Eine Fahrradtour durch das Pustertal verspricht herrliche Landschaftseinblicke in die Natur der Dolomiten. Das schätzte bereits Gustav Mahler. Im Juli 1897 radelte der Komponist zur sommerlichen Erholung durch den Südtiroler Landstrich und machte dabei erstmals Halt in Toblach. Ein Jahrzehnt später erkor er die Gemeinde mit ihrem pittoresken Ausblick auf die markanten Gipfel der Drei Zinnen zu seiner alljährlichen Sommerresidenz. Hier entstanden mit dem „Lied von der Erde“, der neunten Sinfonie und dem Fragment der Zehnten seine letzten großen Werke. Seit 1981 laden die Gustav Mahler Musikwochen zur intensiven und hochklassigen Begegnung mit der Musik ihres Namensgebers vor der einzigartigen Kulisse seiner Sommerlandschaft ein.

Musikalische Zeitenwanderung von Beethoven zu Mahler
Unter dem Motto „Der Anfang“ richten die Gustav Mahler Musikwochen vom 11. Juli bis 5. September ihren Blick einerseits auf die Wurzeln von Mahlers Werken, andererseits markiert 2026 den Anfang einer neuen, noch internationaleren Ausrichtung des Traditionsfestivals. Der mehrfach ausgezeichnete deutsche Dirigent Dirk Kaftan verstärkt die künstlerische Leitung um Josef Lanz und das Beethoven Orchester Bonn wird zum Residenzklangkörper. „Dieses Festival ist im Grunde ein Traum für jeden Musiker. Hier verschmelzen Natur, Gesellschaft und eine musikalischen Zeitenwanderung zu einer Einheit, die uns als Künstler und Menschen gleichermaßen tief berührt“, sagt Kaftan.
Zugleich sieht der Bonner Generalmusikdirektor in der Residenz seines Orchesters in Südtirol auch einen „europäischen Auftrag, den Beethoven mit Sicherheit begrüßt hätte: Es ist die gelebte Verbindung zwischen urbaner Kultur und alpiner Landschaft, ein Dialog, der Grenzen überwindet.“ Und so steht das erste Gastspielwochenende des Beethoven Orchesters Bonn ganz im Zeichen des kreativen Austauschs und der Inspiration über Generationen hinweg. An zwei Abenden entfachen sie den Dialog zwischen bedeutenden Sinfonien und Solokonzerten und loten gleichsam orchestrale Urmomente aus: Beethovens erste Sinfonie trifft auf Mahlers „Titan“, Mozarts drittes Violinkonzert auf das von Erich Wolfgang Korngold. Weitere Verbindungslinien zwischen Beethoven und Mahler ergründet klanglich das Mahler Orchestra Toblach, intellektuell führt Philosoph Massimo Cacciari in die Thematik ein.

Vom Schatten ins Licht
Wohl kaum eine andere Komposition Mahlers versinnbildlicht so intensiv das stetige Werden eines neuen Abschnitts wie die siebte Sinfonie. Mit ihr eröffnet die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Michael Francis die diesjährige Festivaledition. Mahlers Vierte wiederum wurde bei ihrer Uraufführung noch von der Kritik unverstanden und zerrissen, heute ist sie mit ihrer kammermusikalischen Virtuosität ein Publikumsliebling und steht zwei Mal auf dem Festivalprogramm: Das Haydn Orchester von Bozen und Trient feiert mit ihr seine Rückkehr nach Toblach, während die jungen Musikerinnen und Musiker des von Philipp von Steinaecker angeführten Mahler Academy Orchestra damit auf historischen Instrumenten die Musikwochen beschließen.

Bühne frei für junge Künstler
Für den Zauber, der frei nach Hermann Hesse jedem Anfang innewohnt, sorgen hingegen vielversprechende Nachwuchskünstler und junge Ensembles. Das Korossy Quartett führt mit Musik von Bartók die ungarische Streichquartetttradition fort, das Trio Orelon lotet das Umfeld der schwedischen Geigerin und Komponistin Amanda Maier aus und das Duo aus Anton Gerzenberg und Julian Kainrath nimmt Violinsonaten von Grieg, Brahms und Franck – alle entstanden im Jahr 1886 – unter die Lupe. Pianist Valentin Magyar indes präsentiert ein Solorecital rund um Franz Liszt. Auch junge Orchester haben ihr Kommen in die Dolomiten angekündigt. So gehen das Bayerische Landesjugendorchester und die aufstrebende Dirigentin Ustina Dubitsky Mahlers neunter Sinfonie auf den Grund, ein Werk, das zu großen Teilen in einem sommerlichen Schaffensrausch in Toblach entstanden ist. Die Musikakademie der Studienstiftung des Deutschen Volkes nähert sich unter der Leitung von Christoph Altstaedt geistlich inspirierten Vertonungen aus der Romantik und der frühen Moderne an – von Mendelssohn bis Strawinsky.

Musik und Natur im Einklang?
In der rauen und stillen Bergwelt der Dolomiten fand Mahler die nötige Abgeschiedenheit, um seine Gedanken in grandiose, die Zeiten überdauernde Musik zu übersetzen. Diesem Esprit ganz nah kommen die Besucher bei einer geführten Wanderung mit abschließendem Kurz-Konzert zum originalgetreu erhaltenen Komponierhäuschen. Hoch hinaus geht es für die Gustav Mahler Musikwochen nicht nur im übertragenen Sinn mit Blick auf die Zukunft. Auch im Wortsinn erklingt Musik in luftigen Berghöhen, wenn das Festival zum Sonderkonzert ins Reinhold Messner Haus auf über 2000 Metern über dem Meeresspiegel bittet und seine Besucher damit gleichwohl zur Reflexion einlädt. „Ist ein Konzert in diesen Höhen nachhaltig? Sind Konzerte inmitten der unberührten Natur vertretbar? Über diese Fragen wollen wir eine offene Diskussion anstoßen, denn wir tragen die Verantwortung, unsere Kunst mit dem Respekt vor der Umwelt in Einklang zu bringen“, sagt Dirk Kaftan.

