Dieser Mann ist ehrgeizig, er ist eitel. Sehr sogar. Und er giert nach Anerkennung, die er zunächst aus bedingt berufenem Munde erhält: Eine Schar von Hexen prophezeit ihm einen kometengleichen Aufstieg – zum König. Bei Shakespeare und bei Verdi ist dieser Mann der kühne Anführer des schottischen Heeres, der gerade von einem siegreichen Feldzug nach Hause zurückkehrt. In der Inszenierung von Andreas Baesler bei den Opernfestspielen Heidenheim wird dieser Macbeth zum selbstverliebten Sänger, der gerade mit Erfolg eine Opernvorstellung gesungen hat, begleitet vom Kapellmeister namens Banco von der Bühne abtritt – und nun eindeutig mehr will. Ganz Großes. Er will Star sein, die Nr. 1 der Szene, die nicht mehr den Vergleich mit großen Vorgängern suchen muss, sondern selbst zur baritonalen Benchmark wird.

In den Himmel der Oper gehoben wird er hier also nicht von den mehr oder weniger magischen Märchenwesen der Hexen. Vielmehr ist es eine Truppe von Putzfrauen, Technikerinnen und dem fürs Catering zuständigen Damen aus dem Vorderhaus, die ihm am angestammten Arbeitsplatz klarmachen, für Höheres berufen zu sein.
„Die ganze Welt ist Bühne“
Das ist ein hübsches, ein attraktives und ein stimmiges Ambiente für ein Werk, das um den Widerspruch aus Identität und gesellschaftlich-beruflicher Rolle kreist. Auf der Probebühne dieses Beginns von Verdis „Macbeth“ stehen Schminktische mit Spiegeln, ein Flügel, ein roter Sessel. Wenige Requisiten reichen Baesler, der auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, um das Setting für seine Regie zu kennzeichnen, die sich direkt auf Shakespeare berufen kann, der in „Wie es euch gefällt“ die seitdem immer wieder zitierte Erkenntnis kundtat: „Die ganze Welt ist Bühne, und die Frau’n und Männer bloße Spieler.“

Und so spielt dieser „Macbeth“, spielen all seine Figuren nun also ganz direkt im Opernhaus: Theater im Theater. Die Idee wirkt insofern stimmig, als die komplexeste aller Kunstproduktionsstätten gemeinhin ja als die eigentliche Zentrale des Wahnsinns gilt: Da werden eben tagein tagaus Rollen gespielt, da herrscht ein mitunter schon krankhaft divenhaftes Verhalten, da werden Menschen durch Intrigen voneinander entfremdet, da geht es – trotz aller vorgeblichen Nettigkeiten von Bussis und gegenseitigen Lobhudelein – um einen Konkurrenzkampf aller gegen alle.
Macbeth, der zaudernde Narzisst
Als Bariton Thomas Weinhappel nun diesen Backstagebereich betritt, sehen wir ihn im schicken Anzug, um den Hals trägt er einen üppigen weißen Sängerschal. Ein Narzisst im perfekten Styling, der – pardon – so aussieht wie sein smarter junger Vornamensvetter und echter Starkollege Thomas Hampson, den zumal die Damenwelt unentwegt anhimmelt, weil er eben so umwerfend, so verdammt gut aussieht. Ist dieser Macbeth hier noch Mensch oder doch schon sich selbst inszenierende Kunstfigur? Als die Chorherren als Meister der Kostümabteilung alsbald Maß nehmen und ihm den Königsmantel anpassen wollen, wird schnell klar: Längst spielt dieser Mann schon denjenigen, der er sein möchte. Der Blick in den Spiegel bestätigt ihn.

Und seine Gattin, die namenlose Lady Macbeth, klärt ihn auf, er sei zwar eitel, aber ohne Mut. Ein Narzisst, der zaudert, hat Probleme beim Aufstieg. Zweifel schaden, Moral sowieso. Also hilft ihm seine Lady zu verstehen, dass der Zweck durchaus jedes Mittel rechtfertigt: auch die Beseitigung von Personen, die ihm auf dem Weg nach oben nur im Wege stehen. Mord Nr. 1 gilt König Duncano – er könnte der Impresario des Hauses sein, als nächstes muss sein einstiger Vertrauter Banco, der Dirigent, dran glauben, erfährt Macbeth doch von den Hexen des Theaters, dass die Nachfahren Bancos demnächst seine Position einnehmen würden. Und Nachfolger und Nebenbuhler, die seinen Ruhm relativieren könnten, braucht ein einzigartiger königsgleicher Künstler wie er nun wirklich nicht.
Das Power Couple of Opera
Doch natürlich nimmt die Tragödie ihren Lauf. Macbeth und seine Lady gehen über Leichen. Sie zerstören alsbald nicht nur sich selbst, sondern auch das Reich der Oper, das ihnen doch alles bedeutete. Erst sonnen sie sich noch im Lichte der Scheinwerfer, er trägt nun wahlweise seinen Königsmantel oder einen Frack mit roten Insignien der Macht (Fliege, Schuhe, Kummerbund und Einstecktuch), sie – eine machtvolle Managerin, die einen echten Intendanten überflüssig macht – ein schickes rotes Kleid.

