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Klassik-Highlights der Saison 2026/2027 in der Schweiz

Exzellente Klassik im Nahversorger-Prinzip

concerti-Autor Patrick Erb stellt seine persönlichen Höhepunkte der kommenden Saison in der Schweiz vor.

vonPatrick Erb,

Mit fast vierzig Museen gilt Basel zwar als Kulturhauptstadt der Schweiz. Doch die knapp 180.000 Einwohner zählende Stadt steht exemplarisch für das, was das ganze Land ausmacht: eine bemerkenswert hohe Kulturdichte auf kleinem Raum und ein so attraktives Angebot, wie man es andernorts nur selten findet. Oft liegt zwischen zwei Kulturzentren kaum mehr als eine Zugstunde. Gerade deshalb lohnt es sich, über den Horizont der eigenen Gemeinde hinauszublicken und im Auge zu behalten, was über das Jahr verteilt in der ganzen Schweiz zu erleben ist.

Das bereits auf Hochtouren laufende Lucerne Festival wartet als eines der größten Klassikfestivals überhaupt auch in diesem Jahr zum Saisonauftakt mit hörenswerten Höhepunkten auf und versammelt binnen kurzer Zeit einige der besten Orchester des Globus in der Stadt am Vierwaldstättersee. In diesem Umfeld dürfte das Gastspiel des Met Orchestra unter seinem Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin für besonderes Aufsehen sorgen. Gemeinsam mit der weltweit gefeierten Mezzosopranistin Joyce DiDonato gehen die New Yorker mit Werken Gustav Mahlers und Missy Mazzolis auf Europatournee und machen für ihren einzigen Termin im DACH-Raum im KKL in Luzern Station. Für Kurzentschlossene ein absoluter Tipp.

In Luzern treffen Joyce DiDonato, das New Yorker MET Orchestra und Yannick Nézet-Séguin in einem seltenen Gastspiel aufeinander
In Luzern treffen Joyce DiDonato, das New Yorker MET Orchestra und Yannick Nézet-Séguin in einem seltenen Gastspiel aufeinander

Sinfonisch-solistisches Experimentierfeld

Gedulden müssen sich Klavierfans hingegen bis zum Festival Le Piano Symphonique, das dem großen sinfonischen Repertoire innovative solistische Akzente entgegensetzt. Von Yunchan Lim und Hayato Sumino bis zu Daniil Trifonov und Mikhail Pletnev, von Liszts Klavierkonzerten bis zu Schuberts Siebter für zwei Klaviere: Die Dichte an Virtuosen und programmatischen Spezialitäten kann sich sehen lassen. Aus dieser Fülle ragt Martha Argerich heraus, deren 85. Geburtstag das Festival mit einer Jubiläumsgala nachfeiert. Einen runden Geburtstag begeht auch das Berner Symphonieorchester, das in seiner heutigen Form seit 1877 besteht. Auf 150 Jahre stößt man hier nicht nur mit Sekt an, vielmehr feiert man eine ganze Saison lang ein rauschendes Fest der Spätromantik und Moderne – von Berlioz und Brahms über Mahler, Strauss, Rimski-Korsakow und Mussorgski bis hin zu Strawinsky, Prokofjew und Orff.

Am Luzerner Theater wiederum müssen sich eingefleischte Repertoirekenner bis April gedulden. Dann hält der Alte-Musik-Spezialist Jörg Halubek mit dem Einakter „Proserpina“ ein klingendes Plädoyer für den wenig bekannten deutsch-schwedischen Klassiker Joseph Martin Kraus.

Nicht nur im Schweizer Kulturleben zuhause: Martha Argerich
Nicht nur im Schweizer Kulturleben zuhause: Martha Argerich

Affinität für die Moderne

Mit konzertanter Raffinesse geizt die Schweiz gewiss nicht. Das beweist im Oktober das Orchestra della Svizzera italiana – das einzige Radiosinfonieorchester des Landes. In Lugano, von Luzern aus etwa durch den Gotthardtunnel zu erreichen, interpretieren der Dirigent Antonello Manacorda und der Violinist Hans Liviabella das Violinkonzert von dessen Großvater Lino Liviabella, umrahmt von impressionistischen Werken Debussys, Ravels und Respighis. Wie ein Kontrapunkt zum antiakademischen Impressionismus wirken jene Kompositionen, die beim renommierten Prix de Rome ausgezeichnet wurden, den der französische Staat vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an junge Künstler vergab. Auch die damals 19-jährige Lili Boulanger gewann mit ihrer lyrischen, von Goethe inspirierten Kantate „Faust et Hélène“ einen Grand Prix de Rome – und stellte damit ihr einzigartiges kompositorisches Geschick unter Beweis. Im kommenden März führen das Orchestre de la Suisse Romande unter Daniel Harding und die Solisten Fleur Barron und Andrew Staples die Kantate in der Genfer Victoria Hall auf.

