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Magazin - Blind gehört Jens Peter Maintz - „Äußerst geschmackvolle Aufnahmen“
Blind gehört Jens Peter Maintz
Der Cellist Jens Peter Maintz hört und kommentiert CDs von Kollegen, ohne dass er erfährt, wer spielt
von Arnt Cobbers
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Jens Peter Maintz studierte bei David Geringas in Lübeck und gewann 1994 den ersten Preis beim renommierten ARD-Wettbewerb. Ein Jahr später wurde der gebürtige Hamburger Erster Solo-Cellist im Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin, 2004 wechselte er als Professor an die Universität der Künste. Der 44jährige ist weiterhin oft als Solist und Kammermusiker unterwegs und spielt das Solo-Cello in Claudio Abbados Luzerner Festivalorchester. Als regelmäßiger Leser des „Blind gehört“ setzte er sich gespannt vor die Stereo-Anlage und kommentierte bereits während des Hörens.

C.P.E. Bach: Konzert für Violoncello, Streicher und Basso continuo
Peter Bruns (Violoncello)
Akademie für Alte Musik Berlin
2000. harmonia mundi
Dieses Konzert spiele ich nächsten Monat mit Reinhard Goebel, darauf freue ich mich sehr. Das ist historisches Instrumentarium, und das Continuo-Cello klingt fast brillanter als der Solist – was ich nicht schlimm finde, denn hier steht nicht das Solistische, sondern der Dialog mit dem Orchester im Vordergrund. Es spielt auf jeden Fall ein Spezialist, der sich auskennt. Es ist sehr differenziert, auch in den Verzierungen. Ich habe mal vor vielen Jahren ein Bach-Konzert aufgenommen, und in einer Rezension stand: Jens Peter Maintz spielt auf einem Barock-Cello. Das fand ich klasse, es war nämlich keines. Natürlich ist das Instrument wichtig, aber wichtiger noch ist, was im Kopf stattfindet, da bildet sich die Klangästhetik. Das Cello hat sich in den letzten 300 Jahren nicht so stark verändert wie die Tasteninstrumente – ein Hammerklavier ist ein total anderes Instrument als ein D-Steinway. Mich reizt es allerdings sehr, auch mal ein Barock-Cello auszuprobieren. Ich finde die Aufnahme sehr schön, sie ist sehr lebendig, auch vom Tempo her, und das brillante Continuo-Cello gefällt mir auch, weil ich selbst gern Continuo-Cello spiele. Als Student habe ich viele Kantaten begleitet, die Stütze der Musik zu sein, finde ich herrlich. Ich halte auch meine Studenten dazu an, dass sie Barock-Sonaten nicht mit Klavier, sondern mit einem Kollegen spielen... Ist das ein Berliner Cellist? Dann ist es Peter Bruns. Der ist phantastisch! Der weiß wirklich, was er tut und hat immer interessantes Repertoire. Sehr schöne Aufnahme! Die Bach-Konzerte waren Pflichtstücke beim letzten Feuermann-Wettbewerb, und es ist interessant zu sehen, mit welcher Stilsicherheit auch die junge Generation diese Stücke spielt, das wäre vor zehn Jahren noch anders gewesen. Die Bach-Konzerte sind heikel, weil sie nicht so offensichtlich schwer sind, aber doch nicht so gut liegen wie zum Beispiel das C-Dur-Konzert von Haydn. Und in den langsamen Sätzen braucht man wirklich Tiefe.
Brahms: Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll
Gidon Kremer (Violine)
Mischa Maisky (Cello)
Wiener Philharmoniker
Leonad Bernstein (Leitung)
1982. Deutsche Grammophon
(nach der einleitenden Kadenz) Ich weiß nicht, wer es ist, aber es ist auf jeden Fall ganz große Klasse! Sehr farbenreich, unglaublich klar, aber nicht trocken. Sondern satt. Ich habe kurz an Natalia Gutman gedacht – es klingt nach russischer Schule. Das Orchester finde ich ein bisschen behäbig und breitwandig. Über der Kadenz steht die Anweisung von Brahms: „wie ein Rezitativ, aber immer im Tempo“– man muss also frei, aber trotzdem im Tempo spielen. Das gilt für so vieles, und das zitiere ich oft im Unterricht: Auch wenn ihr frei spielt, verliert das Metrum nicht! Das ist hier in idealer Weise realisiert. Können wir noch das Seitenthema hören? Unglaublich pur, nicht mal hier ein Glissando, kaum Portamenti – ha, da ist eines, das ist sehr intelligent eingesetzt. Wenn man mit den Mitteln nicht verschwenderisch umgeht, erhöht man die Wirkung erheblich. Wobei ich im Moment Portamento sehr liebe. Bernstein und die Wiener Philharmoniker? Dann muss es Maisky sein – das gibt’s doch nicht! Ich hatte ja die Ehre, mit ihm zusammen Kammermusik zu machen, Souvenir de Florence und das Schubert-Streichquintett. Er spielt jetzt ganz anders. Er polarisiert – mit seinem Look, mit seinem Hemdwechsel vor jedem Stück... Aber was bleibt, ist diese endlose cellistische Power. Er hat vor Jahren mal beim Cello-Festival in Kronberg ein Schostakowitsch-Konzert gespielt, das ist rein konditionell enorm anspruchsvoll. Die Generalprobe war direkt vor dem Konzert und öffentlich. Mischa kommt herein mit drei oder vier Bögen in der Hand, weil er die ausprobieren will, und ist völlig überrascht, Publikum zu sehen. Er jagt das Stück mit vollem Ausdruck durch, dann kamen zehn Minuten Pause, und dann das Ganze gleich nochmal im Konzert. Kraft ist nicht das einzige, was gutes Musikantentum ausmacht – aber das war schon beeindruckend.
