Interview Nikolai Lugansky

„Heute will sich das Publikum amüsieren“

Nikolai Lugansky gilt als Exponent der russischen Klavierschule, will von solchen Klassifizierungen jedoch nichts wissen

Die legendäre Tatiana Nikolayeva bezeichnete ihren Schüler Nikolai Lugansky einst als „kommenden Pianisten“ in der großen russischen Klavier-Tradition von Heinrich Neuhaus über Emil Gilels bis Svjatoslav Richter. Dabei ist der Sohn zweier Wissenschaftler nie ein Wunderkind gewesen, hat seine renommierten Preise ähnlich gering geschätzt wie das weltweite Kritikerlob. Ein Russe mit Leib und Seele, wird der zweifache Familienvater heute in allen Musik-Metropolen gefeiert – nicht als Tastentitan, sondern als Meister der Differenzierung, bei dem noch die nebensächlichste Nebenstimme zum Ereignis wird. 

Das Russland von heute hat nur noch wenig gemein mit der Sowjetunion Ihrer Kindheit – ist es eine positive Entwicklung, die sich seit Gorbatschow in Ihrer Heimat vollzogen hat?

 

Es ist ein historischer Prozess – und zu dem gibt es keine Alternative. Die größte Veränderung hat in psychologischer Hinsicht stattgefunden: Früher war die Mentalität der Menschen geprägt vom Geben: Man gab sich Mühe, setzte sein Talent für andere ein und arbeitete füreinander. Heute heißt leben zu nehmen, jeder versucht möglichst viel – vor allem Geld – zu bekommen. Was übrigens auch im Konzert zu spüren ist: Früher bemühte sich das Publikum Musik zu ‚erarbeiten‘ – heute will man sich amüsieren.

Viel gegeben hat Ihnen zweifellos Ihre Lehre­rin Tatiana Nikolayeva, die in Ihnen den kom­menden Pianisten in der Tradition russischer Klaviervirtuosen vom Schlage eines Emil Gilels

und Svjatoslav Richters sah. Waren dies auch Ihre Vorbilder?

 

Svjatoslav Richter habe ich viermal erlebt, das war schon ein großes Erlebnis. Doch mein Idol ist immer Sergej Rachmaninow gewesen – und zwar, weil es sehr selten vorkommt, dass ein genialer, ja für mich der wichtigste aller russischen Komponisten, auch im Leben ein Vorbild bietet. Er war ein bisschen wie Albert Schweitzer: Stets sehr bescheiden hat er, oft anonym, vielen Menschen geholfen – und das nicht allein mit Geld.

 

Sie selbst bezeichnen Rachmaninow als den russischsten aller russischen Komponisten, spielen ihn auch auf Ihrem Wiesbadener Kla­vierabend – was ist denn typisch russisch?

 

Das sollten Sie nicht zu ernst nehmen – Sie selbst als Deutsche würden lachen, wenn ich nach dem typisch Deutschen bei Bach und Strauss fragte: Da gibt es einfach nichts Verbindendes. Nein, das Russische bei Rachmaninow ist die Verwendung alter orthodoxer Melodien oder auch die Glocken in seinem Klangbild.

 

Im Westen ist oft die Rede von der russischen Seele – gibt es eine solche?

 

Ich kannte sie bislang nicht – und in Russland spricht man auch nicht von einer russischen Seele. Aber wenn im Westen darüber geschrieben wird, vielleicht gibt es sie ja doch … und gut möglich, dass jemand im Exil wie Rachmaninow diese russische Seele auch gespürt hat.

Sie selbst haben bis vor einigen Jahren fast ausschließlich Aufnahmen osteuropäischer Komponisten vorgelegt – mögen Sie den Westen, Mozart und Brahms nicht?

Das sollten Sie eher die Plattenfirmen fragen … Ich spiele sehr gern Brahms und Mozart, in der Zentralen Musikschule in Moskau genoss ich grade für die deutsche romantische Musik große Reputation. Und zu meinen Lieblingskomponisten gehören Bruckner und Sibelius – auch wenn es von ihnen leider kaum Klavierwerke gibt.

