. Sibylle Wallums Kostüme, bis hin zu den schlammfarbenen Mänteln der Wachen, sind angemessen unschön bis nüchtern. Joachim Kleins helles, bewusst undifferenziertes Licht kennt keine Gnade.
Die Hände der Totgeweihten werden später in Beuteln mit Glasscherben verbunden. Man sieht das Blutbad nicht, aber der Schmerz überträgt sich physisch. Nach dem keine entschiedene Lösung und deshalb keine echte Erlösung verkündenden Orakelspruch aus Mozarts Schauspielmusik zu „Thamos, König in Ägypten“ ist ein gutes Ende unwahrscheinlich. Die nüchterne Verwaltung von Opfern hat wenig ästhetischen Reiz und funktioniert hier demzufolge angemessen. Ein utopisch glückliches Ende im Sinne der Aufklärung, wie in „Die Entführung aus dem Serail“, gibt es hier nicht.

Dunkles Leuchten: George Petrou dirigiert einen starken Mozart
So wenig das Bühnengeschehen wärmt, so stark und warm klingt die Musik. In „Zaide“ findet sich ein prachtvolles Quartett, das die dramatische Intensität des „Don Giovanni“ vorwegnimmt. Neben dem Sopran-Hit „Ruhe sanft, mein holdes Leben“ faszinieren weitere Arien-Juwele sowie zwei „Melologe“ – Sprechmonologe mit Orchester, die an die Intensität der „Idomeneo“-Rezitative heranreichen. Mit profunder Barock-Erfahrung modelliert George Petrou, der Leiter der Göttinger Händel-Festspiele, einen dunkel glühenden, transparenten, dabei immer runden und intensiven Mozart-Klang. Die dramatische Schmiegsamkeit, die Interaktion und das Atmen mit den Solostimmen gelingen vorzüglich. Die Partie der Zaide steht auch deshalb im Zentrum, weil Karolina Bengtsson in einer ihrer ersten ganz großen Partien nach der „Così“-Fiordiligi noch besser singt, als sie leidet. Bengtssons hier idealer Sopran nimmt die hohen Verzierungen mit Fülle, hat in der Mittellage ein edles Flirren und keine Angst vor besonders langen Phrasen. Das kommt einem vollkommenen, weil auch dramatisch akzentuierten Mozart-Glück ziemlich nahe.

Vokale Kontraste und die Kraft des Fragments
Nicht ganz auf derselben Höhe und deshalb sinnfällig präsentieren sich die Männerstimmen um die Titelfigur. Peter Marsh lässt als anonymisierter Machthaber Soliman einen Monostatos-Tenor hören, als hätte der korrupte Diener aus „Die Zauberflöte“ im Sturm alle Karrierestufen zur Herrschaftsspitze genommen. Michael Porter ist ein feiner, aber kein strahlender Gomatz, den Zaide in der antihumanen Schreckensanstalt kennen- und lieben lernt. Aleksander Myrling gibt als Allazim einen stilaffinen Schergen, und Pete Thanapat setzt sich als Osmin, vor allem aber als ins Leere laufende Orakelstimme, wirkungsvoll in Szene.
Zwischen dem distinguierten Puls der musikalischen Gestaltung und dem kontrastkalten Design der Ausstattung liegen atmosphärische Brüche, die gar nicht erst zusammenfinden sollen. Selbst wenn dadurch die Aufmerksamkeit für die starke musikalische Leistung desto intensiver herausgefordert wird, gewinnt das noch immer unterschätzte „Zaide“-Fragment dadurch entscheidend: Man hört im Bockenheimer Depot, wie stark und intensiv diese Musik im Kern ist.
Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Mozart: Zaide
George Petrou (Leitung), David Hermann (Regie), Jo Schramm (Bühne), Sibylle Wallum (Kostüme), Joachim Klein (Licht), Mareike Wink (Dramaturgie), Karolina Bengtsson (Zaide), Michael Porter (Gomatz), Peter Marsh (Soliman), Aleksander Myrling (Allazim), Pete Thanapat (Osmin), Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Termintipp
So., 18. Oktober 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Mozart: Zaide
Karolina Bengtsson (Zaide), Michael Porter (Gomatz), Peter Marsh (Soliman), Aleksander Myrling (Allazim), Pete Thanapat (Osmin), George Petrou (Leitung), David Hermann (Regie)

