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Klassik-Highlights der Saison 2026/27 in Berlin

Zweihundert Prozent geben

concerti-Autor Patrick Erb stellt seine persönlichen Höhepunkte der kommenden Saison in Berlin vor.

vonPatrick Erb,

In Sachen Klassikvielfalt ist Berlin selbst international mit gewöhnlichen Maßstäben kaum zu fassen. Das beweisen schon die drei Opernhäuser mit durchgehendem Spielbetrieb und zwei der prägenden Dirigenten unserer Zeit in leitenden Positionen: Christian Thielemann und Kirill Petrenko. Vor allem versteht sich die Hauptstadt darauf, vom starbesetzten Repertoireklassiker bis zum Nischenexperiment ein ganzes Universum zu entfalten – und das Jahr für Jahr.

Neues und Allzuneues

Frischen Anstrich verpasst sich derweil die Deutsche Oper, die Aviel Cahn aus Genf als Intendanten nach Berlin berufen hat. Der lässt in seiner ersten Saison mit Maxime Pascal, Michele Spotti und Titus Engel gleich ein ganzes Dirigententrio die musikalischen Geschicke des Hauses lenken – eine Konstellation, die sich in einer hohen Dichte an Erst- und Uraufführungen sowie Programmschwerpunkten „mit dem gewissen Etwas“ niederschlägt. Gleich zu Saisonbeginn lotet Pascal mit der deutschen Erstaufführung von Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ die Grenzen des musiktheatralisch Darstellbaren aus. Neue-Musik-Experte Engel bleibt seinem Profil treu und bringt Bára Gísladóttirs „Good Vibes Only“ zur Uraufführung.

Die Staatsoper Unter den Linden setzt dagegen mit wiederentdeckten Meisterwerken und groß besetzten Klassikern Akzente. Eröffnet wird die Premierensaison mit Gaspare Spontinis „La Vestale“ – einem Werk jenes Komponisten, der einst selbst als Generalmusikdirektor an der damaligen Königlichen Oper wirkte. Zum Auftakt der Barocktage widmen sich L’Arpeggiata und die Akademie für Alte Musik Berlin gemeinsam mit Vera-Lotte Boecker Francesco Cavallis „La Calisto“. Später dirigiert Thielemann Humperdincks anspruchsvolle Oper „Königskinder“. Anna Netrebko kehrt als Abigaille in „Nabucco“ zurück, Asmik Grigorian singt die Titelrolle in der Neuproduktion von Puccinis „Manon Lescaut“.

Ein Mann eine Mission: Christian Thielemann widmet sich der Romantik von Liszt über Wagner bis Humperdinck
Ein Mann eine Mission: Christian Thielemann widmet sich der Romantik von Liszt über Wagner bis Humperdinck

TTT: Thielemann, Tristan, Tannhäuser

Thielemann wiederum erklärt Wagner zur Chefsache und ist in hochkarätig besetzten Repertoirevorstellungen von „Tannhäuser“ und „Tristan und Isolde“ zu erleben. Ganz andere Saiten schlägt der Kapellmeister im Sonderkonzert „Musik aus fernen Rundfunktagen“ an: Dann erklingen populäre Gassenhauer aus der frühen Radioära, darunter Werke von Paul Lincke, Eduard Künneke und Siegfried Translateur. Auch für Franz Liszt bricht die Staatskapelle eine Lanze, wenn mit den „Festklängen“ und „Les Préludes“ zwei seiner viel zu selten gespielten sinfonischen Dichtungen auf dem Programm stehen.

Nicht minder selbstbewusst meldet sich die Komische Oper zu Wort. Hausregisseur Barrie Kosky nimmt sich gleich zu Saisonbeginn in der traditionellen Auftaktproduktion im Hangar des Tempelhofer Flughafens Aribert Reimanns Avantgarde-Klassiker „Lear“ an. Im Januar inszeniert Evgeny Titov Karol Szymanowskis wuchtig-archaischen „Król Roger“, im Mai kehrt Kosky mit Gershwins Welterfolg „Porgy and Bess“ ans Haus zurück. Neue Perspektiven auf vergessene französische Werke der Romantik eröffnet unterdessen traditionell das in Venedig beheimatete Palazzetto Bru Zane: In Kooperation mit der Berliner Operngruppe kommt Clémence de Grandvals Frühwerk „Les Fiancés de Rosa“ konzertant im Konzerthaus auf die Bühne.

Lang Lang feiert das West-Eastern Divan Orchestra und dessen neues Festival
Lang Lang feiert das West-Eastern Divan Orchestra und dessen neues Festival

Jubiläen und Festivalneugründungen

2017 öffnete der Pierre Boulez Saal erstmals seine Türen. Den zehnten Geburtstag feiern am 18. März 2027 Jörg Widmann, Michael Barenboim, Michael Wendeberg und Ben Goldscheider – ganz im Sinne des Namensgebers – mit zeitgenössischen Werken für Soloinstrumente und Live-Elektronik. Neben Kompositionen von Mark Andre, Mark Simpson und Philippe Manoury erklingt auch Boulez’ „Anthèmes 2“. Ebenfalls Grund zum Feiern hat das West-Eastern Divan Orchestra, das Daniel Barenboim und Edward Said im Sommer 1999 als Zeichen der Völkerverständigung mit Musikern aus Israel und Palästina gründeten. Seine mehr als fünfundzwanzigjährige Geschichte würdigt nun ein neues Festival in der ganzen Stadt – zwischen Philharmonie und Berghain, mit Künstlern wie Emmanuel Pahud, Naseer Shamma und Lang Lang.

Maxime Pascal setzt mit französischer Romantik und mit avantgardistischen Experimenten Akzenten
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Geburt, Tod und Wiederauferstehung

Zwischen barocken Trompetenkonzerten und vor- wie nachweihnachtlichen Publikumsmagneten à la „Hänsel und Gretel“ und „Nussknacker“ herrscht in den Festtagsprogrammen meist wenig Überraschungsgefahr. Doch es gibt Ausnahmen: Passend zur vierten Adventswoche debütiert Maxime Pascal bei den Berliner Philharmonikern mit Hector Berlioz’ „L’Enfance du Christ“; den Chorpart in dieser französischen Alternative zum Weihnachtsoratorium übernimmt der Rundfunkchor Berlin. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin erhebt wiederum die Totenmesse zum Saisonmotiv. Den Anfang bilden die intimen Requien von Schnittke und Duruflé, später wird Mozarts berühmtes Requiem gespielt, ergänzt durch Auszüge besonderer Vertonungen von Damien Geter und Eric Gould. Im April schließlich folgt Rufus Wainwrights „Dream Requiem“ mit der Schweizer Starsopranistin Regula Mühlemann und Iris Berben als Erzählerin.

Den christlichen Zyklus aus Geburt, Tod und Wiederauferstehung komplettiert Teodor Currentzis mit Orchester und Chor seines Utopia-Projekts. Bei ihrem einzigen Gastspiel im deutschsprachigen Raum bringen sie Johann Sebastian Bachs expressive „Matthäus-Passion“ in die Berliner Philharmonie. Wem Bachs Passionsbericht allzu vertraut ist – oder Currentzis aus politischen Gründen nicht ganz geheuer –, der kann dort bereits tags zuvor die Brandenburger Symphoniker mit Sven-David Sandströms ebenfalls dem Matthäusevangelium gewidmeter Passion hören. Am selben Ort wurde das Werk am 16. Februar 2014 uraufgeführt; nun erlebt es dort seine Wiederauferstehung.



























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