Kodály: Sonate für Violoncello solo op.8
Yo-Yo Ma (Violoncello)
1999. Sony Classical
Es ist relativ schlank im Ton, es klingt, als ob ein Barock-Spezialist Kodály spielen würde – was positiv gemeint ist. Mal sehen, was jetzt der zweite Gedanke bringt... Gefällt mir sehr. Sehr klar und schlicht, das Stück wird oft als Plattform für ausufernde Freiheiten gebraucht, und das tut ihm überhaupt nicht gut. Ich könnte mir das Vibrato an einigen Stellen variantenreicher vorstellen. Vielleicht ist mir die Aufnahme etwas zu kühl im Ton, wenn ich denn etwas kritisieren müsste, aber das ist mir allemal lieber als das andere Extrem. Kodály haben wirklich alle aufgenommen, ich weiß nicht, wer es ist. ... Yo-Yo Ma ist zu Recht ein absoluter Superstar, finde ich. Alles, was er anpackt, macht er konsequent und mit einer bewundernswerten Flexibilität. Er hat gerade in Berlin einen kurzen Meisterkurs gegeben, an dem einer meiner Studenten teilgenommen hat, da war er sehr inspirierend. Er ist schon eine große Persönlichkeit.
Hindemith: Kammermusik Nr.3
Georg Faust (Violoncello)
Berliner Philharmoniker
Claudio abbado (Leitung)
1999. EMI Classics
Das habe ich als Student gespielt – ein phantastisches Stück. Sie spielen mir hier nur äußerst geschmackvolle Aufnahmen vor. Auch dies hier hat die Konsequenz und Strenge, die dem ganzen sehr gut tut. Wobei man nicht vergessen darf, dass Hindemith viel Humor hatte. Ich weiß, es gibt eine Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern. Ist es die? Ich kenne Georg Faust hauptsächlich von den Zwölf Cellisten, da habe ich sogar mal Aushilfe gespielt an einem Pult mit ihm. Zwischen Orchester und Solo zu wechseln, ist kein Problem. Viel schwieriger ist, ein kurzes Solo aus dem Orchester heraus zu spielen. Wenn man eine Stunde lang Mahler 9 gesägt hat, dann ganz am Schluss acht Töne allein zu spielen, die überspitzt gesagt über das Wohl und Wehe des Abends entscheiden – wenn das Nervenkostüm dafür stabil genug ist, ist ein Cellokonzert kein Problem. Eine Gefahr ist, dass durch die Routine im Orchester die instrumentale Fitness verloren geht – das muss jeder für sich klären. Ich habe in den neun Jahren im DSO nichts vermisst. Aber wenn man den Drang zum Unterrichten spürt, hat man eigentlich keine Wahl, wenn sich die Möglichkeit eröffnet. Und ich habe immer von dieser Professur geträumt – als Nachfolger von Emmanuel Feuermann und Wolfgang Boettcher. Wenn man junge Leute dahin bringen kann, dass sie mit der Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten können, ist das wunderbar. Da wird der Erfolg anderer fast wichtiger als der eigene.
Beethoven: Geistertrio op.70 Nr.1
Andreas Staier (Hammerklavier)
Daniel Sepec (Violine)
Jean-Guihen Queyras (Violoncello)
2007. harmonia mundi
Herrlich! Wenn jemand so eine lange Note ohne Vibrato spielt, bin ich schon glücklich. Ah, bei der Wiederholung müsste er sich etwas einfallen lassen, das sollte er nicht ganz genauso machen. Vibrato war ja nicht verboten, es geht um den intelligenten Einsatz. Aber ich finde es erfrischend zu hören. Ist das Queyras? Ich habe nicht oft mit Hammerklavier gespielt, aber das häufiger zu tun ist eines meiner vielen Vorhaben für die Zukunft. Spielt man mit einem modernen Flügel, heißt es immer: Kann mal jemand in den Saal gehen und die Balance testen? Mit einem Hammerflügel erledigen sich viele Probleme von allein. Da kann man ein Fortissimo mit vollem Einsatz spielen, ohne dass es ein Balance-Problem gibt, die Musik wird viel transparenter.
Vivaldi: Konzert für Violoncello und
Orchester B-Dur RV 423
Sol Gabetta (Violoncello)
Cappella Gabetta
2011. Sony Classical
Das ist Vivaldi. Aber ein mir bisher unbekanntes Konzert. Ich finde, das Orchester klingt spezialisierter als das Solo. Das könnte Sol Gabetta sein. Ich bin ein großer Vivaldi-Fan, insofern finde ich es toll, dass sie unbekanntere Vivaldi-Konzerte aufnimmt. Ich habe sie zum letzten Mal live gehört, als sie noch in der Geringas-Klasse war. Sie kann phantastisch Cello spielen, und sie hat auch was zu sagen. Die Aufnahme gefällt mir.
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Freitag, 18. Mai 2012, 20:00 Uhr Konzerthaus, Dortmund Janine Jansen & Friends
Janine Jansen (Violine) |




