In Sachen Klassikvielfalt ist Berlin selbst international mit gewöhnlichen Maßstäben kaum zu fassen. Das beweisen schon die drei Opernhäuser mit durchgehendem Spielbetrieb und zwei der prägenden Dirigenten unserer Zeit in leitenden Positionen: Christian Thielemann und Kirill Petrenko. Vor allem versteht sich die Hauptstadt darauf, vom starbesetzten Repertoireklassiker bis zum Nischenexperiment ein ganzes Universum zu entfalten – und das Jahr für Jahr.
Neues und Allzuneues
Frischen Anstrich verpasst sich derweil die Deutsche Oper, die Aviel Cahn aus Genf als Intendanten nach Berlin berufen hat. Der lässt in seiner ersten Saison mit Maxime Pascal, Michele Spotti und Titus Engel gleich ein ganzes Dirigententrio die musikalischen Geschicke des Hauses lenken – eine Konstellation, die sich in einer hohen Dichte an Erst- und Uraufführungen sowie Programmschwerpunkten „mit dem gewissen Etwas“ niederschlägt. Gleich zu Saisonbeginn lotet Pascal mit der deutschen Erstaufführung von Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ die Grenzen des musiktheatralisch Darstellbaren aus. Neue-Musik-Experte Engel bleibt seinem Profil treu und bringt Bára Gísladóttirs „Good Vibes Only“ zur Uraufführung.
Die Staatsoper Unter den Linden setzt dagegen mit wiederentdeckten Meisterwerken und groß besetzten Klassikern Akzente. Eröffnet wird die Premierensaison mit Gaspare Spontinis „La Vestale“ – einem Werk jenes Komponisten, der einst selbst als Generalmusikdirektor an der damaligen Königlichen Oper wirkte. Zum Auftakt der Barocktage widmen sich L’Arpeggiata und die Akademie für Alte Musik Berlin gemeinsam mit Vera-Lotte Boecker Francesco Cavallis „La Calisto“. Später dirigiert Thielemann Humperdincks anspruchsvolle Oper „Königskinder“. Anna Netrebko kehrt als Abigaille in „Nabucco“ zurück, Asmik Grigorian singt die Titelrolle in der Neuproduktion von Puccinis „Manon Lescaut“.

TTT: Thielemann, Tristan, Tannhäuser
Thielemann wiederum erklärt Wagner zur Chefsache und ist in hochkarätig besetzten Repertoirevorstellungen von „Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“ zu erleben. Ganz andere Saiten schlägt der Kapellmeister im Sonderkonzert „Musik aus fernen Rundfunktagen“ an: Dann erklingen populäre Gassenhauer aus der frühen Radioära, darunter Werke von Paul Lincke, Eduard Künneke und Siegfried Translateur. Auch für Franz Liszt bricht die Staatskapelle eine Lanze, wenn mit den „Festklängen“ und „Les Préludes“ zwei seiner viel zu selten gespielten sinfonischen Dichtungen auf dem Programm stehen.
Nicht minder selbstbewusst meldet sich die Komische Oper zu Wort. Hausregisseur Barrie Kosky nimmt sich gleich zu Saisonbeginn in der traditionellen Auftaktproduktion im Hangar des Tempelhofer Flughafens Aribert Reimanns Avantgarde-Klassiker „Lear“ an. Im Januar inszeniert Evgeny Titov Karol Szymanowskis wuchtig-archaischen „Król Roger“, im Mai kehrt Kosky mit Gershwins Welterfolg „Porgy and Bess“ ans Haus zurück. Neue Perspektiven auf vergessene französische Werke der Romantik eröffnet unterdessen traditionell das in Venedig beheimatete Palazzetto Bru Zane: In Kooperation mit der Berliner Operngruppe kommt Clémence de Grandvals Frühwerk „Les Fiancés de Rosa“ konzertant im Konzerthaus auf die Bühne.

Jubiläen und Festivalneugründungen
2017 öffnete der Pierre Boulez Saal erstmals seine Türen. Den zehnten Geburtstag feiern am 18. März 2027 Jörg Widmann, Michael Barenboim, Michael Wendeberg und Ben Goldscheider – ganz im Sinne des Namensgebers – mit zeitgenössischen Werken für Soloinstrumente und Live-Elektronik. Neben Kompositionen von Mark Andre, Mark Simpson und Philippe Manoury erklingt auch Boulez’ „Anthèmes 2“. Ebenfalls Grund zum Feiern hat das West-Eastern Divan Orchestra, das Daniel Barenboim und Edward Said im Sommer 1999 als Zeichen der Völkerverständigung mit Musikern aus Israel und Palästina gründeten. Seine mehr als fünfundzwanzigjährige Geschichte würdigt nun ein neues Festival in der ganzen Stadt – zwischen Philharmonie und Berghain, mit Künstlern wie Emmanuel Pahud, Naseer Shamma und Lang Lang.

