Blind gehört Viviane Hagner

„Der Klang ist einfach einzigartig“

Die Geigerin Viviane Hagner hört und kommentiert CDs von Kollegen, ohne dass sie erfährt, wer spielt

Viviane Hagner © Tim Kölln

Viviane Hagner

Ihr Lachen steckt an – und gibt zumindest eine Ahnung von dem „Gegacker“, in das Viviane Hagner und ihre Schwester Nicola ausbrechen, wenn die beiden sich treffen: Privat oder auch auf der Bühne, denn die beiden harmonieren auch gar herrlich auf Violine und Klavier. Doch an diesem Vormittag lauscht die Geigerin den unbekannten Aufnahmen allein – wenn sie nicht gerade wieder einmal in ihr so herrlich herzlich-offenes Lachen ausbricht …

  Schostakowitsch: Trio Nr. 2 e-Moll

 Immanuel Ax, Isaac Stern, Yo-Yo Ma

 Sony Classical


Schostakowitsch-Trio … ein Werk, in dem man ein ganzes Leben durchmacht. Am Anfang ist es noch relativ distanziert, und trotzdem fängt es einen gleich. … Die drei Instrumente hier wirken sehr plastisch und doch klingt es sehr gut zusammen. Das ist ein Werk, wo wir durchaus drei sehr distinguierte, verschiedene Stimmen haben müssen und können – für mich könnte es hier manchmal noch ein bisschen ruppiger und rauer sein: Ich würde es vielleicht weniger schön spielen … Schostakowitsch polarisiert oft: Entweder die Leute lieben ihn – oder sie schauen runter auf seine Musik – ich mag seine Musik gern und stehe dazu.

 

Brahms: Violinsonate Nr. 1 G-Dur

Leonidas Kavakos, Yuja Wang

2014. Decca

 

 

Brahms … eines der schönsten Brahms-Kammermusikwerke für Geige – und eben nicht nur für die Geige, wie schon Clara Schumann gesagt hat: Es ist ein Werk, wo man am Schluss der Sonate in die andere Welt hinübergetragen werden möchte … Schon als Teenager habe ich diese Brahms-Sonaten mit meiner Schwester einstudiert: Wir haben sie anfangs nur gelesen und dann nach Monaten oder Jahren im Konzert gespielt. So wächst man in ein Werk hinein – zumal wir damals auch beide  Geige und Klavier gespielt und alles mal ein bisschen probiert haben … ja, wenn meine Schwester nicht zugehört hat, habe ich auch die Klavierstimme gespielt.

Mozart: Violinkonzert Nr. 5 A-Dur

Vilde Frang, Arcangelo, Jonathan Cohen

2014. Warner Classics

Mozart natürlich… tiefe Stimmung, das ist zumindest historisch informiert, wobei ich denke, dass es normale Instrumente sind … gutes, recht flottes Tempo – und es ist eine neuere Aufnahme. Der Solist oder die Solistin nimmt sich viel Freiheit, was Vibrato und Phrasierungen betrifft – das würde ich zum Teil anders machen. Was ich indes schön finde am historisch informierten Spiel: Man hat wieder viel mehr Freiheiten. Ich fand schon immer: Hauptsache, ein Werk ist mit Seele und ausdrucksvoll musiziert. … Nein, wirklich? Dann ist es wohl doch eine alte Aufnahme – wegen der Kadenz: Heute spielt man diese hier kaum noch – außer in Probespielen. Aber natürlich ist auch das künstlerische Freiheit …

  

Bach: Partita Nr. 3 
E-Dur

Nigel Kennedy

1993. EMI Classics

 

Oh, live … das ist aber nicht Menuhin, oder? … Ein bisschen wild halt … und die Intonation finde ich nicht so toll. Zudem ist es mir zu viel von rechts gespielt, ich würde versuchen, das Temperament im Rahmen zu halten – E-Dur kann viel schöner strahlen! Das ist so etwas von feierlich: Eine plastischere Einleitung von der Geige kann man sich kaum vorstellen – das verschafft einem einen wunderschönen Auftritt.

Beethoven: Violinkonzert D-Dur

Anne-Sophie Mutter, Herbert von Karajan

1985. Deutsche Grammophon

Hohe Stimmung: Das ist typisch für die Berliner Philharmoniker … und gut gespielt! Diese kleinen Sachen mit den Streichern: Da proben manche Dirigenten ganz viel – und manche eben gar nicht … (beim Einsatz der Geige) Anne-Sophie Mutter, oder? Der Klang ist einfach einzigartig: Das muss man ihr zugestehen. Natürlich ein extrem auf Schönheit bedachter Klang, auch ein gewisses Vibrato auf dieser Aufnahme – das war ja noch mit Karajan, da war sie eine junge Frau – heutzutage spielt man insgesamt deutlich phrasierter. … Das Tempo des Orchesters in der Einleitung fand ich sehr gut – schade, dass es jetzt mit dem Solo deutlich langsamer geworden ist. Denn gerade im ersten Satz mit

seiner fast schon überbordenden Form und den ungewöhnlich vielen Motiven ist es besonders wichtig, dass es einen Zusammenhang behält – und dazu gehört auch eine Tempoeinheit.