Lorenzo Viotti, der ab August 2028 als GMD am Opernhaus in Zürich wirkt, gibt mit Richard Strauss' „Elektra“ eine anspruchsvolle Kostprobe
Lorenzo Viotti, der ab August 2028 als GMD am Opernhaus in Zürich wirkt, gibt mit Richard Strauss‘ „Elektra“ eine anspruchsvolle Kostprobe

Genf ist zudem ein guter Ort für das Musiktheater des 20. Jahrhunderts: In dieser Saison stehen an der Oper mit Neuproduktionen von Frank Martins „Der Sturm“ und Leonard Bernsteins „Candide“ – beide 1956 uraufgeführt – zwei stilistisch höchst unterschiedliche Zeugnisse der Nachkriegszeit auf dem Programm. Dem zeitgenössischen Musiktheater huldigt wiederum das Theater Winterthur in besonderem Maße: Das Hausensemble bringt Gordon Kampes „Die Verwandlung“ nach Kafka bereits im September zur Uraufführung und beschließt die Saison mit Peter Eötvös’ „Angels in America“. Auch das Berner Stadttheater beweist aufs Neue seine Affinität zu Uraufführungen, wenn im Juni Sarah Nemtsovs Oper „Ophelias Flügel“ erstmals erklingt, inszeniert von der derzeit hochgehandelten Regisseurin Barbora Horáková.

Hochkarätige Schweiz

Das Opernhaus Zürich wiederum setzt andere Akzente und lockt mit Premieren in Starbesetzung, etwa mit Puccinis Westernoper „La fanciulla del West“, in der Jonas Kaufmann eine der Hauptrollen singt, oder mit einer vielversprechend besetzten „Elektra“ – mit dem designierten Generalmusikdirektor Lorenzo Viotti am Pult. Das eigentliche Ausrufezeichen setzen die Zürcher jedoch bereits am 1. November: Dmitri Tcherniakov Inszeniert dann die drei Operneinakter Sergej Rachmaninows. Auch das Liedprogramm ist prominent besetzt, unter anderem mit Lise Davidsen, Elīna Garanča, Jakub Józef Orliński und Bryn Terfel. Eine besonders reizvolle Stückauswahl bringt jedoch Julie Fuchs mit: Mit Chansons von Erik Satie und Francis Poulenc bis hin zu Aristide Bruant und Yvette Guilbert führt die Sopranistin quer durch die französische Unterhaltungsmusik um 1900.

Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan vereint regelmäßig seine beiden Künste – so auch am Theater Basel in „Le nozze di Figaro“
Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan vereint regelmäßig seine beiden Künste – so auch am Theater Basel in „Le nozze di Figaro“

Aufgrund seiner Lage bietet sich Basel wiederum für einen kurzen grenzüberschreitenden Kulturtrip auch für den süddeutschen Raum besonders an. Historisch ist Basel protestantisch geprägt; durch Zuzug hat jedoch auch das katholische Leben in der ohnehin multikulturellen Stadt am Rhein neue Konturen gewonnen. Mit Joseph Haydns „Nelsonmesse“ und der „Theresienmesse“ setzen das Kammerorchester Basel und René Jacobs ihren Zyklus mit der Aufführung und Einspielung aller großen Haydn-Messen fort. Das Theater Basel wiederum knüpft mit „Le nozze di Figaro“ an den Erfolg seines „Barbier von Sevilla“ fort. Erneut führt der Marionettenkünstler Nikolaus Habjan Regie. Schließlich überrascht auch das Theater St. Gallen mit besonderen Akzenten. In der Eröffnungsproduktion von „Hoffmanns Erzählungen“ singt Rolando Villazón die Titelrolle – und dürfte mit Verve für genau das sorgen, was über die gesamte Saison hinweg gelten soll: gute Unterhaltung.

























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