Die programmatische Klammer trügt: Auch wenn die diesjährigen Bach-Wochen mit Verdis Requiem starten (23.10., 18 Uhr) und einen knappen Monat später mit dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms enden (20.11., 18 Uhr), gibt es am Hamburger Michel reichlich Anlass zur Freude, trauern will hier niemand mehr. Die Zeichen stehen nämlich sehr gut, dass den Festwochen nicht dasselbe Schicksal blüht wie im letzten Jahr, als kurz nach dem Eröffnungskonzert die Bach-Wochen gestoppt werden mussten: Die rapide steigenden Inzidenzzahlen haben weitere Konzerte nicht mehr zugelassen. Nun darf „nach langem Dornröschenschlaf endlich wieder große Musik mit Chor und Orchester erklingen“, freut sich auch Michelkantor Jörg Endebrock.

Beide Sakralwerke sind auf ihre jeweils eigene Art Unikate der Musikgeschichte: Verdis Requiem wurde vom irischen Literaten, Satiriker und Musikkritiker George Bernard Shaw als „beste Oper“ klassifiziert – ein zwar vergiftetes, gleichwohl auch von Herzen kommendes Lob, denn die religiösen Gefühle wurden hier in einer zuvor noch nie gehörten Dringlichkeit auskomponiert. Brahms’ „Deutsches Requiem“ wiederum besteht nicht aus den liturgischen Texten der Totenmesse, sondern aus Auszügen des Alten und Neuen Testaments in deutscher Sprache. Für den Michelchor ist das Werk nicht neu, denn das „Deutsche Requiem“ gehört seit seiner Hamburger Erstaufführung vor 152 Jahren zum festen Repertoire der Stadt und insbesondere der Hauptkirche St. Michaelis. Auch diesmal formieren sich für diese beiden Abende unter anderem Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters und des NDR Elbphilharmonie Orchesters zum „Orchester St. Michaelis“. Als Solisten konnten für Verdis Totenmesse Susanne Bernhard (Sopran), Catriona Morison (Mezzosopran), Sung Min Song (Tenor) und Jan Martiník (Bass) gewonnen werden, bei Brahms’ Requiem übernehmen Hanna Zumsande (Sopran) und Dominik Königer (Bass) die Soloparts.

Doch Bach-Wochen wären keine Bach-Wochen, wenn nicht auch die Werke des einstigen Thomaskantors ins Zentrum gerückt würden. So stehen die drei Kryptakonzerte ganz im Zeichen Bachs. Beim ersten Kryptakonzert mit dem Titel „Kammermusik für Fürstenhöfe“ stellt das Barockorchester St. Michaelis Bachs 5. Brandenburgisches Konzert Mozarts berühmtem Divertimento KV 136 gegenüber – ein strahlender Abend in D-Dur, zu dem sich auch noch Bachs Orchestersuite in h-Moll gesellt (3.11.). Familiär wird’s im zweiten Konzert (10.11.), wenn nicht nur Sonaten von Johann Sebastian, sondern auch von dessen Söhnen Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Christian erklingen. Historisch interessant ist dabei der Fakt, dass die Söhne zu Lebzeiten teilweise mehr Ruhm erfahren haben als ihr Vater. Mit Barockgeigerin Petra Müllejans, Flötistin Daniela Liebe und Cembalistin Sabine Bauer konnten drei exzeptionelle Barockinterpretinnen gewonnen werden, die das kompositorische Familientreffen zum Klingen bringen. Und fürs Konzert Nummer drei (17.11.) treffen mit Gambistin Hille Perl und Cembalist Mahan Esfahani zwei unbestrittene Meister ihres Fachs zusammen und rücken mit der Viola da Gamba ein Instrument in den Mittelpunkt, das schon zu Bachs Lebzeiten vom Violoncello in den Hintergrund gerückt wurde, für das aber dennoch großartige Kammermusikwerke geschrieben wurden. Alle drei Kryptakonzerte beginnen um 19:30 Uhr und finden unter 2G-Bedingungen statt.

© Michael Zapf

Jörg Endebrock

Jörg Endebrock

Im Rahmen der Bach-Wochen gibt auch Magne H. Draagen, seit 1. September Nachfolger von Manuel Gera, sein Antrittskonzert als Organist am Michel. Der Norweger war zuvor Kathedralorganist an den Domen von Oslo, Stavanger und zuletzt Trondheim und spielt ein norwegisches Programm mit Werken von Arild Sandvold, Ludvig Nielsen, Leif Solberg und Frithjov Spalder. Der Konzerttitel „Echos aus Leipzig“ mag auf den ersten Blick im Widerspruch dazu stehen, doch tatsächlich haben alle drei Komponisten in Leipzig studiert (6.11., 18 Uhr). Auch Gast-Organist Thomas Dahl, der das zweite Orgelkonzert bei den Bach-Wochen bestreitet, hat einen kurzen Anfahrtsweg, denn der bestens beleumundete Orgelimprovisator ist Kantor der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Am 12.11. (19:30 Uhr) stellt er seine Improvisationskünste unter Beweis, wenn er Carl Theodor Dreyers Stummfilmklassiker „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ an der Orgel begleitet.

Am großen Festtag der Protestanten, dem Reformationstag, empfängt Jörg Endebrock mit dem Freiburger Barockorchester einen der international führenden Klangkörper für historisch-informierte Aufführungspraxis (31.10., 18 Uhr). Zusammen mit Sopranistin Marie-Sophie Pollak, Tenor Thomas Hobbs und dem Kammerchor St. Michaelis präsentiert das Barockorchester unter Endebrocks Leitung ein feierliches Programm mit Händels Vertonung des Psalms „Laudate pueri“ sowie dessen „Ode for St. Cecilia’s day“. Zwar ist der Cäcilientag alljährlich erst am 22. November. Doch für die Schutzheilige der (Kirchen-)Musik ist jeder Tag, an dem Musik erklingt, ein Ehrentag.