Bartók: Violinkonzert Nr. 1

Thomas Zehetmair, Ivan Fischer

2009. Berlin Classics

Das habe ich noch nicht gespielt … die Geige ist sehr melodiös und ausdrucksvoll, sehr geigerisch geschrieben und absolut gut gespielt, auch wenn ich hier nichts typisch Charakteristisches für einen bestimmten Kollegen heraushöre … Zehetmair also – ja, ich habe es mir fast gedacht, denn ich habe ja bei ihm studiert und seinen Klang so im Ohr: Das ist das, woran ich mich erinnern kann. Wo ich mich vielleicht etwas schneller und enger bewegen würde, da ist für ihn der Ausdruck etwas breiter und weiter gefasst. … Dieser frühe Bartók ist manchmal sehr romantisch und expressionistisch: Ich sollte das mal spielen – vielen Dank für diesen Anstoß.

 

 Vivaldi: „Der
 Sommer“

 Nigel Kennedy, Berliner Philharmoniker

 2004. EMI Classics

 

So fürchterlich heiß ist es doch gar nicht. … Das Tempo ist eindeutig so, dass offenbar drückende Schwüle herrscht … diese Fingersätze und diese Striche – Banane … also, ich kenne die Aufnahme nicht: Es ist sehr gut gespielt – in dieser schnellen Stelle hat mich gewundert, dass man tatsächlich die Striche stark hört – jemand, der hier durchaus auf Risiko spielt. Was ich persönlich nicht mag, ist dieses Crescendo am Anfang: Ich finde, der Ton muss sofort stehen – auch wenn man mit dem Barockbogen spielt.

Tschaikowsky:
Violinkonzert D-Dur

 David Garrett, Mikhail Pletnev

 2001. Deutsche Grammophon

 

Die ganzen Geigen-Klassiker … so gut phrasieren hört man das Orchester selten: Meist ist das alles so huu-huu-huu … Diese melancholische Stimmung am Anfang ist toll eingefangen… (beim Einsatz der Solo-Violine): Mit Dämpfer – auch mal gut, das machen wenig Leute, das gefällt mir gut, sehr elegant gespielt … ist das Hilary Hahn? … Was mir hier an dem Satz gefällt: Es ist relativ schlicht und schlackenlos, mehr braucht es für mich nicht – macht man zu viel, nützt das dem Werk nicht. Dieser Satz ist ja fast schon ein Lied mit den verschiedenen Strophen und hat einfach etwas sehr Melancholisches … da waren jetzt so ein paar alte Schmierer – die ich sehr gerne mag … David Garrett also: Er macht etwas aus dem Werk … ich verfolge seine Karriere zwar nicht, aber generell glaube ich, dass er nach wie vor sehr gut Geige spielt.

 Sibelius: Violinkonzert d-Moll

 Isaac Stern, Eugene Ormandy & Leonard Bernstein

 

Noch so ein Klassiker … eine ältere Aufnahme, nicht wahr? Da hat es aber jemand eilig gehabt … ich musste mich auch zwingen, den Sibelius anders kennenzulernen, das ganze Gegenteil vom Virtuosentum – ich würde da nicht so dramatisch herangehen. Trotzdem macht es natürlich Spaß so jemandem zuzuhören, der auf Risiko spielt: Die jungen Geiger heute würden so etwas alle hundertprozentig sauber spielen, eine solche Interpretation würde da nicht mehr durchgehen. Für mich ist das nicht entscheidend, aber eben ein Detail, weshalb ich diese Aufnahme deutlich früher datieren würde, aber auch wegen des Ausdrucks in den Rutschern … Isaac Stern also: Gut hat er gespielt damals.

 Schubert: Quartett D 887

Gidon Kremer, Daniel Phillips, Kim Kashkashian,

 Yo-Yo Ma

1987. CBS

 

Was für ein Werk! Dafür lohnt es sich, Geige zu spielen… Musikalisch geht da einfach eine Welt auf: Quartett-Literatur ist ja ohnehin die Königsdisziplin für die Streicher – und dann das große G-Dur von Schubert, was natürlich auch diese himmlischen Längen hat und wo man als Spieler wie als Hörer so reingezogen wird – und es lässt einen einfach nicht mehr los. Schon die Einleitung versetzt einen in eine andere Welt, da geht ein ganzer Kosmos auf – wenn man sich überlegt, dass der Schubert da gerade mal an der 30er-Marke gekratzt hat: Das ist wirklich unglaublich und eines der Wunder.

 Schönberg: Violinkonzert

Hillary Hahn, Esa-Pekka Salonen

2008. Universal

 

Das habe ich auch noch nicht gespielt. … Ist das Schönberg – mit Hilary Hahn? … Es gibt nicht so viele Konzerte, die ich noch nicht gespielt habe und deswegen dachte ich, es müsste eigentlich das Schönberg-Konzert sein. Geigerisch absolut tadellos: Sie spielt sehr aus, selbst Dinge, die man im Grunde technisch kaum spielen kann, spielt sie mühelos – gerade diese Terzen in den oberen Lagen sind eine Herausforderung für den Geiger und das spielt sie so wie einen Spaziergang im Park.

CD-Tipp

Jost: TiefenRausch & CocoonSymphony

Viviane Hagner (Violine), Essener Philharmoniker, Christian Jost (Leitung)
Capriccio

Auch interessant

Interview Viviane Hagner

„Ich war nie ein Wunderkind“

Die Geigerin Viviane Hagner über den Sinn von Wettbewerben, musikalisches Talent und die kulturelle Bildung von Kindern weiter

Interview Viviane Hagner

„Stille ist auch sehr schön“

Die Geigerin Viviane Hagner über ein Paar "Extra-Ohren", musikalisches Trittbrettfahren und den Luxus, sich stundenlang mit neuem Repertoire zu beschäftigen weiter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *