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Opern-Kritik: Staatsoper Unter den Linden – Die Entführung aus dem Serail

Mozart meets Comedy

(Berlin, 27.6.2026) An der Berliner Staatsoper Unter den Linden inszeniert Andrea Moses Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ als Show mit Comedian Bülent Ceylan als Bassa Selim und ihm selbst.

vonJoachim Lange,

Die drei großen Berliner Opernhäuser haben ihre letzten Premieren dieser Spielzeit hinter sich gebracht. Für Puristen war das wohl eher eine Prüfung. Dennoch hat jede Produktion auf ihre Weise erhebliches Vergnügungspotenzial. Im Falle der DDR-Revue, die Axel Ranisch an der Komischen Oper unter dem Titel „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ auf Showtreppenformat mit Hintersinn gebracht hat, war der ostsozialisierte Teil des Publikums klar im Vorteil und dominiere den Jubel des Publikums. An der Deutschen Oper gab es für die Operetten-Variante von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ ein veritables Pro und Contra für Martin G. Bergers neu kreierten Operettenzwergstaat, mit ebenso geschrumpftem und am Ende abserviertem Zaren.

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Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“
Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“

„Mozart haben Sie gebucht, mich kriegen Sie kostenlos dazu“

In der Staatsoper Unter den Linden hat jetzt Andrea Moses Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ als „Entführung live“-Show mit Bülent Ceylan aufgemischt. Hier hatten am Ende genügend Mozart-Liebhaber auch den Mannheimer Deutsch-Türken auf dem Schirm, um sich bei dem Experiment „Comedian meets Mozart“ zu amüsieren. „Mozart haben Sie gebucht, mich kriegen Sie kostenlos dazu“, sagt er. Und übertreibt nicht mal. Erst kommt er schon mitten in der Ouvertüre mit der Standard-Show-Anbiederung „Hallo Berlin“ zu früh. Dann übernimmt er aber nicht nur die Rolle des Bassa Selim – mit ruppig türkischem Akzent (ist authentischer, sagt er) und in schickem orientalischem Weiß mit Riesenturban. Er übernimmt auch den größten Teil der Sprechtexte der singenden Protagonisten, bei denen im Unterschied zu ihm Deutsch nicht in jedem Fall die Muttersprache und das gesprochene Wort nicht die Kernkompetenz ist.

Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“
Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“

Von wegen: Das sagt man doch heute nicht mehr…

Daneben ist er aber auch immer wieder der Comedian, der kein Problem hat, sein Publikum im Umfang eines Stadions auch mit „bewährten“ Pointen zu unterhalten. Inklusive Ausflügen in seine Biografie (und Telefonaten mit der Mama auf offener Bühne), die ja auch Teil seiner eigenen Show sind. Und damit es sich lohnt, weil es das Stück hergibt und Oper auch gerne neues junges Publikum in das Haus locken will, gibt er den Libretto-Hinterfrager. Sicher käme jeder selbst drauf, dass bei Osmins berühmter Brutalo-Arie „Erst geköpft und dann gehangen“ rein körpertechnisch irgendwas nicht stimmen kann. Bülent thematisiert das aber. Macht aus barbarischen Sprachbildern Theater. Und natürlich funkt er auch bei Pedrillos Romanze „In Mohrenland gefangen war“ kommentierend dazwischen. Von wegen: das sagt man doch heute nicht mehr… inklusive eines eingebauten Versprechers, der den Sprachbereinigungshype wie aus Versehen als Rassismus zur Kenntlichkeit entstellt.

Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“
Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“

So subtil sind seine Moderationen bzw. die Neufassung des mitunter ja ziemlich tümelnden Originaltextes von Gottlieb Stephanie, die er zusammen mit Andrea Moses und Michael Höppner unter Verwendung des Originals gemacht hat und die er mit ziemlicher Präsenz präsentiert, nicht immer. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Showgaul mit ihm durchgeht (oder die Regisseurin die Zügel etwas zu locker lässt). Wenn er mit der Handkamera ins Publikum geht und ein offensichtliches Ehe- und ein schwules Paar anspricht und in Großaufnahme zeigt, merkt man erst beim Schlussapplaus, dass diese beiden „spontan herausgegriffenen“ Paare natürlich eingeplant waren. Man hätte es wissen müssen, so wie er an etlichen Stellen die heutzutage grassierende (Über-)Korrektheit aufs Korn genommen hatte. Kurz und gut: für die Publikumsschnittmenge aus Mozart-Liebhabern und Bülent-Ceylan-Fans war der Abend recht vergnüglich. Ob die Mischung wirklich das erklärte Ziel erreicht, neues Publikum zu generieren (Ceylan hat da das Potenzial in Neukölln und Kreuzberg namentlich benannt), bleibt die Frage. So einfach ist es wahrscheinlich nicht. Die Frage ans Publikum, wer denn das erstmal in der Oper ist, ging an diesem Abend jedenfalls daneben. Die meisten Pointen kamen aber an. Auf ein Kontra zu seinen Einlagen aus dem Publikum reagierte er spontan. Und gesungen hat er ja (wie versprochen) nicht.

Mozart am (Video-)Meeresstrand

Und Mozart? Raimund Bauer hat das Serail, in dem Konstanze, Blonde und Pedrillo gefangen gehalten werden, am (Video-)Meeresstrand platziert und in eine Luxusjacht verlegt, die dem goldverliebten Großkotzgeschmack von Donald Trump entsprungen zu sein scheint und sich langsam ins Bild schiebt. Oben ein Salon für Konstanze und unten die Räume fürs Personal Blonde und Pedrillo. Die beiden müssen sich sogar handgreiflich bemerkbar machen, als über die Freilassung verhandelt wird. Rechts und links gibts zwei Großbildschirme – die Comedyshow lässt grüßen.

Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“
Szenenbild aus „Die Entführung aus dem Serail“

Aufgefrischter Mozart im Ensemble und im Graben

Das Publikum kommt aber nicht völlig vom rechten Opernweg ab. So wird etwa die koloraturbrillant auftrumpfende Adela Zaharia für jede Konstanze-Arie gefeiert. Auch die junge Sarafina Starke vom Internationalen Opernstudio der Staatsoper ist schon deutlich mehr als nur eine Hoffnung für die Blonde. Der Südafrikaner Siyabonga Maqungo schlägt sich wacker als Belmonte. Als Pedrillo fasziniert Michael Laurenz nicht nur in der Romanze mit intensiv ausgespielten Piani. David Steffens schließlich bleibt dem Osmin keine Machofacette schuldig. Thomas Guggeis schließt sich am Pult der Mozartformation der Staatskapelle Berlin mit weit ausgreifender Gestik der unterhaltenden Dramatik der Szene mit einem aufgefrischten Mozart auch im Graben an.

Staatsoper Unter den Linden Berlin
Mozart: Die Entführung aus dem Serail

Thomas Guggeis (Leitung), Andrea Moses (Regie), Raimund Bauer (Bühne), Anja Rabes (Kostüme), Irene Selka (Licht), Andrea Gabriel (Licht),  Gerhard Polifka (Chor), Michael Höppner & Detlef Giese (Dramaturgie), Bülent Ceylan (Bassa Selim), Adela Zaharia (Konstanze), Serafina Starke (Blonde) Siyabonga Maqungo (Belmonte), Michael Laurenz (Pedrillo), David Steffens (Osmin), Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin






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