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Opern-Kritik: Theater Hagen – Lohengrin

Vogelhochzeit endet in Katastrophe

(Hagen, 25.2.2024) Wagners tieftrauriges Opernmärchen vom Schwanenritter wird von Regisseurin Nelly Danker und ihrem Ausstattungsteam vollends in die Vogelwelt verlegt. Im Graben weitet Joseph Trafton mit dem Philharmonischen Orchester Hagen die limitierten Maße von Bühne und Auditorium hingegen ins klangliche Cinemascope-Format.

vonMichael Kaminski,

Hilfreich zur Bestimmung der die Szene dominierenden Vogelwelt wäre fraglos, den Klassiker für Freizeit-Ornithologen „Was fliegt denn da?“ mitzuführen. Doch bietet das Programmheft immerhin einen vogelkundlichen Crash-Kurs. Zentral darin die Information, wonach weiße Pfaue seit dem 18. Jahrhundert als Attraktion für Menagerien gezüchtet wurden und bei diesem Unterfangen streng von den blauen Artgenossen fernzuhalten waren. Der Hagener Gralsritter ist ein blauer Pfau. Symbolisch und farblich liegt das nahe. Das Tier selbst darf für die christliche Hoffnung auf Unsterblichkeit stehen, seine Farbe für das Himmlische und Majestätische der Gralswelt.

Blauer und weißer Pfau werden ein Paar

Elsa hingegen hat die Gestalt seiner weißen mit Reinheit und Unschuld prunkenden Artgenossin angenommen. Was für die Tierwärter in den Menagerien der schlimmstmögliche Fall gewesen wäre und wohl Disziplinarstrafen nach sich gezogen hätte, ereignet sich auf der Hagener Bühne: Blauer und weißer Pfau werden ein Paar. Unter ornithologisch-zoologischem Gesichtspunkt bedeutet ihre Vereinigung die Katastrophe. Freilich nicht allein unter diesem. 

Franca Kaendler, Dorothea Herbert und Tobias Haaks in Wagners „Lohengrin“ am Theater Hagen
Franca Kaendler, Dorothea Herbert und Tobias Haaks in Wagners „Lohengrin“ am Theater Hagen

Beschädigte Selbstbilder

Regisseurin Nelly Danker zeigt Lohengrin innerhalb der Grenzen seines Dünkels und des Frageverbots zur Herablassung aus der hehren Gralswelt erbötig. Für Elsa scheint der gottgesandte Mann bisweilen kaum mehr als ein notwendiges Übel. Weißer Pfau, der sie ist, zeigen sich bei ihr Selbstbewusstsein und Stolz kaum minder ausgeprägt als bei ihrem Retter. Dass sie männlichen Beistand erflehen muss, empfindet sie offenbar als demütigend. Der Brautnacht sieht sie nicht eben freudig entgegen. Überhaupt grassieren in Elsas Blick und Miene von Anbeginn Zweifel an allen und allem. Oft kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dieser weiße Pfau wünschte sich Adlerkrallen. Sei dem, wie ihm sei.

Jedenfalls ist Elsa eines nicht, Ortruds Opfer. Die Heidenfürstin fungiert lediglich als Katalysator für das, was in der brabantischen Herzogstochter ohnehin angelegt ist: der entschiedene Wille, mit dem Partner auf Augenhöhe zu kommunizieren. Lohengrin verweigert sich der Forderung, indem er Elsa die Auskunft über seine Identität vorenthält. Als Kränkung empfunden, mündet das Frageverbot unweigerlich ins Scheitern der Paarbeziehung. Um dies aufs Tapet zu bringen, ergibt die Metamorphose der beiden Zentralfiguren zu prächtigen Hühnervögeln – nichts anderes sind Pfaue – durchaus Sinn. Was die übrige Belegschaft der Voliere auf der Hagener Bühne angeht, lässt sich ohne tiefe Befassung mit Sekundärliteratur zu Ornithologie und Symbolik kaum etwas sagen. Zumal etwa König Heinrich – der Vogler! – ein ebenso führungsstarker wie schmutzender Wiedehopf ist, seine Federhaube aber zum Hahnenkamm statt zur Krone tendiert.

Dorothea Herbert in Wagners „Lohengrin“ am Theater Hagen
Dorothea Herbert in Wagners „Lohengrin“ am Theater Hagen

Adolphe Appia lässt grüßen

Prachtvolles Gefieder billigt Kostümbildnerin Amélie Sator ohnehin einzig Elsa zu. Selbst Lohengrin schlägt sein Rad wie die Sparversion des Imponiervogels. Robert Pflanz stellt Heterogenes auf die Bühne. Am Ufer der Schelde hebt sich ein Felsen aus der Ebene. Für den Vorplatz des Münsters bedient sich Pflanz der Treppenlandschaften Adolphe Appias. Das Brautgemach lässt an ein Vogelnest denken. 

Riesenstimmen

Musikalisch befindet sich der Hagener „Lohengrin“ klar auf der Habenseite. Der von außerhalb erheblich verstärkte Chor des Hauses sowie dessen Extrachor unter Julian Wolf bleiben der Monumentalität des Werks nichts schuldig. Im Graben weitet Joseph Trafton mit dem Philharmonischen Orchester Hagen die limitierten Maße von Bühne und Auditorium ins klangliche Cinemascope-Format. Tobias Haaks‘ Tenor ist dafür wie geschaffen. Haaks verleiht seinem Lohengrin viel Bronze und Virilität. Die lyrischen Valeurs der Partie wird er sich im Verlauf der Aufführungsserie weiter erschließen. Dorothea Herbert ist Elsa. Vokal befiehlt ihr weißer Pfau den Gralsritter geradezu herbei. Die Aufmüpfigkeit dringt noch aus der an der Oberfläche innigsten Phrase. In dieser Elsa brütet die Revolutionärin. Insu Hwang gibt einen schlanken Telramund. Verzehrendes Rachegelüst befeuert die Ortrud der auch stimmlich mit furioser Attacke bezwingend über die Bühne fegenden Angela Davis. König Heinrich wird vom versierten Dong-Won Seo verkörpert. 

Theater Hagen
Wagner: Lohengrin

Joseph Trafton (Leitung), Nelly Danker (Regie), Robert Pflanz (Bühne & Video), Amélie Sator (Kostüme), Martin Gehrke (Licht), Julian Wolf (Chor), Dong-Won Seo, Tobias Haaks, Dorothea Herbert, Insu Hwang, Angela Davis, Kenneth Mattice, Matthew Overmeyer, Johannes Richter, Younjin Ko, Sebastian Joest, Sarah Herrmann, Marvin Bittner, Arian de Bruin, David Pamin, Chor des Theater Hagen und Gäste, Extrachor, Philharmonisches Orchester Hagen


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