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Musiktheaterkritik: Ruhrtriennale – Emily – No Prisoner Be

Ich wohne in der Möglichkeit

(Bochum, 21.8.2026) Zum Auftakt der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle glänzt am zweiten Abend Joyce DiDonato mit „Emily – No Prisoner Be“.

vonJoachim Lange,

In den drei Ivo van Hove-Jahren der Ruhrtriennale stand Musiktheater, oder gar Oper, nicht im Zentrum des Planungsehrgeizes. Muss auch nicht sein, denn der Wechsel in der Intendanz dieses besonderen Festivals der Künste (wie es auch offiziell heißt) eröffnet immer auch die Möglichkeit eines inhaltlichen Paradigmenwechsels bei den Programm-Schwerpunkten. Ivo van Hove suchte bewusst die Grenzüberschreitungen zwischen den Künsten als Strategie der Öffnung. Allein seine drei Eröffnungsspektakel in der Jahrhunderthalle stehen dafür. Das kann man gut finden und die Hoffnung auf eine Erweiterung des Publikums damit verbinden. Man kann sich aber auch auf einen Neuanfang freuen, wenn die Opernregisseurin Lydia Steier ab November das Zepter übernimmt. Vielleicht lässt sich im nächsten Jahr dann auch der Regierungschef des Bundeslandes wieder sehen, wenn die neue Intendantin startet. Bislang gehörte das hier in Bochum zum guten Ton der Festivaleröffnung – da fällt es halt auf, wenn der erste Mann im Lande nicht mal erwähnt wird oder grüßen lässt.

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Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026
Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026

Ein Weltstar für eine verkannte Lyrikerin

Wie dem auch sei: Die zweite Premiere in der Bochumer Jahrhunderthalle nach dem David-Bowie -Spektakel jedenfalls war ein Festival-Schmuckstück par excellence und würde genauso gut auch in ein Triennale-Programm passen, auf das eine ambitionierte Opernregisseurin setzen könnte. Nach einer ersten (Uraufführungs-)Station in Bregenz, folgte jetzt in Bochum deutsche Erstaufführung von „Emily – No Prisoner Be“ mit Joyce DiDonato und dem Streichertrio Time for Three.

Im Mittelpunkt dieses Abends in der Jahrhunderthalle: mit der US-amerikanischen Mezzosopranistin Joyce DiDonatoein echter Weltstar, der unter anderem damit glänzt, Barock zu rocken, und dennoch in keine Schublade zu passen. Der Gegenstand von „Emily – No Prisoner Be“ – die Gedichte von Emily Dickinson, einer faszinierenden, hierzulande wenig bekannten und in ihrer Heimat zu Lebzeiten verkannten Lyrikerin. Das Besondere: die Dimensionserweiterung dieser Lyrik durch die von Kevin Puts maßgeschneiderte Musik für das Streichertrio Time for Three. Das Resultat: eine bewegende Erkundung einer bislang kaum bekannten Welt der Worte, Klänge, Bilder, Denkanstöße, die es schafft, an Hörgewohntem anzudocken und ohne jede Furcht von Grenzüberschreitungen Originelles zu bieten.

Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026
Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026

24 Gedichte als Mini-Oper

Das Faszinierende: die raumgreifende Präsenz und charismatische Wirkung, mit der DiDonato und ihre drei Mitstreiter Emotionen inszenierten. Mit 24 Gedichten hat der Zyklus zwar „Winterreise“-Format, aber auf die Idee, das Ganze als Liederabend zu bezeichnen, käme man nicht. DiDonato & Co machen daraus im Bühnen- & Produktionsdesign von Ryan J. O’Garaeine Art Mini-Oper oder so etwas Ähnliches, jedenfalls Durchinszeniertes. Als Rahmen braucht es dafür nicht mehr als Schreibtisch, Stuhl, einen wehenden Vorhang, wie Kerzen stilisierte Leuchtsäulen und ein ausgeklügeltes Lichtdesign.

Für Emily Dickinson (1830-1886), die ihr ganzes Leben in bewusst gesuchter Zurückgezogenheit in Amherst in Massachusetts verbrachte, war nur der Nachruhm drin. Mit ihrer Lyrik war sie quasi mit der Nachwelt im Bunde. In den deutschen Übertiteln taucht einmal der Satz auf: „Ich wohne in der Möglichkeit.“ Als Mensch blieb sie daheim, bei sich, allein – als Lyrikerin durchstreifte sie eine ganze Welt der Natur, der Seelen und der Gefühle mit allen Stimmungsaufs und -abs, die dabei möglich sind. Das gospelartig vertonte „No Prisoner be – / Where Liberty – / Himself – abide with Thee“ („Keiner sei in Haft – / Wo sich Freiheit – / Dir zum Hausgenossen macht –“) kommt einem Motto des Abends recht nahe. In einer emotionalen Zugabe bringt DiDonato den Saal mit ihrem Charme dazu, das „No Prisoner Be“ als kollektives Fazit mitzusingen.

Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026
Szenenbild aus „Emily – No Prisoner Be“ bei der Ruhrtriennale 2026

Mehr als nur vertonte Lyrik

Die Musik von Pulitzer-Preisträger Kevin Puts (*1972) lässt sich imponierend passgenau auf den Rhythmus der Gedanken und Bilder ein, wechselt dramatisch in den Stimmungen, erlaubt der Sängerin mit dem ganzen Potenzial, ihre Stimme zu faszinieren, Leidenschaften lodern, Sehsucht glimmen zu lassen. An ihrem Schreibtisch und auf dem Stuhl, barfuß im weißen Kleid, das ans 19. Jahrhundert erinnert, sieht sie alle Register einer charismatischen, singenden Darstellerin. Sie nähert sich Emily an – so wie ihrem Publikum. Sie macht das Publikum an diesem Abend mit einer Freundin bekannt. Und Nicolas Kendall (Violine & Viola), Charles Yang (Violine) und Ranaan Meyer (Kontrabass), die alle drei auch Gesang beisteuern, folgen ihr dabei so sensibel wie temperamentvoll elektrisierend.

„Emily – No Prisoner Be“ ist ein neues und doch vertrautes, eigenständiges, lyrisches, musikalisch dramatisches Schmuckstück. Es macht Lust auf mehr. Vom Griff zu den (auch in Deutsch vorliegenden) Gedichten von Dickinson bis zu der Hoffnung, auch anderen Poeten auf diese Weise Musik und Leben einzuhauchen.

Ruhrtriennale
Puts: Emily – No Prisoner Be

Joyce DiDonato (Mezzosopran), Time for Three, Ryan J. O’Gara (Production Designer), Lars Marcel Braun (Stage & Production Manager), Vincent Rouzier (Lichttechnik), Chantal Baumann (Kostüme), Pia Norberg & Renate Wellershausen (Maske)

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