Deutsche Erstaufführung von Dimitris Papaioannous „The Great Tamer“

Vor Gleichaltrigen in den Tod geflohen

In „The Great Tamer“ spinnt Dimitris Papaioannou ein alptraumhaftes Szenario

© Julian Mommert

Szenenbild aus "The Great Tamer"

The Great Tamer/Festspielhaus Hellerau

Eine bewusste Entscheidung für den Tanz gab es nie. Aber Dimitris Papaioannou wehrt sich auch nicht gegen die Berufsbezeichnung des Choreografen. Immerhin wurde ihm die Ehre zuteil, 2018 nach 45 Jahren der erste zu sein, der ein abendfüllendes Werk mit dem Tanztheater Wuppertal erarbeitet – neben und nach Pina Bausch, versteht sich; vielsagender Titel: „Seit Sie“. Doch gleichzeitig ist er Regisseur und Bildender Künstler. Chronologisch betrachtet nahm der heute 54-Jährige einen faszinierenden Umweg zum Tanz: Nach dem Studium an der Hochschule der Bildenden Künste in Athen war er als Illustrator tätig, verfasste Comics, engagierte sich in der Schwulen-Szene, trat als Performer auf und arbeitete als Masken-, Kostüm- und Bühnenbildner für Tanzensembles.

Dimitris Papaioannou: Bilderrausch mit Soundtrack und zirzensischen Überraschungseffekten

In den 1980er Jahren inspirierte ihn die Off-Theater- und Tanzszene New Yorks, wo er auch Butoh trainierte. Zurück in Athen, gründete er seine eigene Company, das Edafos Tanztheater, das bis 2002 existierte – bis zu jenem Moment, in dem er die Aufgabe übernahm, als Zeremonienmeister die Olympischen Spiele 2004 in Athen einzurahmen. Unverkennbar ist der Einfluss von Robert Wilson; dem Allround-Genie assistierte er 1989 bei „The Black Rider“ in Hamburg. Sämtliche Erfahrungen – inzwischen auch Operninszenierungen und das Komponieren von Film-Musik – addieren sich zu einem unglaublich reichhaltigen Fundus, aus dem Dimitris Papaioannous Stücke erwachsen: zu einem surrealen Bilderrausch mit Soundtrack und zirzensischen Überraschungseffekten.

Sein jüngstes Werk „The Great Tamer“ (tame = bändigen) verdankt seine Initialzündung einer traurigen, wahren Begebenheit, dem Selbstmord eines Teenagers, der vor Gleichaltrigen in den Tod floh. Grauschwarz dominiert das Szenario, zwanghaft sich wiederholende Rituale und alptraumhafte Motive ziehen sich wie ein dunkler Faden durch das Stück. Wie so oft, ist die Beziehung zwischen Mensch und Material, zwischen Körper und Bühnenarchitektur kennzeichnend: „Ich bevorzuge bewegliche Bühnenbildelemente und Darsteller, die jenen Raum bewohnen, den diese Elemente erst herstellen.“ Die deutsche Erstaufführung sicherte sich das Europäisches Zentrum der Künste Hellerau, seit dieser Spielzeit unter neuer Leitung.

Der Trailer zu „The Great Tamer“ von Dimitris Papaioannou:

concerti-Tipp:

„The Great Tamer“ (DEA)
Fr. 5.10.2018 & Sa. 6.10.2018, 20:00 Uhr
Festspielhaus Hellerau
Pavlina Andriopoulou, Costas Chrysafidis, Ektor Liatsos, Ioannis Michos u. a. (Performer)
Dimitris Papaioannou (Choreografie)

Kommentare sind geschlossen.