Es ist das letzte Drittel der aktuellen Ruhrtriennale, diesem Festival mit dem besonderen regionalen Charme, für den allein schon das neu genutzte Erbe der Industriebauten sorgt. Es ist aber auch ein Festival, dem sein Erfinder und erster Intendant Gerard Mortier die Erneuerung stilbildend mit auf den Weg gegeben hat. Leitungswechsel und ästhetischer Neustart nach drei Jahren. Auf Ivo Van Hove wird ab November Opernregisseurin Lydia Steier als achte Künstlerintendantin auf Mortier folgen und das Programm bestimmen. Van Hove lässt es wie bereits in den vergangenen zwei Jahren zum Auftakt wieder richtig krachen. Im wahrsten Wortsinn. Mit Ohrstöpseln und Triggerwarnung vor Gewaltszenen und Kunstblut. Vorsorglich, wie heutzutage üblich.

29 Bowie-Songs als Soundtrack zu „Rebel Rebel“
Als Bühne in der längst als offener Theaterraum für künstlerische Grenzgängerei etablierten Jahrhunderthalle hat Jan Versweyveld zu Füßen der Zuschauertribüne lauter ramponierte Container vor einer riesigen Projektionswand aufstellen lassen. Einer davon ist offen und für die brav aufgestellte Band unter Leitung von Henry Hey reserviert. Der ist als Keyboarder mittendrin – dazu ein halbes Dutzend Musiker an Bass, Gitarre, Drums und Saxofon. Sie präsentieren 29 Songs, unter denen viele der Bowie-Hits (wie „Let’s Dance“, „Heroes & Starman“, „Diamond Dogs“, „Rock’n’Roll with Me“) sind, mit Wucht. Genau die richtige Besetzung für die zweistündige Hommage an den vor zehn Jahren verstorbenen Superstar David Bowie.
Der Bowie-Songtitel „Rebel Rebel“ steht als Titel über dem Abend, für den sich keine rechte Genrebezeichnung ausmachen lässt. Hommage klingt zu brav, Nummernrevue sowieso und Musical trifft es gleich gar nicht. In den beiden Vorjahren zogen die Schauspiel-Superstars auf Song-Abwegen – erst (ziemlich überzeugend) Sandra Hüller, dann (ziemlich enttäuschend) Lars Eidinger. Daniel Donskoy hat zwar nicht ganz den Starstatus der beiden, aber er ist eine charismatische Mehrfachbegabung. Singen und Tanzen gehört eindeutig dazu.

Apokalyptische Dystopie
Ivo Van Hove hat über seine Auswahl von Bowie-Songs so etwas wie den Schleier einer Geschichte geworfen. Inspiriert ist sie vor allem von Bowies Protestalbum „Diamond Dogs“, mit dem er 1974 eine apokalyptische Stimmung auf den Rockmusikpunkt gebracht hat. In der Jahrhunderthalle findet sich diese befürchtete dystopische Welt als eine angedeutete Container-Stadt wieder. Liebe ist verboten und die Gewalt von Jugendbanden gibt den Ton an. Zusammenleben ist hier zum Kampf gegeneinander degeneriert. Gefühl gilt als subversive Ausnahme oder wird tabuisiert, verdrängt und ins Gegenteil verkehrt. Vor allem wenn es die „Falschen“ trifft und von der heteronormativen Ausrichtung abweicht. Als eine Andeutung, die man auch übersehen könnte.
Sonst bleibt’s beim simplen Boy meets Girl und der Gang Leader hat was dagegen. Wenn der ins Zweifeln kommt und Angst vor Einsamkeit zugibt, drückt er das schnell mit einer bewährten Machogeste weg. Mehr ist nicht. Ein Dutzend von Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui exzellent auf ausbrechende Gewalt getrimmte Tänzer sind jeweils Mittäter, wenn der Gang Leader auf seinem Bad-Boy-Image besteht, das als Überlebensstrategie rausbrüllt und (perfekt choreografiert) zuschlägt oder zutritt. Sie sind aber zugleich die Mitträumer, wenn sich das Paar plötzlich in eine andere Welt katapultiert. Sie bleiben hier wie dort ein, wenn auch attraktiv performendes, Anhängsel.

Andeutungen statt Geschichte mit Tiefgang
Man kann nur staunen, mit welcher vokalen Kraft und Sicherheit Diego Rodriguez diesen Boy singt und mit welcher präzisen Kondition er vom Opfer eines kollektiven Gewaltausbruchs in den des gefühlvollen Liebhabers wechselt. Für Ari Notartomaso als Girl gilt das analog. Musikalisch und tänzerisch sind diese drei (Haupt-)Darsteller ein Kraftzentrum, das Wut, Angst, Sehnsucht und auch Sprachlosigkeit so übersetzt, dass sie packen. Das Problem ist nur, dass daraus allein keine echte Geschichte mit Tiefgang wird. Was sich vermittelt, ist eine Art Metaebene von dem, was Bowie in seinen Songs immer mit gemeint haben dürfte. Das wird dem Publikum als purer Energiestrom angeboten.
Wenn man die Geschichte sucht und bei einer West-Side-Story-Variante landet, werden die dramaturgischen Leerstellen überdeutlich. Hier ist nur eine Rest-Side-Story zu haben. Für eingefleischte David-Bowie-Fans muss das ein Fest sein. Auf Bewunderung und Beifall darf die in allen Teilen perfekte Truppe bei allen rechnen. Eine echte, genreerweiternde Theatererfahrung war hier wohl nicht zu erwarten.
Ruhrtriennale
Bowie: Rebel Rebel
Henry Hey (Leitung), Ivo Van Hove (Regie), Sidi Larbi Cherkaoui (Choreografie), Jan Versweyveld (Bühne & Licht), Christopher Ash (Video), An D’Huys (Kostüme), Spatial*Junction, Erwin Sterk & Dennis Slot (Sound), Daniel Donskoy, Ari Notartomaso, Diego Rodriguez, Matt Antonucci, Jade Bayonne, Zoe Hollinshead, Matys Kaïbo, Mason Kelly, Kazutomi „Tsuki“ Kozuki, Maryna Kushchova, Nathalia Meneses Gonzalez, Helena Olmedo Duynslaeger, Nelson Parrish Earl, Patrick Williams Seebacher, Henry Hey, Christian Frentzen, Erez Frank, Lennart Delissen, Scheroan Zibari, Chris Farr, Marc Doffey





