Ein Kirchenraum als Trümmerfeld, als schreckliches Zeugnis der Verwüstung: Steinerne Statuen sind geköpft, Leinwände von Heiligenbildern zerfetzt, vergoldete Rahmen gebrochen, Stuckelemente und ganze Friese zerborsten, Brocken des Mauerwerks auf dem Boden zerstreut, Mobiliar zertrümmert, der herabgefallene Gekreuzigte lehnt an einem Altar. Die Kirche Sant‘ Andrea della Valle in Rom, laut Libretto Schauplatz des ersten Aktes von Giacomo Puccinis „Tosca“, ist in der Neuinszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Thaddeus Strassberger beim Festival Oper im Steinbruch im burgenländischen St. Margarethen massiv gezeichnet von kriegerischen Auseinandersetzungen.
Von einer Kanone hoch oben auf der Felskuppe gehen gleich zum Vorspiel der Oper Kanonenschüsse los und demolieren ein Standbild. Mit diesen überdeutlichen Spuren der Zerstörung tritt der historische Hintergrund, die Koalitionskriege, die als europaweit ausgreifende Folge der Französischen Revolution unter Napoleon den Funken einer Republik nach Rom tragen, auch optisch in die Privathandlung der Oper. Tatsächlich gab es damals in Rom für einige Monate einen Sieg republikanischer Kräfte. Das Königreich Neapel, in dessen Herrschaftsgebiet die „città eterna“ lag, wurde kurzfristig ausgeschaltet. Doch die Kräfte der Restauration sammelten sich bald wieder und schlugen mit brutaler Rache zurück. In diesem Panorama ereignet sich die Handlung in „Tosca“, die im Juni 1800 spielt. Das Kriegsgeschehen, das in Puccinis Oper lediglich in wenigen Äußerungen angedeutet und behauptet wird, ist auf der Bühne von St. Margarethen omnipräsent.

Historische Glaubwürdigkeit und Kleidung als Spiegel der Seelen
Cavarodossi ist somit nicht bloß ein gewöhnlicher Kirchenmaler, sondern er hilft hier bei der Wiedererrichtung des zerstörten Kirchenraumes. Wenn seine Geliebte, die Diva Floria Tosca, einen Riesenstrauß Blumen für ein Altarbild bringt, ist dies auch ein Akt, den Kriegsfolgen etwas entgegenzusetzen. Und der Hoffnungslosigkeit: Schließlich ist Cavaradossi ein Parteigänger der niedergeschlagenen Republik, der den aus der Haft geflohenen ehemaligen republikanischen Konsul Angelotti vor dem tyrannischen Polizeichef Scarpia versteckt. Für historische Glaubwürdigkeit sorgen die detailreich ausgearbeiteten Kostüme im Empire-Stil und Gewänder der Kleriker von Giuseppe Palella. Tosca und Cavaradossi tragen unschuldiges Weiß, Scarpia Schwarz mit protzigen Goldapplikationen – Kleidung als Spiegel der Seelen.
„Tosca“ ist trotz der „Te Deum“-Massenszene am Schluss des ersten Aktes letztendlich ein Kammerspiel. Die Vorgänge werden zwischen vier Hauptfiguren verhandelt: Cavaradossi, Tosca, Angelotti und Scarpia, zuzüglich weniger Nebenfiguren. Das ist die große Herausforderung bei einer Inszenierung auf der gut 4.000 Quadratmeter großen Freilichtbühne im imposanten Steinbruch St. Margarethen.

Zu Leben erweckte Schmerzensmadonnen und Heilige
Dementsprechend lässt die Produktion im Finale des ersten Aktes die Muskeln spielen: Es gibt nicht bloß eine riesige Prozession mit Mönchen, Nonnen und Ministranten, sondern der Hochaltar öffnet sich surreal – und heraus strömen zu Leben erweckte Schmerzensmadonnen und Heilige. Aus den Gängen der gut 5000 Besucher fassenden Zuschauerreihen schreiten als Kleriker gewandete Statisten zur Bühne, mit Weihrauchfässchen, deren Geruch deutlich wahrnehmbar ist. Das Lokalkolorit wird somit auch olfaktorisch vermittelt. Auf der Bühne wird, man denkt gleich an die berühmte Wallfahrtskirche von Santiago de Compostela, Ziel des Jakobswegs, sehr eindrücklich ein riesiges Weihrauchgefäß in der Höhe geschwungen. Das wuchtige musikalische Finale Puccinis zum ersten Akt erhält hier eine überwältigende optische Entsprechung.