Das Power Couple of Opera ist auf dem Weg nach oben ganz oben angekommen. Ab dem dritten Akt erblicken wir indes ein gleichsam kriegszerstörtes, aber letztlich von innen heraus zersetztes Opernhaus und zwei Hauptfiguren, die für den Niedergang des Ganzen Verantwortung tragen und nun immer weiter in den Wahnsinn schlittern.
Der Chor: Welche Wucht, welche Wonne!
Das Bild von der Welt als Bühne trägt also bestens. Vielleicht hätte der Inszenierung hier und da ein ironisches Augenzwinkern gutgetan. Humor gibt es kaum. Hoch anzurechnen ist Baesler freilich, dass er nie in die Nähe der Persiflage oder der Klamotte über all die Verrücktheiten des Operngeschäfts gerät, sondern psychologisch präzise das Innere der Figuren und deren Beweggründe ausleuchtet. Starke Sängerdarsteller stehen dazu auf dieser etwas anderen Shakespeare-Bühne, die eine Welt bedeutet.

Thomas Weinhappel ist kein auftrumpfender (Anti-)Held, sondern mit lyrisch warm timbriertem Kavaliersbariton ein Zauderer, der seine Lady braucht, um sich an die Macht zu morden, Leah Gordon singt sie mit Durchschlagskraft in allen Lagen. Don Lee stattet Banco mit starker Basswürde aus, David Esteban den Macduff mit schmelzend schönem Tenor. Der Tschechische Philharmonische Chor Brünn wertet seinen Part einmal mehr zur Hauptpartie auf. Welche Wucht, welche Wonne.
Die Urfassung: rauer, rhythmusgezeugter, kompromissloser
Kein Star, der sich wie Macbeth selbst inszenieren möchte, sondern durch höchste Qualität – durch Präzision, feinste Farbmischungen und Drive – besticht, ist die Cappella Aquileia. Als historisch informierter Klangkörper zeigt das Orchester der Opernfestspiele Heidenheim unter Marcus Bosch, dass es beim jungen Verdi immer noch enorm viel zu entdecken gibt. Der Festspielintendant und Orchesterchef hat im Rahmen seiner chronologisch angelegten Reihe der frühen Verdi-Opern nun für „Macbeth“ die Florentiner Urfassung von 1847 gewählt. Kaum je zu hören ist sie rauer, rhythmusgezeugter, kompromissloser und artikulatorisch zugespitzter als die spätere Pariser Version. Bosch macht die explosiven Momente der Partitur mit seinem Orchester spürbar. Er wertet die kleinen Figuren und Figurationen auf, die genau ausgearbeitet hörbar und dadurch nie zu klanglichen Hm-Hm-Ta-Nebensachen degradiert werden.

Da die Fassung nicht nur spannende andere Abbiegungen als die heute bekanntere Spätversion nimmt, sondern auch einiges ganz andere Arienmaterial bietet, das vielfach noch dem Belcanto Rossinis verpflichtet ist, wird ein willkommener, horizonterweiternder Einblick in die Verdi-Werkstatt möglich. Das Label Coviello Classics zeichnet die Vorstellungen für eine spätere CD-Veröffentlichung auf. Soeben ist bereits Verdis „Attila“ (aufgeführt und eingespielt in 2025) erschienen.
Opernfestspiele Heidenheim
Verdi: Macbeth
Marcus Bosch (Leitung), Andreas Baesler (Bühne & Kostüme), Hartmut Litzinger (Licht), Gerhard Herfeldt (Dramaturgie), Oliver von Fürich, Thomas Weinhappel, Don Lee, Leah Gordon, Julia Rutigliano, David Esteban, Santiago Bürgi, Rory Dunne, Daniel Dropulja, Levi Dierolf, Justus Keitel, Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn, Cappella Aquileia – Orchester der OH





