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Opern-Kritik: Staatstheater Darmstadt – Mascagni: Cavalleria rusticana & Leoncavallo: Pagliacci

Die Tragödie der Anderen

(Darmstadt, 29.8.2026) Am Staatstheater Darmstadt eröffnet Intendant Karsten Wiegand die Saison mit dem beliebten Operndoppel „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ – und zoomt kompromisslos auf die emotionalen Verwerfungen der Figuren.

vonPatrick Erb,

So entschieden der Verismo das Leben einfacher Menschen – der Bauern statt des Adels – ins Zentrum rückt, so sehr verliert sich in Mascagnis „Cavalleria rusticana“ der Blick auf das „Große und Ganze“. Die fünf Protagonisten sind in ihren charakterlichen Verwerfungen, ihren Leidenschaften und ihrer gegenseitigen Missgunst präzise gezeichnet; die Dorfgemeinschaft hingegen bleibt als Kollektiv merkwürdig indifferent. Niemand mischt sich in die Angelegenheiten der anderen ein, am Ende beklagen alle nur den Tod eines jungen Mannes.

Karsten Wiegand nimmt diesen Akt des kollektiven Lamentos, mit dem auch der Vorhang fällt, in seiner Inszenierung des berühmten italienischen Doppelabends vorweg, mit dem das Staatstheater Darmstadt seine neue Saison eröffnet. Zunächst singt der Chor aus den vorderen Reihen des Zuschauerraums und zieht von dort zur Ostermesse. Auf die Hinterköpfe sind klassische Theatermasken geschnürt, die dem Publikum als zweite Gesichter entgegenblicken. Das ist ein starkes Bild für jene gleichförmige Gleichgültigkeit, an der die Dorfgemeinschaft zu kranken scheint.

Wiegand dekonstruiert das Stück nicht. Mit wenigen Bühnenelementen schärft er vielmehr den Blick für die Interaktion der Protagonisten und für jene beiläufigen Eindrücke, welche die Dorfbewohner auf dem Weg zur Kirche von der heraufziehenden Tragödie gewinnen. Beherrscht wird die Szene vom Osterfest und einer monumentalen Blockfassade, deren schmaler Spalt als Portal der Basilika dient. Klug fügt Wiegand vor dem berühmten Intermezzo, jener Ruhe vor dem Sturm, eine Predigt ein, die Christus als Sündenbock der Welt deutet und damit den Mechanismus der Erlösung benennt, den diese leidenschaftlichen Figuren besser beherzigt hätten, um nicht zugrunde zu gehen.

Szenenbild aus „Cavalleria rusticana“
Szenenbild aus „Cavalleria rusticana“

Unpersönliche Dorfgemeinschaft versus persönliche Protagonisten

Die unpersönliche Maskerade raubt dem Chor dabei nichts von seiner Leidenschaft. Der Darmstädter Opernchor kehrt gut erholt aus der Sommerpause zurück und schöpft beim Kirchgang aus dem Vollen. Dynamisch ist das beinahe schon zu ambitioniert. In der Prozessionsbewegung gerät das Ensemble mitunter aus den Fugen; was hier noch irritiert, wird später in „Pagliacci“ als kraftvoll-ironische Sensationsgier geradezu zum Vorteil.

Für individuelle Kontur sorgen umso mehr die Protagonisten, wobei die Damen leicht die Nase vorn haben. Réka Kristóf erfasst ihre Santuzza genau und gibt deren Eifersucht mit kraftvoller Rauheit schonungslos Raum. Lena Sutor-Wernich wiederum entfaltet ein nachtigallenhaftes Timbre, das zur luftig-frivolen Lola ebenso gut passt wie das bordeauxrote, verführerische Kleid, in dem sie um Turiddus Gunst buhlt. Katrin Gerstenberger erdet als Nonna den Wettstreit der jungen Frauen mit den erhaben-nüchternen Zügen einer Gouvernante.

Szenenbild aus „Cavalleria rusticana“
Szenenbild aus „Cavalleria rusticana“

Helden des Alltags

Rafał Pawnuk verleiht Alfio mit klarer, kraftvoller Stimme zwar Präsenz, lässt jedoch rollenspezifische Farben vermissen. Sein Entschluss zur Rache bleibt derart gefühlskalt, als ginge es um einen Auftragsmord. Das verstärkt Wiegand noch, indem er zu Alfios offenbar allzu rasch als martialische Männernummer gelesener Arie „Il cavallo scalpita“ einen Stierkampf projiziert: Alfio erscheint als Torero, obwohl er als Fuhrmann doch eher ein prekärer Logistiker ist. Auch eine stärkere szenische Einbindung wäre wünschenswert, zumal das karge Bühnenbild die Interaktion der Figuren so entschieden in den Mittelpunkt stellt.

