Opern-Kritik: Gran Teatre del Liceu – XERXES

Mitsingen erlaubt!

(Barcelona, 16.4.2016) Jean-Christophe Spinosi dirigiert einen federnd feinen Händel – mit dem Ensemble Matheus und einer exquisiten Solistenschar

© A Bofill

Mitsingen erlaubt!

Beim Schlussapplaus jubeln die Affacinados der Oper so lautstark, als hätten Caballé und Carreras gerade einen epochalen Verdi-Abend auf dem jugendlichen Höhepunkt ihres Könnens abgeliefert. Diese Zeiten liegen freilich Jahrzehnte zurück. Doch das Liceu ist ein Opernhaus der Sängerstars geblieben. Die Identifikation der Katalanen mit „ihren“ Sängern ist maximal, das stolze Volk ja auch überdurchschnittlich viele große Sopranistinnen, Mezzi und Tenöre hervorgebracht – das Konservatorium schickt sich an, dass dies auch so bleibt. Der Name des Musentempels an den Ramblas erinnert gar bis heute daran, dass er seine Gründung im 19. Jahrhundert der Initiative des namensgleichen Ausbildungsinstituts verdankt: „Liceu“ eben.

Barcelonas Barockbewegung: Jordi Savall wirkt nach

Der Erfolg des offiziell „nur“ konzertanten Xerxes von Händel, der jetzt zweimal vor fast ausverkauftem Haus zu erleben war, beweist, dass die Repertoireerweiterung von den Hausheiligen der Romantik hinein in barocke Gefilde hier genauso gelingt wie in München, Wien oder Hamburg. Ein berühmter Einheimischer hat hier den Boden bereitet für eine nachhaltige Bewegung und Begeisterung fürs Barocke: Jordi Savall. Seine Auftritte im extraschmucken Jugendstil-Konzerthaus des Palau sind regelmäßig Großereignisse in der quirligen Metropole der Architektur, des guten Essens, des lockeren Lebens – und eben auch: der Musik!

Abwechslung vom Verdi-Alltag

Händels „Xerxes“ unter der Leitung von Jean-Christophe Spinosi wird somit als willkommene Abwechslung vom Verdi-Alltag des Liceu wahrgenommen – als Verdis Simon Boccanegra alternieren gerade der italienische Bariton-Veteran Leo Nucci und der mittlerweile tiefergelegte Tenor Plácido Domingo.

Szenischer Geist verleiht dem Konzert Flügel

Zugegeben: Einige ältere Herren im Saal schlummern im 1. Händel-Akt noch selig, während die Gattinnen den Arienhit Ombra mai fu mit geschlossen Augen genießen. Wie bei Händel nicht selten steigt die Hitdichte erst ab dem 2. Akt. Der Anfang lebt zwar von der Feinzeichnung, auf die sich Spinosi und sein famoses Ensemble Matheus verständigt haben, die Ouvertüre gerät geschmeidig federnd, doch die Affekt-Zuspitzung und der Mut zum Extrem sind zu Beginn noch Fehlanzeige. Doch Spinosi schärft die Würzung mit Händels steigender Zahl traumhafter Arien-Eingebungen. Die Sänger bekommen immer mehr Lust, nicht bloß stupende Koloratur-Girlanden abzuliefern, sondern das Drama mit eigenem Spiel zu füllen. Die Aufführung profitiert davon, dass Spinosi den Xerxes in ähnlicher Besetzung bereits szenisch produziert hat – in der Saison 2014/15 in Stockholm. Eben dieser theatralische Geist verleiht der Aufführung immer mehr Flügel, sodass das Bäumchen-Wechsel-Dich von Macht gegen Minne trotz fehlenden Bühnenbildes gar anschaulich nachzuvollziehen ist.

Vulkanische Koloratur-Entladungen und energisch geladene Pianissimi

José Maria Lo Monaco vermittelt uns den Gefühlshaushalt des verliebten Perserkönigs Xerxes sowohl mit zärtlich intimer Mezzo-Milde, als auch mit dramatisch aufgeladenen vulkanischen Koloratur-Entladungen und markiert mit Crude furie einen final feurigen, farbenprallen Höhepunkt. Übertroffen wird die exquisite Sängerin nur von Verónica Cangemi, die der Atalanta, der heimlichen Flamme von Xerxes‘ Bruder Arsamene, ihren an der barocken Affektensprache ideal geschulten lyrischen Sopran leiht. Ihre zum Bersten gespannten, mit maximaler Energie aufgeladenen Pianissimi, die sie behutsam und berührend anschwellen lässt, sind mindestens so intensiv wie die Trompetentöne einer Hochdramatischen bei Wagner oder Strauss. Auch ein Ereignis: David DQ Lee als Arsamene im Bruderzwist mit Xerxes – beide wollen dieselbe Schöne namens Romilda, die Koloratursoubrette Hanna Husáhr mit projektions- und phonstarkem Sopran adelt. David DQ Lees mit Koloraturen-Testosteron gepushtes „Ich will sie – La voglio“ gerät zum Kabinettstück für Countertenor, so grandios wechselt der Koreaner die Register – bis hinab in die Regionen der brustigen Bass-Schwärze.

Während Spinosis Orchester in den wenigen Chorsätzen hoch kompetent das Intstrumentalspiel mit dem Gesang vereint, ermuntert der Korse zur Zugabe des Finales den versammelten Saal zum Mitmachen. Und siehe da: Barcelonas Melomanen stimmen in den Jubel ein – stimmstark und freudig. Wer selber singt, hört auch besser – und begeisterter.

Gran Teatre del Liceu

Händel: Xerxes

Ausführende: Jean-Christophe Spinosi (Leitung), José Maria Lo Monaco, Hanna Husáhr, David DQ Lee, Verónica Cangemi, Ivonne Fuchs, Christian Senn, Luigi De Donato

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