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Opern-Kritik: Landestheater Coburg – Götterdämmerung

Anthropozän am Abgrund

(Coburg, 31.3.2024) Alle Rettungsexperimente misslingen, Rache ist nicht süß, und mit Wagners trügerisch milder Ges-Dur-Apotheose könnte die nächste Welttheaterrunde sofort beginnen. In der langfristigen Ersatzspielstätte des Landestheater Coburg folgt das Premierenpublikum dem aufregenden Sog der „Götterdämmerung“ mit wacher Aufmerksamkeit und wachsender Begeisterung.

vonRoland H. Dippel,

Vor dem Globe, der langfristigen Ersatzspielstätte des Landestheater Coburg, ist auf dem Sandparkplatz Richtung Rangierbahnhof zwischen den Akten am Ostersonntag einiges los in der warmen Frühlingssonne. Wagner-Kundige haben für Sekt und Brotzeit sogar Bistrotische dabei. Die beiden langen „Götterdämmerung“-Pausen dehnen die Vorstellungsdauer auf sechs Stunden. Der Coburger „Ring des Nibelungen“ schließt sich in nur 75 Kilometer Entfernung zu den Bayreuther Festspielen viereinhalb Jahren nach dem „Rheingold“-Start im September 2019. Begonnen vor der Pandemie, fanden die ersten drei „Ring“-Teilstücke bis „Siegfried“ im historischen und jetzt wegen umfassender Sanierung geschlossenen Theater am Schlossplatz statt, „Götterdämmerung“ spielt man unter dem neuen Operndirektor Neil Barry Moss im sehr stabilen Globe bis Mitte Juni 2024.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Großzügige Beklemmung und Klangfülle in der „Götterdämmerung“

Die breite Bühnenfläche des Globe-Rundbaus mit zwei Rängen wirkt großzügiger als im klassizistischen Landestheater. Der vom Regisseur Alexander Müller-Elmau verantwortete Raum mit Eisentüren und ornamentierten Zugängen ist in seiner Setzung als Bunker, Museum und Depot dort aber auch bedrückender. Jetzt bedeckt dürres Laub den Boden, was Siegfried vergeblich und deshalb frustriert zusammenkehrt. Die Rheintöchter stehen in Vitrinen wie Puppen aus dem Urgeschichte-Museum, dazu einige Requisiten der bisherigen „Ring“-Handlung hinter Glas. Auch zum „Ring“-Finale wird das Schwert Nothung ein Revolver, dessen Lauf Siegfried nach vollzogenem Betrug an Brünnhilde unentschlossen an seine Kehle hält.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Weniger bedrückend fällt in Wagners dauerdüsteren Chromatik-Exzessen die Leistung des Philharmonischen Orchesters unter GMD Daniel Carter aus. Carter hat die sehr offene und ausladende Akustik des Globe inzwischen gut im Griff, weiß aus deren Tücken in der superlativischen „Götterdämmerung“ sogar Effekte zu ziehen. Auf den Tribünenplätzen (will sagen: im Parkett) hört man immer eine Seite lauter, je nachdem ob links oder rechts mehr los ist. In der Trauermusik ist die Harfe mit sogar sportiver Präsenz vernehmbar. Insgesamt liefern vor allem die stark geforderten Blechbläser, aber auch alle anderen Gruppen eine konditionsstarke wie satte Leistung. Trotz orchestraler Fülle sind die Solostimmen sowie der als Arbeiter auftretende Chor und Extrachor – einstudiert von Alice Lapasin Zorzit – gut und deutlich zu hören, werden nie überflutet. Das kommt auch der Diktion zugute.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Chancenlose Nachkommen

Wie in den ersten „Ring“-Teilen beobachtet eine kleine Menschen-Statisterie mit Gleichmut bis Gleichgültigkeit das Spiel von Untergang und Sinnverlust. Vor allem geht es um die Tragödie einer längst in die (Un-)Reifejahre gekommenen jüngeren Generation, die nicht zum Zug kommt, weil die ältere zu lange die Kursrichtung bestimmen will und erzwingt. Hagen ist erst ein diplomatischer Frontmann mit schwarzer Fliege und gestärktem Hemd, wird dann vor seinem Mord an Siegfried zur todbringenden Walküre und schamanischen Krähe.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Müller-Elmau bleibt in seinen Bildideen nahezu besessen von diesen Wotan zuspielenden Aasvögeln. Wenn Hagen Siegfried von vorne den Hirschfänger in die Flanke treibt, kommt das einer sinnlichen wie erlösenden Penetration gleich. Dafür bringt Alberich, der immer wieder aus dem Chor oder am Rand das Geschehen belauert, Hagen am Ende um. Martin Trepl als eindrucksvoller Alberich wiegt den Ring unschlüssig in seiner Hand und wirft ihn fast gleichgültig ins Publikum. Alle Rettungsexperimente misslangen, Rache ist nicht süß, und mit Wagners trügerisch milder Ges-Dur-Apotheose könnte die nächste Welttheaterrunde sofort beginnen: Mit grauer Opulenz und dem geballten Pessimismus des angstgebeutelten Anthropozäns am Abgrund.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Apokalyptischer Sog

