Festivalguide

Horizont-Erweiterungen

Ein besonderer Ort, fern des Konzertalltags: Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker leben den Festivalgeist in Reinkultur

© Florian Graser

Wo Kunst und Künstler mit der Natur verschmelzen: idyllisches Kleinod in der Festivallandschaft

Programme von der Stange sind ihre Sache nicht. Wenn Carolin Widmann sich an die Auswahl der Künstler für die Sommerlichen Musiktage Hitzacker macht, bringt die künstlerische Leiterin den Musikern ihre dramaturgischen Konzepte mit – nicht umgekehrt. Und, kleines Wunder des Musikbusiness, die Sänger, Pianisten und Dirigenten lassen sich auf die ungewöhnlichen Werkkombinationen ein, ja, sind so begeistert von diesen anderen Festivalprogrammen, dass sie selbst bei ihren Honoraren Abstriche machen. Anders wären die dramaturgischen Ambitionen der Geigerin auch gar nicht zu realisieren bei dem Mini-Etat von 390 000 Euro – zumal rund 40 Prozent aus den Eintrittsgeldern der 23 Veranstaltungen in den neun Festival-Tagen finanziert werden müssen.

Auf, auf zum Tanz! 

Was Widmann indes gelingt – nicht obwohl, sondern weil sie statt der 0815-Zusammenstellungen des üblichen Festivalbetriebs auf klug durchdachte Konstellationen von Alt und Neu setzt. Wo sonst etwa ist wie diesen Sommer im Eröffnungskonzert der 69. Musiktage Enescus Streichoktett zu hören, treffen barocke Tanzsätze auf ihre modernen Gegenstücke und werden von Tänzern zur Live-Improvisation genutzt – um dann am übernächsten Tag im Rahmen der begleitenden „Hörer-Akademie“ von Bundesjugendballett-Leiter Lukas Onken theoretisch vertieft zu werden? Und wo sonst würden rund 200 wissbegierige Besucher seinen Ausführungen lauschen oder sich Musikfreunde voller Neugier einem modernen Komponisten wie dem Composer in Residence Dieter Ammann aussetzen?

Late Night Lounge mit DJ

Ja, Neugier und Aufmerksamkeit werden groß geschrieben bei diesem kleinen Festival. Was nicht heißt, dass hier eine Fachtagung mit Klangbeispielen stattfände: Ganz im Gegenteil, hat Widmann die diesjährigen Tage in Hitzacker unter dem Motto „Tanz!“ für den Tango nuevo eines Astor Piazzolla ebenso geöffnet wie für das vom Quatuor Diotima begleitete Bundesjugendballett – oder gar eine Clubnacht mit DJ Eva Be! Dazwischen gibt es Lesungen, einen „Festival Walk“ mit dem Solistenensemble Kaleidoskop, bei dem die Teilnehmer „selbst das Tanzbein schwingen können“ oder auch „Chorsingen für jedermann“ – „ich war völlig erstaunt, wie brechend voll das trotz der frühen Morgenstunde ist“, erinnert sich Widmann an ihre erste Begegnung mit der hochmotivierten Sängerschaft des Festivals, die ihr Vorgänger Markus Fein einst initiierte.

Viele solcher Spezifika finden sich in diesen Tagen, Brückenschläge zwischen Musik, Literatur und Tanz. Begegnungen von Gegenwart und Vergangenheit, die allerorts im Programm anzutreffen sind, wenn etwa Alexander Lonquich im Klavierkonzert „… Wie die Zeit vergeht …“ die Musikgeschichte rückwärts begeht von Rihm über Stockhausen und Debussy zu Schubert. „Der Hitzackeraner Konzertbesucher hat einen unstillbaren Wissens- und Musikdurst“, hat Widmann festgestellt – „und was gibt es Schöneres, als den Horizont dieser Musikbegeisterten zu erweitern?“

Auf dem Weg ins Rampenlicht

Ein Ansatz, der gelingt wie auch die seit Jahren hohen Besucherzahlen des ältesten deutschen Kammermusikfestivals zeigen: Rund 10 000 werden 2014 wieder erwartet. Ein Drittel stammt aus der Region um das idyllisch gelegene Städtchen im Landkreis Lüchow-Dannenberg, die Mehrheit aber nimmt für dieses Festival-Kleinod zwischen bewaldeten Hügeln und unberührten Elbtalauen weitere Anfahrtswege auf sich. Wie auch die 16 Teilnehmer der neu ausgerichteten Festival-Akademie: Ausgewählte Studenten der Musikhochschule Hannover, die in drei Pre-Concerts vor den Abendveranstaltungen eigene „Tanz-Programme“ vorstellen sowie darüber hinaus in sozialen Einrichtungen der Umgebung auftreten für Menschen, die nicht ins Konzert kommen können. Die angehenden Profis sind aber auch noch in anderer Form eingebunden: In Vorträgen bekommen sie ganz praktische Tipps zum Steuerrecht oder der Selbstvermarktung. „Wir möchten eine Schnittstelle für die jungen Musiker sein und ihnen den Weg zu den Konzertpodien der Welt öffnen“, beschreibt Widmann ihre Idee. Von der Stange ist eben in Hitzacker selbst die Nachwuchsarbeit nicht.

Die Festivaldaten im Überblick:

Zeitraum: 26.7. – 3.8.2014

Orte: Hitzacker

Künstler: Carolin Widmann, Quatuor Diotima, Solistenensemble Kaleidoskop, Bundesjugendballett, Jean-Guihen Queyras, Spira mirabilis u.a.

 

Was es im Bereich Festival außerhalb von Hitzacker zu entdecken gibt, stellen wir Ihnen in unserem Festivalguide vor.

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