Wenn die lebende Klavierlegende Martha Argerich und die Symphoniker Hamburg zum gemeinsamen Festival in die Elbmetropole bitten, verwandelt sich die Hamburger Laeiszhalle vom Konzertsaal in eine einzigartige Begegnungsstätte: mit arrivierten Musikerinnen und Musikern von Weltrang, mit aufstrebenden Talenten, aber auch zwischen Kulturen und Genres. In seiner achten Ausgabe (20.6.-30.6.) präsentiert das Martha Argerich Festival klassische Preziosen, Jazz und fernöstliche Theater- und Musikkultur.
Zur traditionellen „Opening Night“ versammelt Martha Argerich gleich zehn künstlerische Weggefährten um sich, darunter Cellist Mischa Maisky, Geiger Gil Shaham und Bariton Michael Volle. Gemeinsam nehmen sie sich zunächst Schumanns „Liederkreis“ nach Heinrich Heine und Kammermusik von Brahms an, bevor in der zweiten Hälfte ein Juwel des diesjährigen Festivals zu leuchten beginnt: Martha Argerich und Maxim Vengerov spielen an fünf Abenden sämtliche Beethoven-Violinsonaten. „Nur in diesem besonderen Festival-Kontext ist eine Umsetzung der Sonaten im Dialog mit anderen Werken und Kulturen möglich“, sagt die Grande Dame des Klaviers. Je zwei Sonaten werden dabei mit Musik aus anderen Epochen und kulturellen Horizonten kontrastiert – eine einmalige Gelegenheit, das vertraute Repertoire neu zu erleben. Am Eröffnungsabend setzen Kontrabassist Haggai Cohen-Milo, Pianist Marcin Masecki und Schlagzeuger Ziv Ravitz den Bezugspunkt mit Jazz-Improvisationen über Musik von Chopin (20.6.).

Japan trifft auf Beethoven
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Begegnung mit japanischer Bühnen- und Musiktradition. Zu den ältesten fernöstlichen Kunstformen zählt dabei das Nō-Theater. Die Schauspieler Yasushi Umewaka und Shigo Kato sowie Shōnosuke Ōkura an der Ōtsuzumi, der traditionellen japanischen Trommel, geben mit einer Adaption von Peter Townsends Roman „Der Postbote von Nagasaki“ Einblicke in jene poetische, meditative und von Ritualen geprägte Art der Bühnenkunst. Argerich und Vengerov antworten darauf mit zwei der leidenschaftlichsten Sonaten des Bonner Meisters (27.6.).
Fernöstliche Klangpoesie kündigt sich indes mit Dai Fujikuras viertem Klavierkonzert an. Das Martha Argerich gewidmete Werk verquickt die Geschichten der jungen Frau Akiko, die in Hiroshima lebte und an den Folgen des Atombombenabwurfs starb, mit jener eines Klaviers, das die verheerende Explosion 1945 überstanden hat – Musik für den Frieden und ein Plädoyer für die Menschlichkeit, vorgetragen von Akane Sakai. Entsprechend dramatisch und leidenschaftlich fällt der Nachhall mit Beethovens siebter und achter Violinsonate aus (29.6.).

Schillernde Kammermusik
Unter dem Titel „Mostly Beethoven“ lädt das Festival wiederum zu zwei Eckpfeilern der Kammermusik ein: Beethovens Bläserquintett – auf die Bühne gehoben von Lilya Zilberstein und Solisten der Symphoniker Hamburg – steht einer Bearbeitung der „Großen Fuge“ für zwei Klaviere gegenüber, interpretiert von Argerich und Stephen Kovacevich. Der Abend verklingt mit der berühmten „Frühlingssonate“ und der leuchtenden A-Dur-Sonate op. 30/1 (28.6.).
Eine musikalische Verneigung vor der Liebe und intensiv funkelnde Kammermusik erwarten das Festivalpublikum im Kleinen Saal der Laeiszhalle, wenn sich die Pianisten Mauricio Vallina, Szymon Nehring und Gastgeberin Martha Argerich mit Mezzosopranistin Magdalena Kožená und den Geigern Adrian Iliescu und Yuzuko Horigome zusammenschließen. Hochvirtuoses von Bach und Brahms trifft dabei auf expressive und bisweilen jazzig anmutende Sonaten von Ravel und Ysaÿe, wohingegen Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ direkt die Herzen der Zuhörer anspricht (26.6.).

Klassische Liedkunst im Club
Seit drei Jahren macht es sich das Festival überdies zur Aufgabe, klassische Musik auch an ungewöhnliche Konzertorte zu bringen. 2026 kehrt es mit „Lieder ohne Grenzen“ in den Mojo Club auf der Reeperbahn zurück. In einzigartiger Kiez-Atmosphäre sind dabei berührende Liedminiaturen, brisantes Musiktheater und nahöstliche Klangwelten zu erleben. Schauspielerin Annie Dutoit, Tochter von Martha Argerich, Pianist David Kadouch und Mitglieder der Moreau-Familie bringen Arnold Schönbergs Bekenntnis zur Menschlichkeit „Ode to Napoleon Buonaparte“ zu Gehör, Sopranistin Sandrine Piau singt Lieder von Berg und Strauss und das Bustan Abraham Quartet entfacht transkulturelle Dialoge (24.6.).
Ganz im Zeichen des Dialogs steht gleichwohl das Saisonabschlusskonzert der Symphoniker Hamburg unter der Leitung von Chefdirigent Sylvain Cambreling, das einen weiteren Höhepunkt des Festivals markiert. Martha Argerich nimmt sich hier Schumanns seelenvollem Klavierkonzert an, und Gil Shaham und Dai Miyata beweisen in Brahms’ Doppelkonzert ihre stupende Kunst der gemeinsamen Klangrede (21.6.). Wie orchestral hingegen Schumann bei der Komposition seines Klavierquintetts gedacht hat, lässt sich tags darauf in Spitzenbesetzung in der Elbphilharmonie nachhören (22.6.).

Pianistisches Zwiegespräch
Wer sich verzaubern lassen möchte und Freude an Überraschungen hat, sollte sich wiederum das mit „Flügelschlag“ überschriebene Konzert nicht entgehen lassen. In der ersten Abendhälfte spüren Mitglieder der Symphoniker Hamburg den poetischen Kontrasten in Bohuslav Martinůs Flötentrio und Leoš Janáčeks „Concertino“ nach, was danach passiert, bleibt noch ein Geheimnis. Nur so viel ist bekannt: Martha Argerich und Mikhail Pletnev treten in ein pianistisches Zwiegespräch (25.6.).
Bei seinem Abschlusskonzert verbindet das Martha Argerich Festival einmal mehr intime Kammermusik, bewegende Orchesterklänge und feinsten Jazz mit dem Blick über den kulturellen Tellerrand. Neben Beethoven steht dabei die Auseinandersetzung mit Gustav Mahler im Mittelpunkt. Einen veritablen Sog dürfte dabei Haggai Cohen-Milos „Gravitations: Mahler“ entfalten, das Elemente aus dem „Lied von der Erde“ mit Jazzharmonien, gesprochenem Wort und der chinesischen Kunqu-Oper zusammenbringt (30.6.).

