Wer mit Populärem wagt, gewinnt manchmal auf ganzer Linie: Es wurde ein Einstandssieg auf ganzer Linie für den frischgebackenen und von der Oper Leipzig gekommenen Generalintendant Tobias Wolff. Dieser bewies also höhere Treffsicherheit als der mit Gehrock in flamboyantem Lila erscheinende Jägerbursche Max. Erst ist man geblendet ob dieser Fashion-Exzellenz in den böhmischen Wäldern des Dreißigjährigen Krieges, dann aber zunehmend überzeugt und begeistert von diesem „Freischütz“. Philipp Moschitz packte das seit seiner Uraufführung zur Eröffnung des Großen Berliner Schauspielhauses 1821 erfolgreiche Stück an den genau richtigen Inhaltsscharnieren. Dazu setzte der neue GMD Friedrich Praetorius mit dem Staatsorchester Braunschweig eine Qualitätsmarke der Extraklasse. Bis zum 19. September gibt es beim Burgplatz Open Air 18 Vorstellungen.

Falsche Folklore – echte Dämonie
Das Areal hat etwas größere Raumdimensionen als ein geschlossenes Opernhaus. Regie-Feinschliff ist um das jedes Jahr phantasievoll weg dekorierte Löwenstandbild also eher möglich als auf anderen Freilichtbühnen. Das Publikum sitzt diesmal um einen gigantisch breiten Stammrumpf, den Kai Olschewskis Licht in ein mit dunklen Farben pulsierendes Biotop für Menschen, Geister, Aberglauben und das sogenannte Böse verwandelt. Die Edeltrachten, Gehröcke, Brokatwesten und Vintage-Dirndln von Claudio Pöhle streifen alle Volksstück- und Landlust-Epochen des 18., 19., 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Mit einem solch edlen und sinnfälligen Textilsatz flutscht alles von der „Geierwally“ bis Ganghofers „Jäger von Fall“ und „Schwarzwaldmädel“ bis „Zauberflöte“. Generell ist die stetige Gleichzeitigkeit von Folklore 2.0, Ironie und echter Scheu vor dem Sujet äußerst beeindruckend – bis zu den mit Gewehrschüssen zerfetzten Luftballons, auf denen sinnreich „I —- You“ steht. Auch vom Geister-Tanzensemble und seinem Choreographen Sven Niemeyer. Die Dämonie in der Musik machte den „Freischütz“ zwar zum Ritt in die romantische Oper. Doch strukturell verwandelten Weber und Kind die Geschichte aus Apels Gespensterbuch in ein frühes Musical mit möglichst allen Nummernmustern des Musiktheaters der Restaurationszeit. Doch sind die Brüche dieser Freilichtproduktion keine Verlegenheit vor dem archaisch schroffen Text. Denn Moschitz spielt furios und virtuos mit einer über den Text hinausgreifenden Motivmenge aus der Horror- und Schauerliteratur vom Sturm und Drang über die französische Décadence bis zum Kinderwagen aus „Rosemarys Baby“. Es sei hier nicht verraten, wer den beim Probeschuss versagenden Max bekommt – aber Agathe nicht.

Schwarze Romantik im Heute angekommen
Moschitz‘ Weg zu diesem Ende ist eloquent und bestechend, weil er die im originalen Textbuch viel zu knapp angerissene Vorgeschichte logisch weiterdenkt und damit auf glasklare Konsequenzen kommt. Der Dualismus steckt hier also auch zwischen dem im Wortsinn ans Gängelhalsband genommenen Eremiten von Magnus Piontek und dem mit Bombenhöhe und dunkler Aura auftretenden Fürst Ottokar von Zachariah N. Kariithi. Mit rotem Hirschgeweih, schlangenartiger Beweglichkeit und viel zusätzlichem Text ist Lina Witte als Samiel das höllenheiße Zentrum des Abends. Sie schmachtet Charles Baudelaires Teufelsanbetung, zischt eine eigene Strophe im Jungfernkranzlied und demaskiert die phallokratische Fratzenhaftigkeit der Jägerchor-Verse.
Das holt auch die anderen Figuren aus ihren Klischee-Gefährdungen. Rainer Mesecke gibt einen trotz Gedankenlöchern noblen Erbförster Kuno. Marie Maidowski opponiert als Ännchen gegen die überlebten Konventionen im Soubretten-Ressort und bringt die Kettenhund-Ballade mit Bratschen-Romanze als Bravourstück einer zweiten Primadonna. Philipp Kapeller hat als feixender Temporär-Schützenkönig die mit Abstand gehässigste Partie. Der Chor (Einstudierung: Johanna Motter) ist mit einem deutlich bis penetrante Gegenüber von Jägern auf Frauenpirsch. Ländlerinnen sind auch als Waidmannsheil sind präsent.

