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Klassik-Highlights der Saison 2026/27 in NRW

Ein Land, in dem die kulturellen Funken sprühen

concerti-Autor Patrick Erb stellt seine persönlichen Höhepunkte der kommenden Saison in NRW vor.

vonPatrick Erb,

Nordrhein-Westfalen denkt gern in Superlativen. Rund achtzehn Millionen Menschen leben im bevölkerungsreichsten Bundesland, also ungefähr so viele wie in den Niederlanden. Zwischen Städten und Ballungsräumen sind die Wege kurz, zur kulturellen Einheitsgemeinde wächst man deshalb noch lange nicht zusammen. Zum Glück: Die neue Saison bietet reichlich Anlass, die Nachbarschaft zu erkunden.

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Neues Haus, neues Glück

Das spektakulärste Signal zum Saisonauftakt kommt aus Köln. Dort hat die Sanierung des Opernhauses am Offenbachplatz selbst den rheinischen Frohsinn einer langjährigen Belastungsprobe unterzogen. Seit 2012 hielten die Kulturjecken der baulichen Realsatire stand; vierzehn Jahre später dürfen sie nun endlich wieder hinein – zu Richard Strauss’ „Rosenkavalier“. Auch Smetanas „Die verkaufte Braut“ verspricht Komik, wenn die Liebe zum Gegenstand eines fragwürdigen Handels wird. Außerdem wird Wagners „Ring“ hier weitergeschmiedet. Am szenischen Amboss steht nach wie vor Paul-Georg Dittrich, dessen „Siegfried“ im April Premiere feiert.

Ein paar Rheinkilometer weiter hat Monheim bereits Anfang September seine Kulturraffinerie K714 eröffnet. Bis zu 4.800 Menschen fasst der Hauptsaal, der sich für Rock, Pop und Klassik umrüsten lässt. Klaus Mäkelä und das Concertgebouw-Orchester legten am Eröffnungswochenende die musikalische Messlatte hoch. Ob das neue Haus sie dauerhaft erreicht und sein Publikum damit erreicht, wird sich zeigen. Für ein eigenes Profil sorgt jedenfalls das Kyiv Symphony Orchestra: Als Residenzorchester der Saison 2026/27 verbindet es Repertoireklassiker mit seltener gespielten Werken ukrainischer oder aus der heutigen Ukraine stammender Komponisten, darunter Reinhold Glière, Fedir Yakymenko und Borys Lyatoshynsky.

Aurel Dawidiuk übernimmt als GMD und Intendant in Bochum das Kommando
Aurel Dawidiuk übernimmt als GMD und Intendant in Bochum das Kommando

Weiter nördlich hält Düsseldorf der Ungewissheit um seinen Opernneubau ein erfreulich konkretes Raritätenprogramm entgegen. Auf Arrigo Boitos chorgewaltigen „Mefistofele“, das Saisonhighlight der Deutschen Oper am Rhein, muss man allerdings bis Juli warten. Das Partnerhaus in Duisburg eröffnet derweil mit der Wiederaufnahme von Zemlinskys „Der Kreidekreis“, in dem fernöstliches Kolorit auf Jazzanklänge trifft. Die Wartezeit verkürzen auch die Düsseldorfer Symphoniker mit Programmen abseits des Tourneeeinerleis. Mitte März etwa spielt Stephen Hough sein eigenes Klavierkonzert „The World of Yesterday“. Dirigent Alpesh Chauhan stellt ihm Brittens „Sinfonia da Requiem“ und Strawinskys „Le Sacre du printemps“ zur Seite.

Eine kurze ICE-Fahrt weiter nehmen die Duisburger Philharmoniker zudem die italienische Orchestermusik in den Blick. Von Martucci über Respighi, Casella und Rota bis Berio spannt sich ein weiter Bogen, der auch über den Atlantik reicht, wo einige der Italiener ihre großen Erfolge feierten. Später im Jahr wird der Konzertsaal zur klingenden Gemäldegalerie: Neben Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ widmet sich Stefan Blunier Rachmaninows „Die Toteninsel“ und Regers „Vier Dichtungen nach Arnold Böcklin“. Auch Reger hat Böcklins berühmte Insel vertont – Gelegenheit also, zwei musikalische Überfahrten zu vergleichen.

Wird 80: Komponist und Dirigent John Adams
Wird 80: Komponist und Dirigent John Adams

Fusionsreaktor Ruhrgebiet

Im Ruhrgebiet erreicht die kulturelle Betriebsdichte ihren Höhepunkt. Als eine einzige Stadt würde die Region mit rund 5,1 Millionen Einwohnern selbst Berlin hinter sich lassen. Entsprechend dicht drängen sich die Konzert- und Opernbühnen. Als Primus inter Pares behauptet sich das Konzerthaus Dortmund, das internationale Prominenz mit eigenen Schwerpunkten verbindet. John Adams, der im Februar 2027 achtzig wird, macht mit dem London Symphony Orchestra, Víkingur Ólafsson und eigenen Werken Station. Wenig später wagen sich Ingo Metzmacher, Messiaen-Kenner Pierre-Laurent Aimard und das Mahler Chamber Orchestra an die überwältigende „Turangalîla“-Sinfonie. Joyce DiDonato, hier beinahe eine Ortsheilige, kehrt mit ihrem kürzlich bei der Ruhrtriennale vorgestellten Liedprojekt „Emily – No prisoner be“ zurück. Für konzentrierte Entdeckungen sorgt die Reihe „Zeitinsel“: Im Mittelpunkt steht diesmal Lera Auerbach, deren Schaffen sich kaum in eine handliche Stilformel fassen lässt.

