Porträt Olivier Tardy

Neubeginn an der Havel

Schon länger machte Flötist Olivier Tardy auch als Dirigent auf sich aufmerksam. Nun tritt er sein Amt als Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker an.

© Jessica Alice Hath

Olivier Tardy

Olivier Tardy

Rund 25 Jahre lang hat Olivier Tardy im Orchester der Bayerischen Staatsoper die Soloflöte gespielt, unter weltberühmten Generalmusikdirektoren wie Kent Nagano und zuletzt Kirill Petrenko. Doch das Dirigieren, diese vom normalen Orchester­dienst so verschiedene Tätigkeit, hat Tardy ebenfalls schon seit langer Zeit selbst ausprobiert. Die Bayerische Staatsoper machte ihn 2007 zum Gründungsdirigenten ihres hauseigenen Jugendorchesters. Die Ausflüge als Dirigent wurden größer, gingen zum Münchner Rundfunkorchester und dann über die bayerische Metropole hinaus: nach Stuttgart, Nizza, Mallorca.

Schließlich spielte Olivier ­Tardy Bläserkonzerte seines Landsmannes Henri Tomasi mit den German Strings ein: eine Programmidee, in welcher Tardy französische moderne Musik mit seinem Interesse für Bläserisches zusammenbringt. Claude, der Enkel des 1971 gestorbenen Komponisten Tomasi, ist ein Freund von ihm. Wie Tomasi junior stammt auch Olivier Tardi aus dem vulkanischen Zentrum Frankreichs, der Auvergne. Nach rund einem Vierteljahrhundert sind Tardys Wurzeln in München aber mindestens genauso stark, seine Kinder gehen hier zur Schule.

Jetzt lässt er Bayern entschieden hinter sich, jedenfalls beruflich. Er ist designierter Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker – und hat bereits vor seinem Amtsantritt ab derkommenden Konzertsaison mehrere Programme dirigiert.

Wertvolle Lektionen vom Vorgänger

Trotz des beschaulichen Wirkungsortes an der Havel sind die Brandenburger wahrlich kein No-Name-Orchester. In den letzten Jahren wurden sie von dem mittlerweile 86-jährigen Peter Gülke geleitet, dessen Programme in Brandenburg geprägt gewesen seien von seinen enormen musikwissenschaftlichen Kenntnissen, erzählt Tardy. „Es war ein bisschen intellektueller als ich es jetzt machen werde.“ Dessen ungeachtet spricht Tardy mit großer Bewunderung von seinem Vorgänger. Schon öfters hat er ihn an seinem Wohnsitz in Weimar besucht und über das Orchester gesprochen. „Gerade für Haydn und Mozart“, so Tardy, „haben die Brandenburger Symphoniker unter Gülke einen sehr individuellen Stil entwickelt.“

© Jessica Alice Hath

Olivier Tardy

Olivier Tardy

Olivier Tardys eigene Ideen gehen in Richtung Brückenschlag zwischen Ost und West, genauer: zwischen Russland und Frankreich. Tardy stellt sich diesen Brückenschlag wie Anfang des 19. Jahrhunderts vor – zwar waren die Völker damals durch die Napoleo­nischen Kriege grausam entzweit, aber auf kultureller Ebene in stetigem Austausch. Ein Konzert im Mai nächsten Jahres hat er gleich mal „Ostwind“ genannt – und präsentiert nicht lediglich altbekannte Stücke wie Smetanas „Moldau“, sondern auch die eher selten gespielte Ouvertüre zu Nikolai Rimski-Korsakows Oper „Die Zarenbraut“.

Von einer Bergwanderung ans Dirigentenpult

Oper: Das war schließlich über Jahrzehnte Olivier Tardys Metier in der Bläsersektion in München, wenn auch im Orchestergraben – unsichtbar für den größten Teil des Publikums. Tardy wirkt im Gespräch auch als künftiger Vollzeit­dirigent nicht wie jemand, der sich über Gebühr in den Vordergrund spielt. Allerdings erhielt er schon zu Gülkes Zeiten bei den Brandenburger Symphonikern unverhofft eine wichtige Funktion: Olivier Tardy gab sein Debüt in Brandenburg 2015 just mit jenem Konzert, das eigentlich als Antrittskonzert für Gülke selbst gedacht war. Der schon damals Hochbetagte sagte ab – schnell musste ein Ersatz her. „Drei Stunden Opernprogramm mit Belcanto, drei Solisten“, erinnert sich Tardy. Als enorm kurzfristigen Einspringer mussten die Brandenburger jemanden finden, der dies ohne viel Vorbereitung dirigieren konnte. Man suchte und fand Tardy, der sich gerade auf einer Bergwanderung befand. Vor Ort an der Havel blieb nur wenig Probenzeit. „Sie sind natürlich kein reines Opernorchester, aber mir fiel sofort ihre Flexibilität und schnelle Reaktion auf.“

Mittlerweile schwärmt Tardy von seinem neuen Orchester – wiewohl er sich für die Streichergruppe einige Mitglieder mehr wünschen würde. Noch eine ganze Spielzeit lang wird Olivier Tardy in München Solo­flötist sein, er reist zwischen den beiden weit entfernten Regionen hin und her. Seine Begeisterung für die Brandenburger Symphoniker lässt ihn nun selbst Brücken schlagen.

CD-Tipp

Tomasi: Divertimento, Oboen-, Fagott- & Klarinettenkonzert

Trio d’anches Hamburg
German Strings
Olivier Tardy
Farao

Termine

Freitag, 04.12.2020 19:30 Uhr Brandenburger Theater

Spanien in Europa (abgesagt)

Erlendis Gitarrenquartett, Brandenburger Symphoniker, Olivier Tardy (Leitung)

Samstag, 05.12.2020 19:30 Uhr Brandenburger Theater

Spanien in Europa (abgesagt)

Erlendis Gitarrenquartett, Brandenburger Symphoniker, Olivier Tardy (Leitung)

Freitag, 30.07.2021 20:00 Uhr Schloss Kaltenberg

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