Matthew Vickers gestaltet Turiddu eindringlich, lässt jedoch etwas stimmliche Durchschlagskraft vermissen. Seine unverkennbar heldentenorale Färbung gewinnt dabei beinahe ironischen Reiz: Turiddu ist schließlich kein strahlender Krieger, sondern ein aus dem Wehrdienst heimgekehrter, mit Wein handelnder Bauer. Dass er sein Ende an einer langen Festtafel zwischen Weinflaschen findet, wirkt da fast zwingend, hatte Alfio doch zuvor herablassend erklärt, Turiddus Wein würde ihm wohl im Halse stecken bleiben, müsste er davon kosten.

Aufwendig gestalteter zweiter Teil

Wo „Cavalleria rusticana“ ihre Tragödie im Verborgenen aushandelt, trägt „Pagliacci“ sie vor den Augen der Öffentlichkeit aus. Für diesen zweiten Teil findet Wiegand vielleicht nicht subtilere, wohl aber spektakulärere und erheblich aufwendigere Bilder. Er verlegt die Handlung an ein Filmset, wo sensationshungrige Massen mit Fotos und Selfies jeden verfügbaren Eindruck festhalten, Bühnenkostüme anprobieren und sich ganz dem Fankult hingeben. Das kommt einem Ausverkauf jeglicher Privatsphäre gleich, zumal zusätzliche Monitore live zeigen, was Tonios Smartglasses und das Kamerateam aufnehmen. Unter dem Zwang, selbst backstage unablässig eine Show liefern zu müssen, sind Missverständnisse und emotionale Kurzschlüsse und damit die Katastrophe vorprogrammiert. Dass die Idee die technischen Möglichkeiten bisweilen noch überfordert – die Übertragung stockt, Bilder geraten schief –, ließe sich womöglich noch produktiver ins Spiel integrieren.

Szenenbild aus „Pagliacci“
Szenenbild aus „Pagliacci“

Nahbarkeit zur Musik und zu den Darstellern überzeugt noch mehr

Auch darstellerisch erweist sich „Pagliacci“ als die glücklichere Fügung. Rafał Pawnuk kehrt als Tonio und Taddeo weitaus ambivalenter zurück; Matthew Vickers kostet als Canio den heraufziehenden Wahnsinn darstellerisch kongenial aus, auch wenn seine große Arie „Vesti la giubba“ mehr Ausdruck vertragen hätte. Sehr stark wiederum Megan Marie Harts pointiert gezeichnete Nedda. Im Commedia dell’Arte-Spiel tritt sie als Colombina in einer Aufmachung auf, die von der US-amerikanischen Hausfrauenästhetik der Sechziger Jahre inspiriert scheint. Die Komik steigert die Spannung auf die Tragödie, deren Ernst das Publikum zunächst nicht durchschaut. Ein kaum zweiminütiges vokales Glanzlicht setzt schließlich Rafael Helbig-Kostka mit einer lyrisch veredelten und in elegantestem Italienisch gesungenen Arlecchino-Kantilene. Manchmal sind es eben die Feinheiten, die am meisten begeistern.

Alessandro Palumbo setzt musikalisch unterschiedliche Akzente. In „Cavalleria rusticana“ sucht er Emphase, große sinfonische Bögen und bisweilen die orchestrale Überwältigung; in „Pagliacci“ bleibt er näher am Schauspiel. Dadurch wirkt der zweite Teil direkter, nahbarer und natürlicher. Palumbo bleibt am Puls des Geschehens, musiziert aus dem Moment und beobachtet gleichsam mit cineastischem Blick. Genau diese Unmittelbarkeit braucht die Scharfstellung des zwischenmenschlichen Konflikts. Und gerade deshalb überzeugt der zweite Teil noch nachhaltiger.

Staatstheater Darmstadt
Mascagni: Cavalleria rusticana

Alessandro Palumbo (Leitung), Karsten Wiegand (Regie & Bühne), David Laera (Co-Regie), Judith Adam (Kostüm & Bühne), Gabriel Sahm & Martin Kadel (Video), Alexander Henze (Licht), Guillaume Fauchère (Chor), Réka Kristóf (Santuzza), Lena Sutor-Wernich (Lola), Matthew Vickers (Turiddu), Rafał Pawnuk (Alfio), Katrin Gerstenberger (Lucia), Pasquale Ponzi (Priester), Opernchor des Staatstheaters Darmstadt, Staatsorchester Darmstadt

Leoncavallo: Pagliacci

Alessandro Palumbo (Leitung), Karsten Wiegand (Regie & Bühne), David Laera (Co-Regie), Judith Adam (Kostüm & Bühne), Gabriel Sahm & Martin Kadel (Video), Alexander Henze (Licht), Guillaume Fauchère (Chor), Jan Heck, Johanna Amberg & Samba Gueye (Live-Kamera), Megan Marie Hart (Nedda/Colombina), Matthew Vickers (Canio/Pagliaccio), Rafał Pawnuk (Tonio/Taddeo), Rafael Helbig-Kostka (Beppe/Arlecchino), Benjamin Russell (Silvio), Kinder- und Opernchor des Staatstheaters Darmstadt, Staatsorchester Darmstadt






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