Liebe Leserinnen und Leser,
ich habe in den letzten Monaten oft in Gesichter geschaut. Nicht nur auf Noten, nicht nur ins Orchester, sondern ins Publikum. Das klingt vielleicht banal, aber für einen Dirigenten ist das ziemlich wichtig und auch gar nicht so einfach. Man steht schließlich vorn, meistens mit dem Rücken zu Ihnen und soll trotzdem spüren, was im Saal passiert.
Eine besondere Stille. Ein Lachen an der richtigen Stelle. Ein Hustenreiz, der tapfer unterdrückt wird. Ein Blick, der sagt: Ich weiß noch nicht genau, was hier passiert, aber ich bleibe mal dabei. Genau solche Momente interessieren mich. Musik entsteht auf der Bühne, aber sie wird erst zwischen uns vollständig. Zwischen einem Orchester, das etwas wagt, und Menschen, die sich darauf einlassen. Zwischen einem Werk, das vielleicht 150 Jahre alt ist, und einem Abend, der nur einmal so stattfinden kann.
Auch das ist für mich Momentum: Ein kurzer Augenblick, in dem aus Klang eine echte Beziehung wird.

In der neuen Spielzeit suchen die Dortmunder Philharmoniker und ich genau diese Augenblicke. Mit großen Werken, die uns noch immer treffen. Mit neuen Formaten, die neugierig machen. Und mit Orten, an denen man vielleicht erst denkt: Philharmoniker? Hier? Warum nicht! Ich mag diesen Gedanken sehr, weil er etwas darüber erzählt, wie Musik heute wirken kann. Als gemeinsame Erfahrung an Orten, an denen Menschen zusammenkommen – im Opernhaus, im Konzerthaus, in Schulen, draußen in der Stadt und vielleicht auch dort, wo man sie nicht erwartet.

Zum Beispiel in der JVA. Und ja, in Dortmund ist so etwas möglich. Hier fragt man bei neuen Orten nicht zuerst nach dem roten Teppich, sondern nach dem Stromanschluss.
Der Konzertsaal bleibt dabei ein wunderbarer Ort. Er ist Heimat, Treffpunkt, Kraftzentrum. Aber er muss nicht die Grenze sein. Er kann ein Ausgangspunkt sein für die Frage, wo Musik Menschen erreicht, wann aus Zuhören Begegnung wird und welche Räume plötzlich anders klingen, wenn ein Orchester sie betritt.

Vielleicht ist das die Aufgabe dieser Spielzeit: näher hinsehen, genauer hinhören. Und deshalb möchte ich Ihnen gern zwei Fragen stellen:
Für wen machen wir eigentlich Musik?
Und:
Wo endet der Konzertsaal – und wo fängt er an?
Ihr
Jordan de Souza
Generalmusikdirektor der Stadt Dortmund

