Spielstättenporträt Nikolaisaal Potsdam

Erfolg mit Profil

Der Nikolaisaal Potsdam feiert seinen zehnten Geburtstag

Es gibt diese Ausnahmesituationen, in denen plötzlich möglich ist, was vorher undenkbar war und später kaum erklärlich ist. Eine solche Situation ergab sich 1999 in Potsdam, als man aus lauter Verzweiflung über die leeren Stadtkassen das Sinfonieorchester abwickelte und zugleich beschloss, einen klassischen Konzertsaal zu errichten. Ohne ein inhaltliches oder finanzielles Konzept zu haben, ohne zu wissen, wer das Haus betreiben und bespielen sollte. Es werde sich schon alles regeln, hofften die Stadtoberen. Doch das tat es erstmal nicht. Bis jemand auf die Idee kam, Andrea Palent anzurufen. Ein Glücksfall, wie man heute sagen muss.
Die Musikwissenschaftlerin, die über Händel promoviert hat, hatte fast zehn Jahre an der Hochschule, später Universität Potsdam unterrichtet, ehe die Wende kam und sie die Chance ergriff, ihre Forschungsergebnisse „praktisch“ anzuwenden. Die Stadt suchte für die damaligen Parkfestspiele ein neues Konzept. Andrea Palent schrieb eines, und das war so überzeugend, dass man ihr die Künstlerische Leitung und gleich auch noch die Geschäftsführung der Festspiele Sanssouci übertrug – mit einem Schnellkurs in Betriebswirtschaft machte sie sich auch dafür fit. Während sie die Festspiele zu einem der spannendsten Festivals für Alte Musik aufbaute, unterrichtete sie noch drei Jahre parallel an der Universität. Dann wechselte sie als Musikchefin ans Hans-Otto-Theater (mit der Spielstätte Schlosstheater).
Nun also kam die eher verzweifelte Anfrage wegen des neuen Konzerthauses. In zwei Wochen entwickelte sie mit ihren Festival-Dramaturgen und -Finanzern ein Konzept – und wenige Wochen später war Palent Chefin des im Bau befindlichen Nikolaisaals, der ein Jahr später eröffnet werden sollte. „Das war schon ein Wahnsinn, das hat mein Leben völlig umgekrempelt“, sagt sie. Bis heute ist sie Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Musikfestspiele Sanssouci und Nikolaisaal Potsdam GmbH und muss den Spagat schaffen zwischen regional verankertem Konzerthaus und international ausstrahlendem Alte-Musik-Festival. Sie tut es mit beeindruckendem Erfolg – künstlerisch und wirtschaftlich. Die Auslastung liegt bei rund 90 Prozent, 50 Prozent des Gesamtbudgets erwirtschaftet der Nikolaisaal über die Einnahmen – da kann die Stadt Potsdam, zu hundert Prozent Gesellschafterin, nicht meckern.
Man könnte es ihr nicht verdenken, wenn sie sich nun, zum zehnten Geburtstag des Nikolaisaals, mit stolzgeschwellter Brust in ihrem Erfolg sonnen würde. Doch Andrea Palent macht nicht viel Aufhebens um ihre Person. Sie freut sich ganz einfach, wie gut alles gelaufen ist, was sie mit ihrem kleinen Team auf die Beine gestellt hat und dass sie mit ihrem Konzept richtig lag. „Ulrich Eckhardt, der damalige Leiter der Berliner Festspiele, hat mir gesagt: Sie sind verrückt! Aber ich hatte ja schon in Potsdam gewohnt und mir gedacht, das könnte funktionieren. Ich finde den Standort gerade interessant, weil man am Rande einer großen Kulturmetropole konzeptionell ein sehr starkes Profil entwickeln muss, um künstlerisch und betriebswirtschaftlich überleben zu können. Und was uns, im Nachhinein gesehen, sehr geholfen hat, ist das Haus an sich mit der Lage mitten in der Stadt.“
Eine Landmarke wie das neue Hans-Otto-Theater, mit seinem großen Auftritt an der Havel, ist der Nikolaisaal nicht. Eher ein wohlbehütetes Juwel. Architektonisch deutet in der Wilhelm-Staab-Straße nichts auf den Konzertsaal hin, der sich hinter einer Barockfassade verbirgt. Durch das friederizianische Palais von 1777 hindurch erreicht man das Foyer, das, vom Saal akustisch separiert, auch für Kammermusik, Tanzveranstaltungen und gesellschaftliche Ereignisse genutzt wird. Dies ist der – modern überformte – letzte Rest des alten Gemeindesaals der Nikolaikirche, 1909 eingeweiht, 1934 nach Plänen von Hans Dustmann umgebaut und ab 1946 Aufnahme- und Konzertsaal des „Landessenders Potsdam“ – Wilhelm Kempff, Dietrich Fischer-Dieskau und Wilhelm Furtwängler mit dem Berliner Philharmonischen Orchester traten hier vor die Mikrophone. 1958 endete dieses Kapitel, und mit den Jahren verfiel der Saal, der zuletzt als Lager und Werkstatt diente.
