Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Die Bühne als Filmstudio

Opern-Kritik: Oper Köln – Der Rosenkavalier

Die Bühne als Filmstudio

(Köln, 27.9.2026) Zur Wiedereröffnung der Oper Köln verlegt Marie-Ève Signeyrole Strauss’ „Der Rosenkavalier“ ins Filmstudio. Ihre Inszenierung überzeugt nur bedingt.

vonMichael Kaminski,

Anlässlich der Wiedereröffnung der Kölner Oper nach geschlagenen 14 Jahren des Interims sind im frisch sanierten Haus am Offenbachplatz Film und Fernsehen omnipräsent: im Hauptfoyer das TV-Moderatorenduo und zugehörige Technik, im Saal Fernsehkameras samt branchenspezifischer Prominenz, auf der Bühne Videofilmer und Leinwände zur Präsentation der cineastischen Ergebnisse. Nur zu begreiflich, wenn sich die Marschallin unter solchen Umständen zugleich in Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin eines Streifens über das Liebesleben der Fürstin Werdenberg verwandelt. Für Regisseurin Marie-Ève Signeyrole ist „Marschallin“ in „Der Rosenkavalier“ offenbar kein Titel, sondern ein Familienname. Ungeachtet dieser Personalunion von Schlüsselpositionen droht der Multitalentierten die Kontrolle über das Projekt zu entgleiten. Denn Filmproduzent Ochs stellt Jungschauspielerin Sophie nach, schanzt ihr gar den renommierten Preis „Silberne Rose“ zu. Die Inhaltsangabe ließe sich fortsetzen bis zum finalen Entschluss der Autorin, Spielleiterin und Protagonistin, Octavian freizugeben und das Drehbuch dem Verzicht auf den Geliebten anzupassen.

In der Substanz ändert sich freilich bei dieser von Signeyrole ersonnenen Variante des Plots gegenüber dem Original wenig. Doch hat es ihr nicht allein die Oper angetan. Die Spielleiterin sieht sich obendrein herausgefordert, den „Rosenkavalier“-Stummfilm aus dem Jahr 1927 zu beschwören. Das veranlasst sie, das Bühnengeschehen ins Filmstudio umzusiedeln. Durchaus nachvollziehbar.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Das Spiel mit den Geschlechtern?

Gleich aber, ob tatsächliches Werdenberg’sches Boudoir oder Liebeslager am Set, Faninals Palais oder Kinopalast, Beisl oder Partylocation der Filmcrew: Strauss’ und Hofmannsthals Oper lebt vom Kontrast zwischen Delikatesse bis hin zum Ätherischen einerseits und Deftigem, mitunter Drastischem andererseits. Signeyrole weiß darum. Wie Marschallin und Octavian wechselseitig überaus sachte an der Leibwäsche nesteln, nimmt ganz unbedingt für das Paar ein. Erst nach einer ganzen Weile wird klar: Für Signeyrole ist Octavian eine Frau. Marschallin und nur vermeintlicher Jüngling sind homoerotisch Liebende. Unter solchen Vorzeichen ist Sophies gleichgeschlechtliche Neigung zwar wenig überraschend. Dennoch gerät sie zur bloßen, szenisch nicht beglaubigten These. Beim ohnehin zwischen Mann und Frau changierenden Octavian liegt der Geschlechtertausch fraglos bedeutend näher.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Kein Pardon für Ochs

Sei dem, wie es sei: Ochs’ sexuelle Zudringlichkeit kommt unverhohlen brutal daher. Kein tölpelhaft-übergriffiger Landadeliger platzt da ins Werdenberg’sche Boudoir, sondern – viel schlimmer – ein Gewaltmensch und Sozialdarwinist übelster Sorte. Ein Unsympath von Graden. Was Libretto und Musik im Landedelmann anlegen, gelangt bei Signeyrole offen zum Ausbruch. Von Anbeginn trachtet der Lerchenauer nach Vergewaltigung. Schon im Schlafgemach der Marschallin fällt er vor den Augen der Fürstin über die vorgebliche Zofe her. Im Beisl ohnehin. Keine Frage, der Mann ist ein Fall für „#MeToo“. Freilich bleibt unter solchem Vorzeichen von der „Komödie“, die „Der Rosenkavalier“ zu sein beansprucht, wenig übrig. Wenn Strauss und Hofmannsthal den Lüstling von der Bühne fortweisen, gewähren sie ihm halb und halb den Anschein von Gesichtswahrung. Ohnehin weicht der Lerchenauer der Marschallin wie dem Liebespaar gleichermaßen aus dem Sinn. Die eine ist mit ihrer Melancholie befasst, die anderen schwelgen im Happy End. Er ist ihnen nicht mehr wichtig. Signeyrole setzt andere Prioritäten. Sie fordert des Barons Verdammung. Nach allem, wessen sie ihn bezichtigt, folgerichtig.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Funktionierende Bühnentechnik