 

1990 haben Sie den zweiten Preis beim Moskauer Rach­maninow-Wettbewerb ge­wonnen, vier Jahre später gar beim Internationalen Tschai­kowsky-Wettbewerb gesiegt. Wie entscheidend waren diese Wettbewerbe für Ihre Karriere?

 

Abgesehen davon, dass ich gar keine Karriere mache: Diese Preise sind nicht besonders wichtig gewesen. Ich habe dadurch ein paar Konzert-Reisen nach Japan und Südkorea unternommen, vielleicht haben auch ein paar mehr Leute in West-Europa von mir Kenntnis genommen – aber dort kannte man mich auch zuvor schon.

 

Immerhin bescherte Ihnen seinerzeit der Tschaikowsky-Wettbewerb ein enormes Preisgeld…

 

… von wegen! Das war der geringste Preis, den es wohl je gegeben hat: Grad mal 4000 Dollar habe ich bekommen – und zwar in Rubel! Das war damals der Anfang der Post-Perestroika, eine unglaubliche Zeit – von dem Geld konnte ich mir noch nicht mal ein kleines Klavier kaufen.

 

Dafür haben große Dirigenten wie Kent Nagano, Riccardo Chailly oder Mikhail Pletnev schon früh mit Ihnen konzer­tiert. Sind Sie damals als jun­ger Pianist unbekümmerter in die Begegnung mit solchen Stars gegangen als in späteren Jahren?

 

Das ist immer ganz unterschiedlich und hängt eher von der Art der Zusammenarbeit ab. Bei Pletnev etwa ist es sehr angenehm, da er selbst ein fantastischer Pianist und auch der Meinung ist, bei einem Klavierkonzert spiele der Pianist die Hauptrolle und entscheide, was passiere. Andererseits gibt es große Dirigenten, die kein Interesse an einem Zusammenspiel haben und nur für sich musizieren – was dann recht schwierig ist.

 

Kein großes Interesse scheinen Sie selbst hingegen an der Kom­munikation mit dem Publikum zu haben – zumin­dest sagen Sie, die Zwiespra­che mit der Musik sei Ihnen weit wichtiger als die mit dem Besucher. Theoretisch könnten Sie da ja auch vor einem leeren Saal spielen …

 

Das Kommunizieren mit der Musik ist mir in der Tat wichtiger als die Kommunikation mit dem Publikum. Aber natürlich ist es angenehmer vor ausverkauftem Haus zu spielen als vor einem halbleeren Saal. Und natürlich macht es auch mir Freude, wenn das Publikum an meinem Spiel teilnimmt.

 

Was möchten Sie dabei beim Publikum bewirken?

 

Musik ist ein Prozess: Da geht es nicht darum, etwas zu erreichen. Wenn den Menschen mein Spiel gefällt, freue ich mich.

 

Dann hätte es Sie doch sicher auch gefreut, wenn Ihr Spiel Ihren beiden Kindern so ge­fallen hätte, dass sie auch Musiker geworden wären.

 

Das ist ihre Entscheidung – und sie haben keinen großen Drang gezeigt, mir zu folgen. Musiker aber kann nur werden, wer es unbedingt will. Ein Musiker kann nicht ohne Musik leben – bei mir ist das immer so gewesen.

 

Neben dem Klavier spielen Sie leidenschaftlich gern Schach – die Faszination der Logik als Kontrapunkt zur Musik?

 

Ja, denn Schach ist tatsächlich das ganze Gegenteil zur Musik. Musik ist nicht planbar, das Logische spielt hier keine Rolle, es gibt keinen Sieger oder Verlierer. Beim Schach hingegen steht am Ende immer ein klares Resultat, Sieg, Niederlage oder Remis – ein wunderbares Spiel.

CD-Tipp

Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 3, Grieg: Klavierkonzert a-Moll
Nikolai Lugansky (Leitung), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Kent Nagano (Leitung). naïve

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