„Und dann gehen die Türen auf, und es wird heutig“, schwärmt Palent von der Idee des französischen Architekten Rudy Ricciotti, Altes und Neues zu verbinden. Der 720 Zuschauer fassende Saal mit seinen markant ausbauchenden Wänden hat nicht nur eine angenehm intime Atmosphäre, sondern auch eine exzellente Akustik, besonders für Kammerorchester. Auch die Deutsche Grammophon hat seine Qualitäten entdeckt und CDs mit Magdalena Kozˇená und Lang Lang hier aufgenommen.
Im Neubauteil im Hof liegen auch die Büros von Palent und ihren Mitarbeitern. „Es ist alles etwas klein“, sagt sie, „aber mehr ging nicht, das Grundstück ist maximal ausgereizt worden. Trotzdem kann man hier gut arbeiten. Der Bau funktioniert sehr gut – das kann man nach zehn Jahren sagen.“ Nur zwölf Mitarbeiter kümmern sich um Dramaturgie, Organisation, Finanzen, Ticketservice und Haustechnik – erstaunlich wenig bei 250 Veranstaltungen im Jahr, davon 80 bis 100 Eigenveranstaltungen.
Ein schöner Saal ist die halbe Miete. Aber eben nur die halbe. Er muss auch intelligent bespielt werden. Von Anfang an hat Palent auf ein breites Musikangebot gesetzt, von „klassischen“ Konzerten über Kindersinfoniekonzerte bis hin zu Crossover-Projekten, Pop und Jazz, wobei gerade die Crossover-Konzerte das in anderen Häusern so schmerzlich vermisste Publikum zwischen 20 und 50 Jahren anlocken. „Es hat sich schnell gezeigt, dass es richtig war, die ganze Bandbreite anzubieten. Zugleich haben wir aber auch ein klares Profil durch klar definierte Konzert¬reihen.“ Um die finanziellen Vorgaben der Stadt zu erfüllen, muss Palent den Saal allerdings oft an andere Veranstalter vermieten, und dass ihr deshalb immer mal wieder vorgeworfen wird, sie führe einen „Gemischtwarenladen“, ärgert sie dann doch.
Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist sicherlich der Umgang mit den gastierenden Orchestern des Landes Brandenburg und der Kammerakademie Potsdam, dem organisatorisch unabhängigen Hausorchester. „Wir haben eine künstlerische Familie gegründet, und wenn das Staatsorchester Frankfurt (Oder), die Brandenburger Symphoniker und das Deutsche Filmorchester Babelsberg hier spielen, sind das für uns eben keine Gastspiele, sondern Konzerte unseres Hauses – das ist der feine, aber wichtige Unterschied. Wir haben klare Reihen, in denen jedes Orchester seine Stärken ausspielen kann.“
Wenn man den Nikolaisaal als den dritten Konzertsaal im Großraum Berlin bezeichnet, freut sich Andrea Palent. Selbst aber würde sie das nie so formulieren. „Wir sind ein Konzert- und Veranstaltungshaus für Potsdam und Umgebung. Wir haben viele Besucher aus den angrenzenden Berliner Bezirken, aber wir machen unseren Berliner Kollegen keine Konkurrenz. Wir sind ein Potsdamer Team. Und da wir eine Erfolgs-geschichte hingelegt haben mit vielen künstlerisch wertvollen Produktionen – was ja das allerwichtigste ist –, sind wir in Potsdam anerkannt, auch unter den Politikern, hoffe ich.“ Zumindest nutzen sie den Saal häufig für Repräsentationsveranstaltungen.
Ein großer Wunsch hat sich für Andrea Palent noch nicht erfüllt: einen eigenen Konzertpädagogen im Haus zu beschäftigen. „Ansonsten brauchen wir einfach immer wieder eine glückliche Hand bei der Programmgestaltung. Wir hatten oft Musiker engagiert, die erst später ihren großen Durchbruch im Musikleben hatten. Und Ideen gibt es viele für weiterhin spannende Programme“.
Es scheint, als müsse man sich um die Zukunft des Potsdamer Nikolaisaals keine Sorgen machen. Doch zunächst einmal heißt es: Herzlichen Glückwunsch zu den ersten zehn erfolgreichen Jahren!

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