Reale Bilder treffen auf das Metaphysische
Das verwüstete Kircheninnere dient auch als Bühnenbild für die folgenden zwei Akte, als Metapher für die menschlichen Beziehungen in gewalttätigen Zeiten, für eine Liebe in Zeiten des Krieges, die in die Maschinerie der Weltpolitik gerät. So ringt Tosca mit Scarpia im Kirchenraum, nicht in dessen Arbeitszimmer, um das Schicksal von Cavaradossi. Sie tötet den Tyrannen, der sie vergewaltigen will, am geheiligten Ort. Die Folterqualen Cavaradossis sind nicht bloß zu hören, sie werden auch hinter dem sich öffnenden Kirchenbild, an dem er vormals arbeitete, sichtbar. Eine Vision ist dies als Imagination der bedrängten Tosca, die um ihren Geliebten bangt. Reale Bilder, innere Vorstellungen der Fantasie und ein Ausgreifen ins Metaphysische greifen in der Szenerie ineinander.
Dieses visuelle Kontinuum zwischen den Realitätsebenen wird im dritten Akt noch intensiviert. Während des als Orchesterpanorama für die Morgendämmerung über Rom fungierenden Intermezzos bewegt sich ein geisterhafter Hofstaat des Ancien Régimes in der Mode von Marie-Antoinette durch den demolierten Kirchenraum. Der ferne Gesang eines Hirten wird durch eine Prozession mit einem goldenen Lamm szenisch illustriert. Die Glocken, die über der erwachenden Stadt in der Partitur Puccinis erklingen, sind im Bühnenbild sichtbar. Ebenso wie die kopfüber hängende Leiche eines Opfers der Polizeiwillkür Scarpias. Während des letzten Duetts von Tosca und dem Maler deutet im Bühnenvordergrund eine Reihe von Todesengeln mit schwarzen Schleiern das tragische Ende an.

Sehr italienisch, sehr puccinesk
Im Finale der Oper gelingt nochmals ein visueller Coup: Statt in den Tod zu springen, nachdem sie merkt, dass Scarpia entgegen der Abmachung die Erschießung Cavaradossis nicht bloß als Scheinexekution, sondern tatsächlich angeordnet hat, transzendiert Tosca als Racheengel in einem barock-opulenten Tableau vivant des sich erneut öffnenden Hauptaltars und ersticht mit einem riesigen Speer Scarpia ein zweites Mal. Was für ein beeindruckendes Ende – mit einer surreal überhöhten Protagonistin, die auf Erden verliert, aber metaphysisch siegt. Hier wird Tosca selbst zur Heiligen, die über das Böse triumphiert. Sehr italienisch, sehr puccinesk, vor allem aber stimmig als Lesart. Doch auch in Szenen ohne Statisterie und Chöre gelingt es der Inszenierung, die Spannung zu halten. Nicht nur mittels gelungener Beleuchtung (Licht: Driscoll Otto), sondern auch durch eine schlüssige Personenregie.

Ein durch und durch anregender Sommeropernabend
Joyce El-Khoury, die im Steinbruch Sankt Margarethen schon vor drei Jahren als Carmen begeisterte, weist als Tosca eine immense Bühnenpräsenz auf. Trotz gelegentlicher klanglicher Härten gestaltet sie die Partie sehr ausdrucksstark und mit strahlender Energie. Sie überzeugt mit ihrer Aura bis in die letzte Reihe der Zuschauerplätze. Yongzhao Yu als Cavaradossi wirkt mit schlankem Tenor anfangs etwas angestrengt und forciert, entwickelt jedoch im Verlauf des Premierenabends bald Souveränität und Kraft. Seine Arie „È lucevan le stelle“ im dritten Akt entfaltet dann auch unwiderstehlichen tenoralen Schmelz. Der Scarpia von Gevorg Hakobyan ist von Anfang an markig, kernig, tief grundiert und in jeder Situation beweglich. Auch der Angelotti von Volodymyr Morozov überzeugt und berührt. Dies gilt auch für die übrigen Solisten. Das Piedra Festivalorchester unter Leitung von Valerio Galli sowie der Philharmonia Chor Wien und der Kinderchor Gumpoldskirchner Spatzen tragen zum fulminanten Gesamteindruck bei. Ein runder, durch und durch anregender Sommeropernabend, bei dem das Wetter, bis auf einen ganz kurzen, letztlich erfrischenden Schauer, mitspielte.
Oper im Steinbruch St. Margarethen
Puccini: Tosca
Valerio Galli (Leitung), Thaddeus Strassberger (Regie & Bühnenbild), Giuseppe Palella (Kostüme), Driscoll Otto (Licht), Volker Werner (Ton), Ran Arhur Braun (Live Action Director), Joyce El-Khoury (Tosca), Yongzhao Yu (Cavaradossi), Gevorg Hakobyan (Scarpia), Volodymyr Morozov (Angelotti/Carceriere), Ivan Zinoviev (Sagrestano & Sciarrone), Peter Kirk (Spoletta), Show Talent Network (Stunts), Philharmonia Chor Wien, Walther Zeh (Choreinstudierung), Gumpoldskirchner Spatzen, Katja Kalmar (Choreinstudierung), Piedra Festivalorchester
Do., 13. August 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Tosca
Oper im Steinbruch St. Margarethen
Fr., 14. August 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Tosca
Oper im Steinbruch St. Margarethen
Sa., 15. August 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Tosca
Oper im Steinbruch St. Margarethen
So., 16. August 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Tosca
Oper im Steinbruch St. Margarethen
Mi., 19. August 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Puccini: Tosca
Oper im Steinbruch St. Margarethen