Siegfried braucht keinen Vergessenstrank, um Brünnhilde aus seinen grauen Zellen hinaus zu kicken. Die in knackiges Rot verpackte und auf Siegfried scharf gemachte Gutrune trinkt diesen selbst, gerät dann zum Klischee einer Sexbombe in Rot mit Zwecksteuerung. Kora Pavelić steigert den Waltraute-Monolog zur Minidrama-Insel und signalisiert, dass ihr die Feder-Epaulletten der Walküren-Uniform aus innerer Bedrängnis zu eng sind. Zur Brautgewinnung erscheinen Gunther und Siegfried gemeinsam – so spitzt sich die Infamie des Gestaltwandels noch mehr zu. Zur Hochzeit schleppt der Alkoholiker Gunther Brünnhilde mit Zwangsjacke, ihr Dilemma zwischen Begehren und Zweifel artikuliert Gutrune lebhaft und bejammernswert. Die Nornen erscheinen in Daunendecken gegürtet wie vom Krankenlager. Als ramponierte Schaufensterpuppen stelzen die Rheintöchter zum Schlagabtausch mit dem immer müderen Siegfried und sind Gehandicapte wie die Nornen: Ioana Tautu, Emily Lorini und Rebecca Davis vereinen sich zum einen wie dem anderen Trio von Untergangsprophetinnen. Aufgescheuchte Krähenschwärme und nackte Baumstämme (Video: Niklas Zidarov) steigern den nebelnd apokalyptischen Sog, Julia Kaschlinskis Kostüme verdichten ihn mit der textilen Signifikanz eines ambitionierten Katastrophenfilms.

Hier handelt es sich trotzdem nicht um Individuen, sondern um Typen, die mit lückenhaftem Sozialisationsrüstzeug und durch die Bank mangelhaften Sozialkompetenzen in die unausweichliche Katastrophe treiben. Nur ein Smartphone ist im Spiel, auf dem eine Beobachterin am Geschehensrand zappt.

Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg
Szenenbild aus Wagners „Götterdämmerung“ am Landestheater Coburg

Starkes Trio: Brünnhilde, Hagen, Siegfried

Die fast zur Gänze aus dem eigenen Ensemble kommende Besetzung schlägt sich imponierend – mit vollem Einsatz, prachtvoller Kondition und starken Persönlichkeiten. Allen voran Irina Oknina auf dem Weg von einer idealen jugendlich-dramatischen Fülle zur extremsten der drei Brünnhilde-Partien im „Ring“. Lars Fosser versteckt die Schwäche Gunthers hinter baritonaler Kraft, Ana Naqe ist eine Gutrune auf ebenbürtigem Energieniveau mit beeindruckender Präsenz.

Höhepunkt des Abends trotzdem: Das mit Intensität auf gleichwertiger Höhe anpackende Gegner-Tandem von Gustavo López Manzitti als Siegfried und Michael Lion als Hagen. Beide sind keine Strahlemänner aus Glanz oder Finsternis, sondern subtile Kontrahenten mit Tiefgang. Sie demonstrieren mit eindringlichen Charakterstimmen einen gigantischen Willen zum Ausdruck, inhaltlicher Durchdringung und dabei leisen Gesten. Das Premierenpublikum folgte diesem aufregenden Sog mit wacher Aufmerksamkeit und wachsender Begeisterung. Großer Applaus.

Landestheater Coburg
Wagner: Götterdämmerung

Daniel Carter (Leitung), Alexander Müller-Elmau (Regie & Bühne), Julia Kaschlinski (Kostüme), Niklas Zidarov (Video), André Sievers (Dramaturgie), Irina Oknina, Gustavo López Manzitti, Martin Trepl, Michael Lion, Lars Fosser, Ana Naqe, Kora Pavelić, Ioana Tautu, Emily Lorini, Rebecca Davis, Chor und Extrachor des Landestheaters Coburg, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg






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