So sehr Richard Wagner als Person polarisiert und provoziert, so sehr spalten die Bayreuther Festspiele: Man ist eben Freund oder Feind. Sogar die wissenschaftliche Auseinandersetzung, die sich in der schier unüberschaubaren Sekundärliteratur spiegelt, liebt die Zuspitzung. Differenzierung und Abwägung in Wagner-Dingen scheinen ein Unding zu sein. Der gewichtige Band „Bayreuth als Theater“ aber wagt sie. Mit dem Understatement eines profunden Kenners relativiert Stephan Mösch sein Bayreuth-Buch, das pünktlich zum 150. Jubiläum des Festivals erschienen ist, im Untertitel: Er sei damit „Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte“. Da will man einem der profundesten Kenner der Materie (und gebürtigen Bayreuther) sogleich widersprechen. Denn sein multiperspektivisches Buch beleuchtet Bayreuth so umfassend und mit einer dem Gegenstand gemäßen Komplexität, dass er dann doch nicht weniger als „die“ zeitgemäße Festspielgeschichte vorgelegt hat.
Chronologisch nacherzählen muss er sie dazu nicht. Vielmehr lässt er die schillernde Historie wie in einem Kaleidoskop aufscheinen: mit allen Farben und Abgründen, Brüchen und Bedeutungsverschiebungen des nie nur Grünen Hügels. Mösch bedient sich dabei Denkmodellen des 20. Jahrhunderts – von Roland Barthes, Gilles Deleuze oder Jacques Derrida über die Mentalitätsgeschichte bis zur kritischen Analyse von Diskursen – und wertet spannende neue Quellen aus, die nicht zuletzt durch die „Zustiftung Wolfgang Wagner“ als Fundgrube unveröffentlichter Briefe zugänglich wurden.

Plastische Geschichtsvermittlung
So treten Ambiguitäten und Ambivalenzen hervor, wo in der gängigen Wagner-Literatur sonst allzu oft nur Vorurteile nachgebetet werden. Wagnerwitwe Cosima wird nicht nur als das Erbe konservierende Gralshüterin greifbar, sondern auch als behutsam balancierende Erneuerin. Enkel Wolfgang wird in seiner Bedeutung aufgewertet, sein Bruder Wieland erscheint weit weniger sympathisch, wenn er – in einem Kapitel, das sich wie ein Krimi liest – den legendären Chordirektor Wilhelm Pitz demütigt. Kunstanschauung und Weltanschauung, Ästhetik und Politik durchdringen sich, das Wagner-Werk und seine Inszenierungs- und Rezeptionsgeschichte werden plastisch greifbar.
Einen Schwerpunkt bildet der sich wandelnde Wagner-Gesang. Hier zeigt Mösch, dass nicht erst ein Klaus Florian Vogt den klassischen, dunkel deklamierenden Heldentypus zugunsten einer androgyn-knabenhaften Stimmcharakteristik transzendiert, sondern dass Genderdiskurse durchaus Tradition haben. Zudem hinterfragt der Autor den Bayreuther Stil des Dirigierens, geht detailliert auf Tempofragen ein, wenn er die „Ring“-Partituren von Felix Mottl oder die „Tristan“-Partitur von Wilhelm Furtwängler analysiert.
Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte
Stephan Mösch
Bärenreiter/Metzler, 674 Seiten
49,99 Euro