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Am Theater Dortmund darf man sich derweil dem Klangrausch hingeben. Zunächst kommt Albéric Magnards symbolistisch grundiertes Ritterdrama „Guercœur“ auf die Bühne, später Wagners „Tannhäuser“: Um metaphysische Erlösung geht es in beiden Fällen. Die Tanzsparte hält mit „Dracula“ zu Musik von Wojciech Kilar und „Faust“ zu Musik von Milko Lazar zwei Literaturklassiker als Handlungsballette bereit. Auch Essen serviert harmonisch anspruchsvolle Werke: Elisabeth Stöppler inszeniert Korngolds mystisch-märchenhafte Oper „Das Wunder der Heliane“. Dass Opulenz nicht erst eine Erfindung der Spätromantik ist, zeigt das hauseigene Festival „her:voice“. Im Konzert „Barocke Opulenz“ fächert Dorothee Oberlinger Musik von Élisabeth Jacquet de La Guerre bis Anna Amalia von Preußen und Wilhelmine von Bayreuth auf. Komponistinnen, die eine nähere Bekanntschaft lohnen.

Dorothee Oberlinger zeigt in Essen die musikalische Vielfalt der Komponistinnen des Barock.
Dorothee Oberlinger zeigt in Essen die musikalische Vielfalt der Komponistinnen des Barock.

Die Feste feiern, wie sie fallen

Die Bochumer Symphoniker begrüßen zur neuen Saison Aurel Dawidiuk als Generalmusikdirektor. Mit 26 Jahren gehört er zu den jüngsten Vertretern seiner Zunft in einem solchen Amt. Zum Feiern muss er nicht lange warten: Das Anneliese Brost Musikforum begeht seinen zehnten Geburtstag mit einem Festkonzert am 7. November, an dem auch Dawidiuk als Dirigent mitwirkt. Auch danach lohnt das genaue Hinhören. Sylvain Cambreling gastiert mit selten gespieltem Repertoire von Janáčeks „Žárlivost“ bis zu Florent Schmitts „La Tragédie de Salomé“, einem Hauptwerk des französischen Komponisten.

In Köln fällt die Jubiläumszahl viermal so groß aus: Die Philharmonie wird vierzig. Das Gürzenich-Orchester Köln und das WDR Sinfonieorchester gestalten das Geburtstagskonzert gemeinsam, Andrés Orozco-Estrada und Jörg Widmann teilen sich das Dirigat. Für den WDR geht es in dieser Saison ohnehin hoch hinaus – in Skrjabins „Le divin poème“ ebenso wie in Strauss’ „Alpensinfonie“.

Mit dem Oberon aus Brittens „A Midsummer Night's Dream“ bestens vertraut: Nils Wanderer
Mit dem Oberon aus Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ bestens vertraut: Nils Wanderer

Inseln theatraler Sternstunden

Auch abseits der großen Kulturachsen lohnt der Blick auf die Spielpläne. Das Landestheater Detmold nimmt sich Kaija Saariahos erster Oper „L’Amour de loin“ an, deren Klangwelt Verbindungen zu Wagners „Tristan und Isolde“ und Debussys „Pelléas und Mélisande“ erkennen lässt. Bielefeld setzt mit Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ auf feenhaft schillernden Shakespeare – und auf Countertenor Nils Wanderer in seiner Paraderolle als Oberon. Mit Michael Tippetts „A Child of Our Time“ bringen die Bielefelder Philharmoniker und der Oratorienchor Bielefeld ein weiteres Hauptwerk der britischen Moderne zu Gehör. Ausgangspunkt des Oratoriums ist Herschel Grynszpans Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938, das die Nationalsozialisten als Vorwand für die Novemberpogrome nutzten. In eine andere Welt führt Wuppertal mit Ernst Tochs „Die Prinzessin auf der Erbse“ von 1927: Auch jenseits von Humperdincks Dauerbrenner gibt es für das junge Opernpublikum Märchen zu entdecken.

Bonn knüpft als einstige Bundeshauptstadt weiterhin Musiktheater an politische Fragen. In der Reihe „Fokus’33“ zeigt das Theater Wilhelm Zobls Oper „Der Weltuntergang“. Peter Daniel Wolfkinds Libretto basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel des österreichisch-jüdischen Schriftstellers Jura Soyfer, das der drohenden Katastrophe mit den Mitteln des politischen Kabaretts begegnet. Auch Glucks „Iphigenie auf Tauris“ dürfte unter Peter Konwitschnys Regie kaum zum beschaulichen Klassikerabend geraten. Anno Schreiers „Turing“ wiederum rückt den britischen Mathematiker in den Mittelpunkt – ein Stoff, der im Zeitalter künstlicher Intelligenz zusätzliche Perspektiven ermöglicht. Zum Schluss führt der Weg zurück nach Essen: Beim Festival „NOW!“ in der Philharmonie widmet sich die Neue Philharmonie Westfalen mit Stockhausens spirituellem Kultstück „Inori“ dem Schwerpunkt „Transzendenz“. Ein deutlicher Gegenentwurf zu Alltag und Alltäglichkeit.

























































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