Musikalische Wahrhaftigkeit
Dorothea Herbert gibt der als wichtigste Fachpartie des empfindsam-sentimentalen Soprans verrufenen Agathe eine Farbe, Haltung und Charisma. Schon zur ersten Begegnung mit Max. Dieser zerstäubt bereits in der Ouvertüre mit einem gepfefferten Schuss die Blätter von Agathes rotem Röschen. Damit lockt er das Interesse des darob eifersüchtigen Samiels auf sich. Herbert muss auf die zweite Strophe des Gebets verzichten und singt die „verhüllte Wolke“ desto intensiver und berückender. Dieser deutsche Prachtsopran gestaltet das alles deutlich und sticht damit fast den eingangs ebenso fulminanten Max aus. Mit so tänzerischer Seligkeit hört man die „Wälder und Auen“-Arie so schnell nicht wieder wie vom bereits bei den Eutiner Festspielen als Max bejubelten Marius Pallesen.

Damit wäre man bei dem Mann, der die vielen Verlegenheitsmanierismen und dirigentischen Schuldtaten an dieser Oper aus den letzten Jahren auflöst und gutmacht. Schon die Einleitungstakte der Ouvertüre vor dem Hörner-Andante trennt Friedrich Praetorius nicht durch kantige Zäsuren, sondern bringt sie in melodischen Zusammenhang. Der junge Taktstock-Souverän hilft Pallesen und Herbert mit Empathie. Deren Partien sind nur dann schwer, wenn man sie aus Perspektive einer teutonischen Wagner-Tradition missverstehen will. Bei Praetorius und dem hingebungsvoll bis in die tollen Soli spielenden Staatsorchester Braunschweig klingt alles, wie es soll, nämlich mit der edlen Innenspannung eines Schubert-Zeitgenossen. Das gilt sogar für Joshua Bloom, den hier gar nicht dämonischen Teufelspaktler Kaspar. In der Wolfsschlucht-Szene ist er der mitreißend aufregende Mittelpunkt dieses sonst mit Mendelssohn-Edelfarben gestalteten „Freischütz“.
Einzige Sträflichkeit der fulminanten, für alle Szenen zwischen Event und Cancel Culture Gesprächsstoff liefernden Premiere: Die Stretta „Laßt lustig die Hörner erschallen!“ In diesem „Freischütz“ geht’s mit der revolutionären Schlusspointe um einen rundum männerkritischen Ansatz. Das beweisen alle Mitwirkenden von Generalintendanten bis zum Sprachcoach Tobias Beyer in rund 170 Minuten hinreichend suggestiv.
Staatstheater Braunschweig
Weber: Der Freischütz
Friedrich Praetorius, Alexander Sinan Binder (Musikalische Leitung), Philipp Moschitz (Regie), Matthias Engelmann (Bühne), Claudio Pohle (Kostüme), Sven Niemeyer (Choreografie), Zachariah N. Kariithi (Ottokar), Rainer Mesecke (Kuno),Dorothea Herbert & Victoria Leshkevich (Agathe), Veronika Schäfer & Marie Maidowski (Ännchen), Sungjun Cho & Joshua Bloom (Kaspar), Alexander Geller & Marius Pallesen (Max), Magnus Piontek (Ein Eremit), Philipp Kapeller & Markus Auerbach (Kilian), Elisabetha Kapanadze, Viktoria Karlsson, Yeojung Johanna Ha & Julia Hinger (Brautjungfern), Lina Witte (Samiel), Staatsorchester Braunschweig, Chor des Staatstheaters Braunschweig, Extrachor des Staatstheaters Braunschweig




