Porträt Vitamin String Quartet

Zurück zu den Wurzeln

Seit mehr als zwanzig Jahren covern sie Rock- und Popsongs, nun landete das Vitamin String Quartet in der Erfolgsserie „Bridgerton“.

© Vitamin Records

Vitamin String Quartet

Vitamin String Quartet

Nicht nur die Konzerthäuser, auch die Kinos liegen derzeit im Dornröschenschlaf – weshalb filmische Erfolge hauptsächlich im Internet gefeiert werden. Weit oben in den Streaming-Charts steht „Bridgerton“, beim Anbieter Netflix derzeit die beliebteste Serie. Angesiedelt in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts tanzen und turteln sich Adelsfamilien durch die Ballsaison, mit viel Kostümbombast, frechen Dialogen – und Musik, bei der so mancher Zuschauer die Ohren spitzt. Denn in der orchestralen Untermalung tauchen immer wieder Melodien auf, die einem irgendwie bekannt vorkommen: Chart-Hits von Ariana Grande, Maroon 5 oder Billie Eilish im Klassik-Gewand.

Im Klang gereift und klarer

Verantwortlich für diesen Aha-Effekt ist das Vitamin String Quartet aus Los Angeles, ein Ensemble mit stets wechselnder Besetzung, das seit seiner Gründung hunderte Pop-Cover-Alben veröffentlicht hat. „Es begann damit, dass 1999 die kalifornische Plattenfirma Vitamin Records verschiedene Konzepte von ,Tribute‘-Alben ausprobierte und auf den Markt brachte“, erzählt James Curtiss, musikalischer Direktor des Projekts, im Gespräch mit concerti. Songs von Michael Jackson wurden als Swing aufgenommen, Cover-Versionen von Kraftwerk zusammengestellt und Hits von Led Zeppelin für Streichquartett arrangiert, wobei sich letztere Idee am Ende durchsetzte. „Die ersten Jahre stand auf den CDs nur „The String Quartet“, erst ab 2008 haben wir den Namen Vitamin String Quartet benutzt, um wiedererkennbar zu sein. Bis dahin waren die Produktionen auch sehr unterschiedlich ausgeprägt: Viele verschiedene Musiker, Produzenten und Arrangeure haben an sehr unterschiedlichen Platten gearbeitet, mal wurde der Klang am Computer elektronisch verstärkt, mal wurden andere Instrumente als Unterstützung eingesetzt.“

Mittlerweile ist der Quartett-Klang gereift und klarer, die Arrangements wurden spielerischer, einfallsreicher, mit mehr Raum für Dynamik. „Es hat sich gezeigt, dass man Rock- und Popmusik wunderbar mit vier Streichern allein einspielen kann, ohne elektronische Zutaten oder Effekte“, sagt Jim McMillen, dessen Arrangements auf über siebzig Alben des Ensembles zu hören sind. „Die Stimmen sind heute gleichberechtigter, jedes Instrument steht mal im Vordergrund, nicht immer nur die erste Geige.“

© Vitamin Records

Zuständig für die Arrangements: Das Ehepaar Jim und Kathy McMillen

Zuständig für die Arrangements: Das Ehepaar Jim und Kathy McMillen

Über eine Milliarde Klicks

Geblieben ist jedoch das Rotationsmodell, erklärt Curtiss: „Mit wechselnden Besetzungen zu arbeiten hat den Vorteil, dass wir Arrangements und Instrumentalisten immer wieder neu aufeinander abstimmen können. Mit einem festen Ensemble wäre es vermutlich auch schwer, jedes Jahr so viele Projekte zu produzieren.“ Tatsächlich ist der Quartett-Katalog rekordverdächtig, mit über 300 Alben von AC/DC über Björk und Lady Gaga bis hin zu Nirvana, von denen sich manche bis zu 100.000 Mal verkauften. Beim Streaming-Portal Spotify hat das Projekt bereits über eine Milliarde Klicks generiert, und durch den Einsatz in „Bridgerton“ dürfte die Fangemeinde noch weiter wachsen.

„Die Leute fragen uns immer häufiger nach Noten, TV-Sender und Kino-Regisseure setzen die Musik ein, oder auch die Original-Interpreten selbst“, berichtet James Curtiss. So nutzte etwa die Rockband „Coheed and Cambria“ einige der Streicher-Arrangements in ihren Live-Shows und das Duo „Thirty Seconds to Mars“ engagierte mehrere der Quartett-Musiker für ein MTV-Unplugged-Konzert.

Interesse an der Klassik erwecken

„Klassische Musik ist ja etwas, womit viele Jugendliche heute nicht mehr aufwachsen“, sagt Kathy McMillen, die ebenso wie ihr Mann für das Quartett arbeitet und deren Arrangement von Billie Eilishs „Bad Guy“ in „Bridgerton“ zu hören ist. „Wenn ein Teenager zufällig auf eine unserer Cover-Versionen stößt, glaube ich schon, dass es ihn oder sie inspirieren kann, mehr über die klassische Musikwelt zu erfahren.“ Und ihr Partner Jim ergänzt: „In gewisser Weise bringen wir die Popmusik-Fans zurück zu den Wurzeln, schließlich ist das Streichquartett eine der ältesten Musik-Gattungen, die es gibt, dahinter steckt eine lange Tradition. Wenn wir diese Form mit der heutigen Welt junger Menschen verknüpfen können, sind wir glücklich darüber.“

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