Opern-Kritik: Theater Bonn – Penthesilea

Ein Theaterwunder

(Bonn, 15.10.2017) Regisseur Peter Konwitschny, Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und das gesamte Team erleben einen Triumph der Gemeinsamkeit

Penthesilea/Theater Bonn © Theater Bonn

Szenenbild aus "Penthesilea"

Am Ende stehen Leitungsteam, Solisten und der ganze Chor als kaum geordnete Masse Arm in Arm auf der Bühne. Das Bonner Publikum rast vor Begeisterung, und die Beleuchter ordnen den Applaus spontan mit rhythmischen Lichtreflexen. Das gab es – nicht nur in Bonn – lange nicht. Regie-Altmeister Peter Konwitschny ist zusammen mit dem Ausstatter Johannes Leiacker und dem Dirigenten Dirk Kaftan, der mit dieser Produktion sein Amt als Generalmusikdirektor der Stadt Bonn antritt, ein wirkliches Theaterwunder gelungen.

Im Boxring ohne Begrenzungsseile

Dabei ist die 1927 uraufgeführte „Penthesilea“ des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck nicht nur auf den ersten Blick keine leichte Aufgabe. Kleists Tragödie, vom Komponisten selbst und dem Autor Leon Oswald geradezu fanatisch auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Länge komprimiert, scheint uns heute fremder denn je. Dazu kommt eine heterogene, mal romantisch schimmernde, mal fast bruitistisch krachende Musik, dominiert von rauem, dunklem Streicherklang ohne Violinen, von denen es nur vier gibt, die ausschließlich solistisch eingesetzt werden, wie auch die vielen verschiedenen Klarinetten, wie die zwei Klaviere. Die stehen – in Form von Konzertflügeln – auf der viereckigen, weißen Spielfläche, die Johannes Leiacker ins Parkett der Bonner Oper gewuchtet hat. Dieser Boxring ohne Begrenzungsseile, dieses schmucklose Konzertpodium ist, umringt von Zuschauern, das einzige Bühnenbild dieser ungewöhnlichen 90 Minuten. Noch besser: das ganze Theater ist es – vom Rang, aus dem sich immer wieder die geifernde Oberpriesterin einschaltet, bis zur Hinterbühne, von der aus das Orchester spielt.

Szenenbild aus "Penthesilea"

Penthesilea/Theater Bonn © Theater Bonn

Solisten und Choristen spielen und singen aus dem Publikum

Denn die durch die Bank, auch und vor allem in den vielen rhythmisierten Sprechpassagen begeisternden Solisten und Choristen der Bonner Oper spielen und singen aus dem Publikum. Von dort betrachten sie den Geschlechterkampf auf dem Präsentierteller zwischen der wilden und verletzlichen Penthesilea und Achilles, hier ein weltgewandter Softie mit hartem Kern und viel Dekadenz. Christian Miedl erfindet eine glaubhafte Figur, eine charmante, aber keine freundliche. Und singt mühelos, mit feiner, bewusster Phrasierung einen Mann ohne Eigenschaften. Sein Gegenüber ist Dshamilja Kaiser, ein Mezzosopran mit faszinierend lodernder Höhe und klarem, kontrollierten Fundament. Es ist faszinierend, fast erschütternd, zu erleben, wie sie Penthesilea außer sich geraten lässt. Um ihr – und uns – Distanz zu ermöglichen und zu bewahren, lässt Konwitschny sie den berühmten Schlussmonolog („Küsse, Bisse“) quasi konzertant vortragen, ein Stilmittel, das er einst auch in seiner Stuttgarter „Götterdämmerung“ anwandte.

Szenenbild aus "Penthesilea"

Penthesilea/Theater Bonn © Theater Bonn

Erschreckend und saukomisch zugleich

Die starke Frau darf sich hier gewissermaßen vom Theater emanzipieren, trotz Tod Sieger sein, zumindest unbeschädigt aus der Vorstellung hervorgehen. Im theatralischen Kontext der Bonner Aufführung rührt das an. Denn was der Opernchor hier als individualisierte, aber dadurch noch stärkender wirkende Masse aufführt, ist so erschreckend wie saukomisch. Man erlebt Griechen und Amazonen, die das Geschehen ignorant kommentieren – und gleichzeitig Theaterzuschauer, die mit einem Stück nicht zurechtkommen. Immer wieder mischen sie sich ein, stehen wütend auf, drängen aus dem Saal oder auf die Bühne, wo sie die Darsteller und die beiden grandiosen Pianisten bedrängen.

Der neue GMD Dirk Kaftan begeistert

Dazu hält Dirk Kaftan mit dem wie befreit aufspielenden Beethoven Orchester die komplexe Partitur in bewundernswerter Weise in der Balance. Ihm geht es nicht, wie so oft unter Kaftans Vorgänger, um sinnliche Überwältigung, sondern um Präzision und Lebendigkeit. Hier trifft sich der Dirigent ästhetisch mit dem Regisseur, mit dem er bereits in Graz zusammen ge- und sich offensichtlich ein künstlerisches Vertrauen erarbeitet hat, welches man sicher als Keimzelle dieses herausragenden Opernabends bezeichnen darf.

Theater Bonn
Schoeck: Penthesilea

Dirk Kaftan (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Johannes Leiacker (Bühne & Kostüme), Marco Medved (Chor), Dshamilja Kaiser (Penthesilea), Christian Miedl (Achilles), Aile Asszonyi (Prothoe), Kathrin Leidig (Meroe), Ceri Williams (Oberpriesterin), Marie Heeschen (Erste Priesterin), Johannes Mertes (Diomedes), Lucas Huber Sierra, Meri Tschabaschwili (Bühnen-Pianisten), Chor und Extrachor des Theaters Bonn, Beethoven Orchester Bonn

Termine: 15.10. (Premiere), 20. & 29.10., 12. & 19.11., 2. & 14.12.2017

Eine Antwort zu “Ein Theaterwunder”

  1. Ursula Hartlapp-Lindemeyer sagt:

    Es war ein Wagnis, aber es ist ein großer Erfolg geworden. Ich war in der Premiere und bin restlos begeistert.
    Alle – die hervorragenden Solisten, das Orchester, der Chor, vor allem aber der Dirigent haben aus der Partitur Funken geschlagen und einen faszinierenden Opernabend geschaffen, mit erheblichem Suchtpotential.
    Ich muss das noch öfter sehen, denn Schoeck hat es verdient, öfter aufgeführt zu werden.
    Dirk Kaftan hat einen Senkrechtstart hingelegt!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *