FESTIVALGUIDE

Geschichten zum Anfassen

Was das Besondere an Festivals ist – und wie der Heidelberger Frühling dies zelebriert und neue Impulse setzt

© Sven Hoppe/Heidelberger Frühling

Heidelberger Frühling – Fahnen vor der Stadthalle

Heidelberger Frühling – Fahnen vor der Stadthalle

Festival-Erinnerungen: Auf einer Picknick-Decke sitzend Mozart vor der Silhouette von Schloss Bothmer hören. Geigenklänge auf dem Deich von Hitzacker, gespielt von Patricia Kopatchinskaja, die auf einer Kutsche vorbei fährt. Ein spätes Beethoven-Streichquartett, aufgeführt bei den Niedersächsischen Musiktagen in völliger Dunkelheit, die ein ganz neues Hören ermöglicht. Sie, liebe Leser, könnten diese Auflistung sicherlich unendlich fortführen. Denn es sind diese besonderen Momente, die das Erlebnis „Festival“ ausmachen und uns in Erinnerung bleiben. Wir hören Musik an einem anderen Ort, in einer anderen Stimmung, dem Alltag enthoben. Und bei all dem, was uns Berlin, Hamburg, München und andere Großstädte das ganze Jahr über zu bieten haben, sind es diese Besonderheiten, die uns an entlegene Orte pilgern lassen. Dass Konzertmanager dieses Bedürfnis nach dem Besonderen bemerkt haben, zeigt sich schon daran, dass es in den letzten Jahren einen regelrechten Festival-Boom gab: Verzeichnete der „Musik-Almanach“ in der Saison 1993/94 noch 136 Musikfestivals, werden aktuell fast 500 gezählt!

Musik in ihrem Kontext begreifen

 

Festivalmacher müssen sich also die Frage stellen: Heißt mehr Festivals gleich mehr Publikum? Über welche Wege und mit welchen Programmen können die Besucher von morgen erreicht werden? Was muss ein Festival zu bieten haben? Für den Heidelberger Frühling, ein 1997 gegründetes Festival, liegt die Antwort auf diese Fragen vor allem in der Kommunikation mit dem Publikum: „Wir laden die Besucher ein, mit uns, mit den Künstlern und untereinander ins Gespräch zu kommen“, sagt Intendant Thorsten Schmidt. Dabei spielen vor allem die Programme eine Rolle: „Es kann nicht darum gehen, einfach nur ,schöne‘ Musik zu hören. Wir wollen Diskussionen anstoßen, zum Nachdenken anregen.“ Ein Beispiel: Der diesjährige Leiter der Kammermusik Akademie Igor Levit gibt einen Klavierabend mit Musik von Schostakowitsch, umrahmt von Texten des Sowjet-Dissidenten Schalamow. „Da erschließt sich auch ohne große Erklärungen, welche Lebenssituation sich in Schostakowitschs Musik widerspiegelt.“ Es sind solche thematischen Verbindungen, mit denen Schmidt dem Publikum einen Zugang zu den vielschichtigen Dimensionen der Musik eröffnet. Neben den Programmen spielen aber auch Orte und Formate eine große Rolle. „Wir wollen keine Barrieren, keine Künstler auf dem hohen Sockel“, so Schmidt. Offene Proben und Workshops sorgen für Berührungspunkte.

Unbequeme Thesen und neue Ideen

 

Doch nicht nur mit dem eigenen Programm möchte das Festival Impulse geben, in diesem Jahr hat „der Frühling“ außerdem ein Symposium mit hochkarätig besetzten Panels initiiert. Hier werden Festivalintendanten, Soziologen, Marktforscher und Kulturwissenschaftler diskutieren, welchen Auftrag Festivals haben und wie sie ihn erfüllen können. Mit von der Partie: Zwei der Autoren des „Aufreger“-Buches des vergangenen Jahres: „Der Kulturinfarkt“. Ihre These: Die Kulturförderung der öffentlichen Hand wird falsch verteilt und falsch eingesetzt. „Die meisten Institutionen denken viel zu wenig über ihr Publikum nach. Die sitzen auf ihrem hohen Ross und glauben, sie können ewig mit dem immer Gleichen weiter machen.“ Eine durchaus gewollt unbequeme These, die Armin Klein, Professor am Institut für Kulturmanagement Ludwigsburg und Co-Autor des Buches, da aufstellt. „Statt Neues zu wagen, laufen die alten Rituale in Endlosschleife ab. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Publikum wegbleibt oder gar Orchester geschlossen werden.“ Und die Lösung? „Wir müssen Geschichten erzählen“, so Klein, „den Leuten nahe bringen, was diese Kunst mit ihnen zu tun hat. Das soll ruhig auch mal neu, ungewohnt und unbekannt sein.“ Ein Ziel, das er als langjähriger Besucher des Heidelberger Frühlings hier schon erreicht sieht.

Man darf gespannt sein, welche neuen Impulse das Symposium bringen wird. Doch auch so schon haben die Festivals in diesem Jahr Spannendes zu bieten. Was es zu entdecken gibt, stellen wir Ihnen in unserem Festivalguide vor. Eine anregende Festivalsaison wünscht Ihnen Friederike Holm, Redaktionsleitung.

Heidelberger Frühling – Fahnen vor der Stadthalle

Heidelberger Frühling

16. März bis 14. April 2019

Der Heidelberger Frühling findet seit 1997 jährlich im März und April statt. weiter

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