Geburt, Tod und Wiederauferstehung
Zwischen barocken Trompetenkonzerten und vor- wie nachweihnachtlichen Publikumsmagneten à la „Hänsel und Gretel“ und „Nussknacker“ herrscht in den Festtagsprogrammen meist wenig Überraschungsgefahr. Doch es gibt Ausnahmen: Passend zur vierten Adventswoche debütiert Maxime Pascal bei den Berliner Philharmonikern mit Hector Berlioz’ „L’Enfance du Christ“; den Chorpart in dieser französischen Alternative zum Weihnachtsoratorium übernimmt der Rundfunkchor Berlin. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin erhebt wiederum die Totenmesse zum Saisonmotiv. Den Anfang bilden die intimen Requien von Schnittke und Duruflé, später wird Mozarts berühmtes Requiem gespielt, ergänzt durch Auszüge besonderer Vertonungen von Damien Geter und Eric Gould. Im April schließlich folgt Rufus Wainwrights „Dream Requiem“ mit der Schweizer Starsopranistin Regula Mühlemann und Iris Berben als Erzählerin.
Den christlichen Zyklus aus Geburt, Tod und Wiederauferstehung komplettiert Teodor Currentzis mit Orchester und Chor seines Utopia-Projekts. Bei ihrem einzigen Gastspiel im deutschsprachigen Raum bringen sie Johann Sebastian Bachs expressive „Matthäus-Passion“ in die Berliner Philharmonie. Wem Bachs Passionsbericht allzu vertraut ist – oder Currentzis aus politischen Gründen nicht ganz geheuer –, der kann dort bereits tags zuvor die Brandenburger Symphoniker mit Sven-David Sandströms ebenfalls dem Matthäusevangelium gewidmeter Passion hören. Am selben Ort wurde das Werk am 16. Februar 2014 uraufgeführt; nun erlebt es dort seine Wiederauferstehung.
Mi., 16. September 2026 19:30 Uhr
Premiere
Musiktheater
Reimann: Lear
Scott Hendricks (König Lear), Dimitry Ivashchenko (König von Frankreich), Philipp Meierhöfer (Herzog von Albany), Johannes Dunz (Herzog von Cornwall), Ivan Turšić (Graf von Kent), Günter Papendell (Graf von Gloster), Nicholas Carter (Leitung), Barrie Kosky (Regie)
Termintipp
Sa., 19. September 2026 17:00 Uhr
DEA
Musiktheater
Stockhausen: Mittwoch aus Licht
Musikfest Berlin
Mi., 23. September 2026 20:00 Uhr
Konzert
Abschlusskonzert
Musikfest Berlin
Termintipp
So., 08. November 2026 18:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Cavalli: La Calisto
Barocktage
Do., 17. Dezember 2026 20:00 Uhr
Konzert
Berlioz: L’enfance du Christ
Julie Boulianne (Sainte Marie), Allan Clayton (Un récitant), Huw Montague Rendall (Saint Joseph), Jean Teitgen (Hérode), Edwin Crossley-Mercer (Un père de famille), Theodore Platt (Polydorus), Caspar Singh (Un centurion), Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Maxime Pascal (Leitung)
Fr., 18. Dezember 2026 20:00 Uhr
Konzert
Berlioz: L’enfance du Christ
Julie Boulianne (Sainte Marie), Allan Clayton (Un récitant), Huw Montague Rendall (Saint Joseph), Jean Teitgen (Hérode), Edwin Crossley-Mercer (Un père de famille), Theodore Platt (Polydorus), Caspar Singh (Un centurion), Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Maxime Pascal (Leitung)
Sa., 19. Dezember 2026 19:00 Uhr
Konzert
Berlioz: L’enfance du Christ
Julie Boulianne (Sainte Marie), Allan Clayton (Un récitant), Huw Montague Rendall (Saint Joseph), Jean Teitgen (Hérode), Edwin Crossley-Mercer (Un père de famille), Theodore Platt (Polydorus), Caspar Singh (Un centurion), Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Maxime Pascal (Leitung)
Termintipp
Mo., 14. Dezember 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Verdi: Nabucco
Amartuvshin Enkhbat (Nabucco), Anna Netrebko (Abigaille), Roberto Tagliavini (Zaccaria), Marina Prudenskaya (Fenena), Fabio Sartori (Ismaele), Simone Young (Leitung), Emma Dante (Regie)
Fr., 22. Januar 2027 18:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Gísladóttir: Good Vibes Only
Julieth Lozano (Julieth), Charlotte Mundy (Charlotte), Ty Bouque (Ty), Andrew Watts (Andrew), Noa Frenkel (Noa), Isaiah Robinson (Isaiah), Pascal Zurek (Pascal), Tobias Kehrer (Tobias), Titus Engel (Leitung), Joris Lacoste (Regie)
Sa., 30. Januar 2027 19:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Szymanowsky: Król Roger
