Wer den bei Sonnenschein gülden schimmernden Riesenkubus erblickt, mag meinen, das Rheingold sei entdeckt worden. Die Fundstelle ließe sich sogar präzise lokalisieren: bei Stromkilometer 714 – in Monheim am Rhein. Tatsächlich aber hütet die zwischen Köln und Düsseldorf gelegene Stadt nicht den Nibelungenhort, sondern einen ganz anderen Schatz, die Kulturraffinerie K714. In der ersten Septemberwoche wird die von den Stuttgarter Architekten Bez und Kock ins Industriedenkmal einer aufgegebenen Ölraffinerie hineingebaute multifunktionale Veranstaltungshalle der Öffentlichkeit übergeben. Hinter den abertausend Glasziegeln der Fassade, die das wechselnde Licht des Rheinufers spiegeln, verbirgt sich ein flexibel bespielbarer Saal, der klassischer Musik ebenso Raum geben soll wie Rock- und Popkonzerten. Und vielem mehr: etwa Theater, Tanz, Ausstellungen und – im Rheinland unabdingbar – Karnevalssitzungen.
Der Saal fasst bei Konzertbestuhlung bis zu 1450 Besuchende, bei Stehplatzanordnung gar bis zu 4800. Der hochfahrbare Orchestergraben und die Obermaschinerie befinden sich auf dem technischen Niveau eines Opernhauses. Wo einst Rohöl zu Schmierstoffen verfeinert wurde, bestimmt nun künstlerisches Raffinement das Geschehen. Wie vielerorts im Ruhrgebiet ersteht auch hier im Rheinischen ein Industriedenkmal durch Umnutzung für kulturelle Aufgaben. Architektonisch bilden die denkmalgeschützte Bausubstanz der Industriehalle aus dem Jahr 1913 mit ihrem kühnen Stahlbeton-Tragwerk und der darin eingebaute Betonkubus einen spannungsvollen Kontrast. Vergangenheit und Gegenwart kommen gleichberechtigt zur Geltung. Ebenso im bis zu 500 Plätze bietenden Kleinen Saal, der einstigen Fassabfüllanlage.

Vom Raffinerieareal zum Kulturmagneten
Die Monheimer Kulturwerke GmbH, eine Tochtergesellschaft der Stadt, hat das Riesenprojekt zügig in die Tat umgesetzt. Von der Grundsteinlegung im Juni 2023 bis zur Einweihung vergingen gerade einmal drei Jahre. Die Baukosten werden sich auf voraussichtlich 166 Millionen Euro belaufen. Als Konzertsaal für klassische Musik muss sich der Kubus schon in der Eröffnungswoche bewähren, wenn das Amsterdamer Concertgebouworkest unter Santtu-Matias Rouvali und Solist Víkingur Ólafsson Beethovens emphatisches fünftes Klavierkonzert aufführen und das Orchester anschließend Prokofjews fünfte Sinfonie monumental entfalten wird. Weitere zwölf Konzerte wird das infolge des Krieges in der Ukraine nach Monheim übergesiedelte Kyiv Symphony Orchestra bestreiten. Seine prominente Erste Gastdirigentin Oksana Lyniv steht im Juli kommenden Jahres an dessen Pult.
Kein Zweifel, Monheims Kulturwerke-Geschäftsführer und Kulturraffinerie-Intendant Martin Witkowski darf der ersten Spielzeit an der Rheinpromenade zuversichtlich entgegensehen. Die Abonnentenzahlen entwickeln sich vielversprechend. Es ist zu erwarten, dass sich auch Flanierende und Radelnde am Flussufer, die beim Zwischenstopp im Dachterrassenrestaurant den Blick über Architektur und Rheinpanorama genießen, für einen Konzertbesuch gewinnen lassen.
Sa., 03. Oktober 2026 20:00 Uhr
Konzert
Elisabeth Brauß
Werke von Scarlatti, Messiaen, Chopin & Schumann
So., 11. Oktober 2026 11:00 Uhr
Konzert
Сeline Moinet, Kyiv Symphony Orchestra, Mojca Lavrenčič
Havrylets: An Maria, Grandal: Oboenkonzert d-Moll op. 7, Mozart: Sinfonie Nr. 38 D-Dur KV 504
Termintipp
So., 18. Oktober 2026 18:00 Uhr
Konzert
Philippe Jaroussky, Ensemble Artaserse
Vivaldi: Stabat Mater, Nisi Dominus & Opernarien (Auswahl)





