Porträt Kurt Masur

Der Kosmopolit aus dem Osten

NDR Kultur porträtiert im Juli den Dirigenten Kurt Masur in der Reihe „Die großen Stars der Musik“

© Christophe Abramowitz

Kurt Masur

Kurt Masur

Dirigent der deutschen Revolution“. So wird Kurt Masur, am 18. Juli 1927 im schlesischen Brieg geboren, heute manchmal genannt, und das hängt mit dem 9. Oktober 1989 zusammen. Spannung lag schon seit Wochen in der Luft, bei den Leipziger Montags- demonstrationen. Kurt Masur sollte an jenem 9. Oktober eigentlich Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss mit dem Gewandhausorchester proben. Doch Masur hört davon, dass die Nationale Volksarmee der DDR bereitsteht, bei der Demonstration am Abend gewaltsam einzugreifen. Masur handelt. Er kontaktiert einen SED-Kultursekretär, der wiederum mobilisiert zwei weitere Genossen. Man verfasst einen Aufruf: „Keine Gewalt“. Den spricht Kurt Masur auf ein Tonband, immer wieder wird er im Rundfunk gesendet. Am Abend, als die Demonstration tatsächlich friedlich beendet war, als Soldaten sogar mit Demonstranten diskutiert hatten, dirigierte Masur ein Konzert im Gewandhaus. Viele, nicht nur Freunde und Bekannte, sind davon überzeugt, dass der friedliche Verlauf vor allem der menschlich-

moralischen Autorität Kurt Masurs zu danken ist. Die Sprache der Musik, so sagte Kurt Masur einmal, sei die Sprache der Verständigung. Und Verständigung werde von Konfrontationen gestört. Politik habe er nur gemacht, wenn ihn etwas gestört habe.

Die Leipziger, und nicht nur die, lieben und schätzen „ihren“ Kurt Masur, einen der wichtigsten Dirigenten der ehemaligen DDR. Von 1970 bis 1996 war er Gewandhauskapellmeister, so heißt der Chefdirigent eines der traditionsreichsten deutschen Orchester. Felix Mendelssohn, Anton Bruckner, Richard Strauss oder Wilhelm Furtwängler arbeiteten hier.

Kurt Masur kommt nicht aus einer Musiker-Familie. Sein Vater war Ingenieur. Seine Mutter ein wandelndes Lexikon der Volkslieder, die man im Hause Masur singt. Der kleine Kurt interessiert sich für den Klavierunterricht der älteren Schwestern, bekommt dann selbst Stunden, zeigt Talent. Er studiert in Breslau und Leipzig. Am Theater in Halle kann er noch als Student Korrepetitor werden, schließt sein Studium nie ab. Er sei halt Autodidakt, schmunzelt der Dirigent noch hin und wieder. Weitere Stationen werden Erfurt, Dresden und Schwerin sein, wo Masur Generalmusik- direktor ist.

1960 ruft ihn der legendäre Walter Felsenstein als Chefdirigent an die Komische Oper Berlin. Fruchtbar, spannend, lehrreich sei die Zeit in Berlin gewesen. Aber auch schwierig mit dem so dominierenden Felsenstein. 1964 kündigt Masur seine Stelle. Die DDR-Behörden nehmen ihm das übel, die Folge: Masur erhält kaum noch Engagements, im Ausland schon gar nicht. Doch Masur setzt eine Einladung als Gastdirigent in Venedig durch. Die Situation bessert sich, Masur wird Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker. Auslandsgastspiele sind wieder möglich. Mit dem Gewandhausorchester unternimmt Masur viele erfolgreiche Reisen. Sein internationaler Ruhm steigert sich noch nach dem Mauerfall, als Gastdirigent renommierter Orchester, als Chefdirigent des New York Philharmonic, des London Philharmonic und des Orchestre National de France.

Mit seiner Kompromisslosigkeit als Künstler, als Mensch, bewirkte Kurt Masur viel: In den 1970er Jahren setzte er sich für Dmitri Schostakowitsch oder Alfred Schnittke ein. Im September 2001 dirigierte Masur in New York nach dem Terroranschlag bei einem Gedenkkonzert das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Eine Geste, die man ihm hoch angerechnet hat. Die New Yorker Philharmoniker verliehen Masur bei seinem Abschied den Titel „Music director emeritus“. Diese Ehre hatte in der über 150-jährigen Geschichte des Orchesters nur Leonard Bernstein erhalten.

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