concerti-Redaktion #athome: Maximilian Theiss

Das oft zitierte Wechselbad der Gefühle

Textchef Maximilian Theiss #athome mit ein bisschen Jazz, etwas mehr Folk und reichlich Bluegrass.

© privat

Maximilian Theiss

Mit der Musik verhält es sich manchmal wie mit Kindern und Essen: Was heute nicht schmeckt, entpuppt sich ein paar Jahre später als Leibspeise. Es muss Jahre her sein, als ich mich mal wieder durch die CDs durchgehört habe, die einem die Labels so zuschicken. Darunter fanden sich auch die „Goat Rodeo Sessions“ mit Yo-Yo Ma, Stuart Duncan, Edgar Meyer und Chris Thile. Das Album war ein typisches Beispiel für „grenzüberschreitende Musik“: ein bisschen Jazz, etwas mehr Folk, reichlich Bluegrass, und doch klang alles irgendwie gewollt, multistilistisch überfrachtet, zu klassisch, zu beliebig. Kurzum: Das musikalische Querbeet-Curry schmeckte nicht so recht, und so wanderte die CD vom Schreibtisch ins CD-Regal und später in einen der Kartons, die den Keller zumüllen und nie wieder geöffnet werden.

Mitte März dieses Jahres – die tiefgreifenden Veränderungen des Zivillebens mit Kontaktbeschränkung, Ladenschließungen, heimischer Kindsbetreuung und gefühlt deutschlandweitem Homeoffice setzten gerade ein – scrollte ich mich durch einen Newsletter mit anstehenden Neuerscheinungen und entdeckte die winzige Ankündigung eines Albums namens „Not Our First Goat Rodeo“ mit – genau: Yo-Yo Ma, Stuart Duncan, Edgar Meyer, Chris Thile. Da war doch was! Pflichtbewusst warf ich die Streamingmaschine an (es wäre sinnlos gewesen, im Keller die Kartons zu durchwühlen…) und hörte mich erneut durch das Album. Plötzlich packte mich die Musik, die forsch, fragend, verzweifelt, melancholisch, genervt, wütend, fröhlich, meditativ, euphorisch und in den allerbesten Momenten einfach nur nach Party und Ausschweifung klingt. Das alles in minutenweisem Wechsel.

Was ich vor Jahren als zielloses Mäandern durch die Stilistiken wahrgenommen hatte, passte plötzlich ganz wunderbar zur gegenwärtigen Situation, die in uns Menschen das (allzu) oft zitierte Wechselbad der Gefühle hervorruft. Und so steuerte ich die letzten Wochen immer öfter dieses Album an – so oft, dass ich mich bemüßigt fühlte zu googeln, was überhaupt ein „goat rodeo“ ist: eine chaotische, verfahrene Situation, der man am besten mit unkonventionellen Mitteln begegnet. Teil 2 kann kommen!

CD-Tipp

The Goat Rodeo Sessions

Stuart Duncan (Violine), Yo-Yo Ma (Violoncello), Edgar Meyer (Kontrabass) und Chris Thile (Mandoline)
Sony Classical

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