Interview Ferhan & Ferzan Önder

„Konkurrenz kennen wir nicht“

Warum die Zwillinge Ferhan und Ferzan Önder auch am Klavier unzertrennlich sind

Ferhan und Ferzan Önder © Nancy Horowitz

Ferhan und Ferzan Önder

Mitten in der Wiener Innenstadt, nur einen Steinwurf voneinander entfernt, wohnen Ferhan und Ferzan Önder mit ihren Familien. Geboren in der Türkei, haben sie seit ihrem Klavierstudium in Wien ihr Lebenszentrum; fast ausschließlich treten sie als Klavierduo auf. Doch so ähnlich sie sich sehen, beim Gespräch in Ferhans Appartement stellen sich rasch die Unterschiede heraus: Impulsiv und überschwänglich antwortet Ferhan, zurückhaltender und sanfter ergänzt Ferzan.

Sie sind Zwillingsschwestern, Sie sind ein Klavierduo seit Anfang ihrer Karriere. Gibt es da gelegentlich auch Differenzen?

Ferhan: Jede hat Ideen, da ist es gut, dass man zu zweit ist. Natürlich gibt es bei der Interpretation immer wieder Konflikte, das ist ja auch gut so. Dieser Austausch war früher, als wir noch zwei junge Mädels waren, manchmal etwas heftig. Heute versuchen wir, alle Kritik nicht persönlich zu nehmen. Es geht nur um die Musik.

Gab es Rivalitäten, Konkurrenzkämpfe?

Ferzan: Konkurrenz kennen wir nicht.
Ferhan: Vielleicht in der Schulzeit. Da gab es in der Klasse immer Wettbewerbe, das ist natürlich Konkurrenz.
Ferzan: Aber trotzdem haben wir uns gefreut, wenn eine den ersten Preis hatte und die andere den zweiten. Wir wurden oft miteinander verglichen: Wer läuft schneller und so weiter. Aber das hat uns nie interessiert.
Ferhan: Vermutlich ist das Konkurrenzgefühl etwas geringer, weil wir Zwillinge sind. Ich habe mich nie mit meiner Schwester verglichen. Man muss sich immer auf sich selbst beziehen: Wie weit kann ich gehen, wo sind meine Grenzen. Das ist gesund. Wenn man sich ständig mit anderen vergleicht, macht man sich kaputt – und keinen Schritt nach vorne.
Ferzan: Es geht ja nicht darum, am schnellsten zu spielen. Wir waren vor kurzem in China, und dort erzählten uns die Klavierschüler, dass ihre Lehrer sagen: Wenn ihr so schnell seid wie Pollini, dann ist es gut. Das Konkurrenzgefühl in China ist enorm.
Ferhan: Ich finde das keinen gesunden Weg.

Es ist auffällig, dass es gerade in der Türkei bereits ein Pianistenduo aus Zwillingsschwestern gibt, Güher und Süher Pekinel.

Ferhan: Ja, das ist seltsam. Die Labèque-Schwestern sind hingegen zwei Jahre auseinander. Aber man trifft die Entscheidung nicht selber.
Ferzan: Na ja, man spielt schon als Kinder gemeinsam, da ist das ganz natürlich.
Ferhan: Aber erinnere dich, bei uns war es anders, denn unsere ersten Klavierlehrer waren selbst ein Klavierduo. Sie hatten an der Juilliard School in New York studiert und kamen nach Ankara, um in ihrem Land etwas zu tun, zu unterrichten. Als wir die Aufnahmeprüfung gemacht haben – wir wussten noch gar nicht recht, wollen wir nicht lieber Ballett machen – , saßen die im Prüfungskomitee. Sie haben unsere Hände angeschaut, unser Gehör war gut, und sie haben beschlossen: Wir werden ein Klavierduo aufbauen. So haben wir sehr spät, mit zehn Jahren, begonnen, Klavier zu spielen, mit dreizehn das erste Duokonzert gegeben, mit vierzehn einen Wettbewerb in Italien gemacht, das ging dann zack, zack, zack.

Es soll ja anfangs nicht leicht gewesen sein, Ihr Klavierspiel in Ihrer Umgebung zu rechtfertigen. Sie sind nicht in Ankara aufgewachsen.

