Auf die Umfrage in einer Zeitschrift, was ihm Johann Sebastian Bach bedeute und welche Bedeutung er für die damalige Zeit habe, antwortete Max Reger 1905: „Bach ist für mich Anfang und Ende aller Musik, auf ihm ruht und fußt jeder wahre Fortschritt.“ Bis heute wirkt Bachs Musik nach. Vielen Zuhörern und Künstlern ist sie eine sprudelnde Quelle der Inspiration. Doch was macht sie so einzigartig und wandlungsfähig? Auf welches Fundament stellte Bach selbst seine Musik? Welche Essenz wurde an die nachfolgenden Generationen vermittelt – und wie ist es heute um die Weitergabe und Fortentwicklung von Bachs Erbe bestellt? Mit diesen Fragen setzen sich die Appenzeller Bachtage in ihrer sechsten Ausgabe auseinander. Unter dem Motto „Bach geht weiter“ begibt sich das Festival vom 19. bis 23. August 2026 auf Spurensuche und lädt mit Konzerten, Gesprächsformaten und einem eigenen Chorfestival zu einem vielfältigen und experimentierfreudigen Bach-Erleben ins Appenzellerland.

Klangpracht in der Kathedrale
Festlich und schwungvoll kündigt sich der zweiteilige Eröffnungsabend (19.8.) an, der sich aus unterschiedlichen Perspektiven einem grundlegenden Element der Bach’schen Tonkunst nähert: dem meisterhaften Umgang mit der Polyfonie. Im Teufener Zeughaus stellt das A-cappella-Gesangsquartett Quartonal zunächst geistliche Werke des Thomaskantors neben Arrangements internationaler Volkslieder und die Alte-Musik-Spezialisten des Phantasm Viol Consort nehmen sich einzelner Präludien und Fugen an. Nach kurzem Bustransfer ins nahegelegene St. Gallen erfüllt wiederum Domorganist Christoph Schönfelder die Stiftskirche mit klangprächtigen Werken von Bach und seinen Bewunderern aus der Zeit der Romantik, Felix Mendelssohn, Robert Schumann und Max Reger. Einen modernen und regionalen Akzent setzt am Alphorn der künstlerische Leiter der Bachtage, Rudolf Lutz, mit einer Annäherung an den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

Höfische Einflüsse aus Dresden
Prachtvolle Töne wurden zu Bachs Zeiten auch am kursächsischen Hof zu Dresden angestimmt, an dem Musiker wie Johann Georg Pisendel und Jan Dismas Zelenka den italienischen Konzertstil pflegten und weiterentwickelten. Jene Einflüsse des sächsischen Barocks auf Bach zeigen sich etwa in der Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“, in der Koloratursopran und Solotrompete hochvirtuose Dialoge entfachen. Das Kammerorchester der J. S. Bach-Stiftung, Sopranistin Marie-Sophie Pollak und Trompeter Patrick Henrichs bringen sie unter der Leitung von Johanna Soller in der evangelischen Kirche Trogen (20.8.) zu Gehör. Telemanns majestätisches Trompetenkonzert in D-Dur ergänzt den Kammermusikabend. Wie gut sich wiederum Trompete und Orgel komplettieren, beweisen Henrichs und Festivalorganist Christoph Schönfelder in einer stimmungsvollen Matinee in der evangelischen Kirche Stein (22.8.).

Berührende Kantatenkunst
Ein ausdrucksstarkes Beispiel für Bachs Kunst, christliche Texte musikalisch auszudeuten und in Kombination mit seiner feinen Art der Instrumentierung ein den Zuhörer berührendes Gesamtwerk aus Wort und Ton zu erschaffen, ist seine 1732 vollendete Kantate „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“. Chor & Orchester der J. S. Bach-Stiftung, ergänzt um die Solisten Julia Doyle, Margot Oitzinger und Jakob Pilgram, führen sie in der evangelischen Kirche Teufen auf und laden mit Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz zugleich zur Reflexion über das Werk ein (21.8.). Bereits am Nachmittag geht die Londoner Professorin für Digitale Kultur und Gesellschaft gemeinsam mit Philosophin Barbara Bleisch den Fragen nach, welche Relevanz künstliche Intelligenz für das Kunstschaffen hat und ob diese im musikalischen Kontext kreativ sein kann.

Vokaler Wettstreit
„Bach geht weiter“, das bedeutet bei den Appenzeller Bachtagen auch, den musikalischen Nachwuchs für die Tonwelten des einstigen Thomaskantors zu begeistern. 2026 reisen vier Kinder- und Jugendchöre aus verschiedenen Kantonen an, um sich im freundschaftlichen Wettstreit miteinander zu messen. Eigens für das Festival im Festival hat Rudolf Lutz eine Motette komponiert, die grundlegende Impulse von Bachs Musik aufgreift und in die Gegenwart transportiert. Die Uraufführung im Zeughaus Teufen (22.8.) begleitet an der Orgel Christoph Schönfelder.
Ein weiterer Höhepunkt ist das Nachtkonzert mit dem Phantasm Viol Consort (21.8.). Auf fünf Violen da Gamba ergründen die Engländer die besondere Stimmung der Nacht. Musikalisch verbindet das Quintett dabei Streicherfantasien von Henry Purcell mit eigenen Bearbeitungen aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“.

Bach weiterdenken
Neben Konzerten, dem allmorgendlichen musikalischen Muntermacher in Form von Bach-Chorälen zum Mitsingen und der traditionellen Festivalwanderung (20.8.) durch das Appenzellerland – in diesem Jahr stimmlich begleitet vom Ensemble Quartonal –, nehmen die Bachtage das Schaffen ihres Namensgebers in vier Akademien auch geistig unter die Lupe. Rudolf Lutz und Anselm Hartinger suchen nach der „Bach-Formel“, während Pianist und Geiger Kolja Lessing Bachs Resonanzen in Romantik und Gegenwart auslotet (20.8.). Dirigentin Johanna Soller indes tauscht sich mit Lutz über ihre Sichtweisen auf die Interpretation Bach’scher Musik aus. Autorin Angela Steidele hingegen bietet in einer Lesung aus ihrem Roman „Aufklärung“ ein immersives Panorama in die Leipziger Gesellschaft zu Bachs Lebzeiten (21.8.).