Hubert Zapiór (Roger II, König von Sizilien), Penny Sofroniadou (Roxana), Caspar Krieger (Edrisi), Christopher Sokolowski (Hirte), Artyom Wasnetsow (Erzbischof), Karolina Gumos (Diakonissin), James Gaffigan (Leitung), Evgeny Titov (Regie)
Termintipp
Sa., 06. Februar 2027 18:00 Uhr
Konzert
Musik aus fernen Rundfunktagen
Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann (Leitung)
Termintipp
So., 07. Februar 2027 11:00 Uhr
Konzert
Musik aus fernen Rundfunktagen
Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann (Leitung)
So., 14. Februar 2027 20:00 Uhr
Konzert
Carine Tinney, J’Nai Bridges, Siyabonga Maqungo, Kevin Deas, Rundfunkchor Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Jeannette Sorrell
Mozart/Levin: Requiem d-Moll, Geter: An African American Requiem (Auszüge), Gould: „1791: Requiem for the Ancestors“, Montgomery: Five Freedom Songs, Sorrell: Voices of 1791
Termintipp
Sa., 20. Februar 2027 16:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Tristan und Isolde
Klaus Florian Vogt (Tristan), Camilla Nylund (Isolde), Irene Roberts (Brangäne), Michael Nagy (Kurwenal), René Pape (König Marke), Roman Trekel (Melot), Christian Thielemann (Leitung), Harry Kupfer (Regie)
Termintipp
Mi., 11. November 2026 20:00 Uhr
Konzert
Eröffnungskonzert
West-Eastern Divan Festival
Termintipp
Do., 18. März 2027 19:30 Uhr
Konzert
Geburtstagskonzert – 10 Jahre Pierre Boulez Saal
Jörg Widmann (Klarinette), Ben Goldscheider (Horn), Michael Barenboim (Violine), Domen Marinčič (Viola), Michael Acker (Live-Elektronik), Gilbert Nouno (Live-Elektronik)
So., 21. März 2027 15:30 Uhr
Konzert
Sandström: Matthäus-Passion
Solisten des Philharmonischen Chors Berlin, Brandenburger Symphoniker, Stefan Parkman (Leitung)
Termintipp
Mo., 22. März 2027 19:00 Uhr
Konzert
J. S. Bach: Matthäus-Passion BWV 244
Utopia Orchestra, Teodor Currentzis (Leitung)
Termintipp
So., 25. April 2027 20:00 Uhr
Konzert
Wainwright: Dream Requiem
Regula Mühlemann (Sopran), Rundfunkchor Berlin, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kazuki Yamada (Leitung), Iris Berben (Rezitation)
Termintipp
So., 21. März 2027 18:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Puccini: Manon Lescaut
Asmik Grigorian (Manon Lescaut), Joshua Guerrero (Renato Des Grieux), Lauri Vasar (Lescaut), Lucio Gallo (Geronte de Ravoir), Bertrand de Billy (Leitung), Johannes Erath (Regie)
Termintipp
Sa., 20. März 2027 16:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Tannhäuser
Andreas Schager (Tannhäuser), Krassimira Stoyanova (Elisabeth), Andrè Schuen (Wolfram von Eschenbach), Marina Prudenskaya (Venus), René Pape (Landgraf Hermann), Siyabonga Maqungo (Walther von der Vogelweide), Christian Thielemann (Leitung), Sasha Waltz (Regie)
Termintipp
Di., 13. April 2027 19:00 Uhr
Konzert
Camilla Nylund, Piotr Beczała, Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann
Liszt: Festklänge & Les Préludes, R. Strauss: Orchesterlieder
Termintipp
Mi., 14. April 2027 20:00 Uhr
Konzert
Camilla Nylund, Piotr Beczała, Staatskapelle Berlin, Christian Thielemann
Liszt: Festklänge & Les Préludes, R. Strauss: Orchesterlieder
Termintipp
Sa., 01. Mai 2027 17:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
Humperdinck: Königskinder
Sebastian Kohlhepp (Der Königssohn), Diana Damrau (Die Gänsemagd), Christian Gerhaher (Der Spielmann), Evelyn Herlitzius (Die Hexe), Stephan Rügamer (Der Besenbinder), Christian Thielemann (Leitung), David Bösch (Regie)
Di., 04. Mai 2027 19:30 Uhr
Musiktheater
Grandval: Les Fiancés de Rosa
Anna Stéphany (Rosa), Siobhan Stagg (Ned/Miss Jenny), Moreno García (Geordie Andrés), Linard Vrielink (Nigel), Felix Krieger (Leitung)
So., 09. Mai 2027 19:00 Uhr
Premiere
Musiktheater
G. Gershwin/DuBose/Heyward & I. Gershwin: Porgy and Bess
Darren Drone (Porgy), Brittany Renee (Bess), Curtis Bannister (Sportin‘ Life), Mandla Mndebele (Crown), Daniel Rich (Jake), Jasmine Habersham (Clara), James Gaffigan (Leitung), Barrie Kosky (Regie)