Ferhan: Nein, in einer kleinen Stadt in der Türkei. Mit sieben sind wir nach Ankara übersiedelt. Bis dahin haben wir zu Hause nur gesungen.
Ferzan: Als wir mit zehn begonnen haben, kleine Konzerte zu geben, haben wir selbst kleine Plakate mit Hand geschrieben: Chopin, Mozart… und aufgehängt. Diese Plakate wurden immer wieder abgerissen. Das war vielleicht Neid, oder die Einstellung: Das ist nicht unsere Musik. Auch beim Üben gab es Probleme mit den Nachbarn, die an die Heizungsrohre klopften – na gut, wir haben auch sehr viel geübt.
Ferhan: Es war auch für unsere Eltern schwierig, sie mussten Klaviere kaufen und hatten nicht so viel Geld. Auch Noten bekam man damals nicht, man musste alles bestellen, unser Vater hat beim Radio Tonbänder ausgeliehen – es war alles viel mühsamer.

Aus was für einer Familie kommen Sie?

Ferzan: Unsere Eltern waren beide Apotheker, sie haben beide in Istanbul Pharmazie studiert und dann in unserem kleinen Ort Tokat eine Privatapotheke aufgemacht.
Ferhan: In der Kleinstadt waren wir wohlhabend, in der Großstadt – und mit dem Musikstudium – war es schwierig.
Ferzan: Wir bekamen zusätzlich zum Konservatorium noch Privatstunden, das hat alles gekostet.
Ferhan: Aber wir haben mit vierzehn Jahren begonnen zu arbeiten. Wir haben beim Ballett Korrepetition gemacht. Damit haben wir sehr viel Geld verdient und unser Studium finanziert, anders wäre es nicht gegangen. Aber unsere Eltern sind eigentlich nach Ankara gezogen, weil unser kleiner Bruder dort im Internat gelebt hat, die Sehnsucht war zu groß. Er hat auch Klavier am Konservatorium studiert und er ist eigentlich viel begabter als wir beide. Aber er ist Arzt geworden.

Ihr Vater hatte also die Liebe zur westlichen, klassischen Musik.

Ferzan: Mama auch.
Ferhan: Aber sie war immer besorgt, weil wir zuviel geübt haben. Wir haben ja sehr spät angefangen, unsere Lehrer haben gesagt, wir müssen das sehr ernst nehmen. Im Sommer hatten wir nur zwei Wochen Urlaub ohne Klavier. Es war ein sehr strenger Unterricht.
Ferzan: Wir waren aber beide sehr motiviert und wollten das gerne machen, wir galten als die begabten Zwillinge.
Ferhan: Und natürlich war klassische Musik nichts, was damals in jedem Haus passierte. Wir waren etwas Besonderes. Hier in Wien spielt jeder Klavier oder Geige – in Ankara war das ganz anders.

Haben Sie nie überlegt, türkische Musik zu machen?

Ferhan: Unser Vater hat Ney, die türkische Flöte, gespielt – jeden Tag in seinem Zimmer, und wir haben das gehört.
Ferzan: Er hat auch türkische Musik komponiert.
Ferhan: Und Chor dirigiert. Aber er hat auch die klassische Musik respektiert.
Ferzan: Mama und Papa wollten aber, dass wir uns mit klassischer Musik beschäftigen.
Ferhan: Eigentlich müssten wir die beiden mal fragen, warum.

Wie ist denn Ihr Verhältnis zur klassischen türkischen Musik?