Auch das Videokonzept hat Signeyrole entwickelt. Nicht immer hält die Mimik der Abgefilmten den Close-ups stand, zumal diese die große bühnenbildnerische Zurückhaltung aufwiegen sollen. Sicher, in der vergangenen Woche hatten echte oder gerüchteweise verbreitete Hiobsbotschaften technische Ausfälle prognostiziert. Nun lässt Bühnenbildner Fabien Teigné geradezu demonstrativ scheibenförmige Rosenblüten aus dem Bühnenturm herab und fährt Bühnenwagen von hinten und von den Seiten auf die Szene. Vorwiegend befördern sie die Statisterie und schlichte Wände. Hingegen sorgt Sascha Zauners Licht für Atmosphäre. Yashi verwendet einen beträchtlichen Teil ihres kostümbildnerischen Einfallsreichtums auf die Hingucker-Robe, in der Sophie des Bräutigams respektive Filmproduzenten harrt. Weshalb sie zunächst die Marschallin und am Ende Sophie gleichsam in Gouvernantentracht steckt, will sich nicht erschließen.

Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“
Szenenbild aus „Der Rosenkavalier“

Steigerungsfähig, aber auf gutem Weg

Musikalisch wartet die Eröffnungspremiere cum grano salis mit dem auf, was an einem großen Haus erwartet werden darf. Andrés Orozco-Estrada lässt das Gürzenich-Orchester al fresco aufspielen. Die gewisse Derbheit stimmt mit dem oft brutalen Bühnengeschehen überein. Dennoch vertrüge das Violinsolo am Ende des ersten Akts eine zusätzliche Prise Poesie. Der Rang von Kapellmeister und Klangkörper erweist sich im präzise ausgehörten und transparenten Vorspiel zum Schlussakt. Allzu häufig steigt indessen die Lautstärke aus dem Graben derart an, als stünden unerhört großformatige und prächtig aufblühende Strauss-Stimmen zur Verfügung.

Die weibliche Dreifaltigkeit aus Magdalena Hinterdobler, Bianca Andrew und Giulia Montanari verdient gesteigerte Rücksichtnahme. Hinterdoblers Marschallin ist die intensive gesangstechnische und darstellerische Auseinandersetzung mit der Partie anzumerken. Ihre ins Gemüt greifenden Piani etwa lassen vermuten, dass sie auf dem Weg zu einem überzeugenden Rollenporträt ist. Für Octavian bietet Bianca Andrew schöne Emphase auf. Giulia Montanari wird ihre Sophie gewiss von Aufführung zu Aufführung stimmlich durchsetzungsfähiger verkörpern. Vokal und spielerisch rüde gibt Patrick Zielke den Ochs in völligem Einvernehmen mit den Anforderungen der Regie. Christian Miedl ist ein solider Faninal. Die kleineren und kleinsten Partien sind ansprechend besetzt.

Bei allen Einwänden: Entscheidend ist, dass der „Lappen“ hochging. Künstlerische, technische und administrative Kompetenzen müssen das Übrige richten.

Oper Köln
R. Strauss: Der Rosenkavalier

Andrés Orozco-Estrada (Leitung), Marie-Ève Signeyrole (Regie & Videokonzept), Fabien Teigné (Bühne), Yashi (Kostüme), Sascha Zauner (Licht), Rustam Samedov (Chor), Magdalena Hinterdobler, Patrick Zielke, Bianca Andrew, Christian Miedl, Giulia Montanari, Claudia Rohrbach, Martin Koch, Daelia Schaechter, Lucas Singer, Pavel Brožek, Wesley Harrison, Young Woo Kim, Alina König Rannenberg, Anna Isene, Martina Sigl, Jing Yang, Armando Elizondo, Artjom Korotkov, Won Min Lee, Sinhu Kim, Josua Guss, Nicolas Boulanger, Paul Frenke, Eva Arteaga, Daniel Calladine, David Eicler, Tanja Giessing, Natalia Stellmach, Silvia Vito, Tom Wirtz, Simone Zorn, Gürzenich-Orchester Köln, Chor der Oper Köln






Auch interessant

Rezensionen

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!