Ferhan: Diese richtige alte Musik ist natürlich wunderschön und vielfältig – im Gegensatz zu den meisten türkischen Popsongs. Es gibt viele schöne Instrumente. Oder die unregelmäßigen Rhythmen, Fünfachtel-, Siebenachtel-Takt, wenn ich das sehe, weiß ich genau, wie man es spielen muss. Ich erinnere mich auch an die Trommel, die zum Ramadan im Fünfachtel-Takt schlägt, um die Leute aufzuwecken, wenn man vor Sonnenaufgang etwas essen soll.
Ferzan: In unserer Musik gibt es ja auch Vierteltöne, das alles haben wir von unserem Papa im Ohr. Wie wir zur klassischen Musik gekommen sind? Als unsere Mutter achtzehn Jahre alt war, so in den 1950er Jahren, gab es keine Platten mit klassischer Musik in der Türkei, aber mein Onkel hat in Amerika studiert und meiner Mutter immer LPs geschickt. Wir haben immer noch diesen großen antiken Plattenspieler. Da konnte sie Liszts Ungarische Rhapsodien hören oder Tschaikowsky. Dieses Interesse war da, auch die Großmutter hat eigentlich Klavier gespielt. Wir wissen aber nicht genau, wie gut, denn uns hat sie immer gesagt: Vergiss die schwarzen Tasten nicht.

Haben Sie eigentlich Soloplatten gemacht?

Ferhan & Ferzan: Nein.

Vermissen Sie das nicht? Das sind doch große Teile des Repertoires.

Ferhan: Wir haben natürlich das ganze Solorepertoire als Studenten gespielt. Und jetzt habe ich wieder angefangen, kleine Solokonzerte zu geben, in Caracas, in New York. Das ist etwas anderes, vollständige Musik zu machen statt halber. Meine Tochter sagt immer, wenn ich spiele: Mama, gefällt Dir das Stück? Mir überhaupt nicht. Ich sage: Du hörst ja nur das halbe Stück. Aber als ich angefangen habe, Chopin zu spielen, ist sie aufgeblüht und hat begonnen, auch Klavier zu lernen. In Caracas habe ich Royston Maldoom kennengelernt, den Choreographen, der mit Simon Rattle „Rhythm is it!“ gemacht hat, und er hat mir gesagt: Ich mache ein Community-Dance-Projekt in Detmold, und du musst auf der Bühne die Musik machen. Ich habe gedacht: Wow, traue ich mich das, allein auf der Bühne – nach soviel Jahren? Aber es war ein tolles Erlebnis – ich habe den ganzen Abend Chopin gespielt.
Ferzan: Du machst auch Liederabende, mit Georg Nigl.

Und Ferzan, Sie machen keine Soloausflüge?

Ferzan: Ich habe mit meinem Mann [dem Schlagzeuger Martin Grubinger] gemeinsam gespielt, und ich sollte in einer Aufführung von Schostakowitschs 15. Sinfonie in einer Bearbeitung für Klavier, Geige, Cello und Schlagzeug spielen. Dann bin ich aber krank geworden, und meine Schwester ist eingesprungen. Typisch!
Ferhan: Wir haben früher auch Bach-Konzerte gespielt und uns gegenseitig am Klavier begleitet, vielleicht machen wir doch so etwas noch einmal.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich in Wien niedergelassen haben?

Ferhan: 1984 habe ich bei einem Klavierwettbewerb gewonnen, und der erste Preis war ein Konzert in Wien. So sind wir hierher gekommen. Es war toll: Zu Hause haben wir immer Mozart-Platten von Paul Badura-Skoda gehört und haben gesagt, das ist göttlich! Und plötzlich war ich in seiner Klavierklasse!
Ferzan: So sind wir nach Wien gekommen. Wir haben gleich die Aufnahmeprüfung gemacht, haben vier Jahre studiert, und sind hier geblieben.
Ferhan: Ich unterrichte an der Musikuniversität als Assistentin von Stefan Vladar und vertrete ihn, wenn er unterwegs ist. Ich bin aber auch viel unterwegs! – und dafür hat er zum Glück sehr viel Verständnis. Dafür unterrichte ich auch in den Ferien, und ein paar Privatschüler hatte ich auch. Man vermisst schon die Zeit, wo man von morgens bis abends üben konnte, acht Stunden am Tag.
Ferzan: Ja, die Zeit hat man nicht mehr.

Was sind Ihre nächsten Pläne, Projekte?

Ferhan: Wir wollen vor allem mehr für UNICEF machen. Wir sind ja UNICEF-Botschafterinnen und wollen mehr für die Kinder tun.

CD-Tipp

1001 Nights
Werke von Mozart, Say, Ince, Rimski-Korsakow, Borodin & Balakirev
Ferhan & Ferzan Önder (Klavier)
Warner Classics

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *