Heinrich Schütz ist zwar vor 350 Jahren gestorben, doch seine Kompositionen sind auch 2022 noch von Bedeutung. In ihnen schwingt Lebendigkeit, sie regen zum Nachdenken an, spenden Trost und machen Mut. „Weil ich lebe“ überschreibt der Verein Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen e.V. daher sein Festjahr SCHÜTZ22, das noch bis zum 6. November das Leben und Werk des frühbarocken Meisters feiert.

Ein Blick auf die Gesellschaft, in der Schütz gelebt hat, offenbart unweigerlich Parallelen zur Gegenwart: Themen wie Krieg und Flucht, Epidemien und fundamentale Umweltfragen beschäftigten bereits die Menschen im 17. Jahrhundert. Als Kind dieser Zeit prägte Schütz nachhaltig die Musikgeschichte, verband unterschiedliche nationale Traditionen in seinem Werk. Zeitlebens vernetzte er sich mit Kollegen weit über die Grenzen Dresdens hinaus, studierte und arbeitete im Ausland, reiste von Venedig über Breslau bis Kopenhagen. Schütz war Europäer – Jahrhunderte bevor es den Begriff gab.

Zeitgenössisches trifft auf altmeisterliche Werke

Im Mai gibt das Barock.Musik.Fest den diesjährigen Auftakt zu SCHÜTZ22. Zentrale Spielstätte ist die Schlosskapelle Dresden, jener Ort, an dem zwischen 1617 und 1656 der Komponist als Hofkapellmeister wirkte und dessen Raumklang seine mehrchörigen Kompositionen beeinflussten. In zwei Konzerten treffen zeitgenössische auf altmeisterliche Werke: Das Chorwerk Ruhr stellt den „Musikalischen Exequien“ zwei Uraufführungen von Nikolaus Brass und Martin Wistinghausen gegenüber, die sich ihrerseits auf Passagen aus den „Exequien“ beziehen. Der Chor der Hochschule für Kirchenmusik Dresden kontrastiert Schütz mit Uraufführungen von Matthias Drude und Franz Ferdinand Kaern. Als Hofkapellmeister stand Schütz zudem in regem Austausch mit dem jeweiligen Kreuzkantor. Der Kreuzchor und die Cappella Sagittariana Dresden rekonstruieren eine protestantische Vesper, wie sie im Frühbarock Usus gewesen sein mag. Das Ensemble Ælbgut porträtiert Schütz und seine Kommilitonen Mogens Pedersøn und Johann Grabbe im Kontext ihrer Studienjahre bei Giovanni Gabrieli in Venedig. Abschließend präsentiert das Ensemble Polyharmonique geistliche Madrigale weiterer mitteldeutscher Komponisten des 17. Jahrhunderts.

Musik auch mit den Augen hören

Seit 2010 findet das Heinrich Schütz Musikfest im Oktober an bedeutenden Orten der Schützschen Biografie statt. Das diesjährige Residenzensemble Vox Luminis wird zum ersten Mal auch im sächsischen Torgau auftreten. Hinzu kommen Kooperationen u. a. mit den Kasseler Musiktagen.

Zum Abschluss des Festjahres ermöglichen drei parallel stattfindende Festivals („Vom Leben – über Leben“) eine interdisziplinäre Gesamtschau über den Jahrhundertkomponisten und seine Interpretation durch gegenwärtige Künstler. So mischt der Orchestroniker Fabian Russ etwa Schütz-Musik mit digitalen Samples zu dreidimensionalen Klanginstallationen. Die Komponisten Bernd Franke und Alex Gebhard sowie die Komponistenklasse Dresden schufen eigens für SCHÜTZ22 neue Werke, die erstmals zu hören sein werden. Dass man Musik auch mit den Augen hören kann, zeigt das Ensemble „Sing and Sign“, das Chorwerke von Schütz und Zeitgenossen gleichzeitig mit Gebärdensprache singt.

Klingende Schütz-Biografie für unterwegs

Gleichwohl beschränkt sich SCHÜTZ22 nicht nur auf die drei Programmwochen. Das ganze Jahr über erklingen Schütz-Werke in Konzerten und im liturgischen Kontext in ganz Mitteldeutschland. Zudem kann sich jeder, der gerne singt, ob alleine oder im Ensemble, am „open_psalter“ beteiligen. Ziel des digitalen Mitmachprojektes ist eine möglichst vollständige und frei zugängliche Aufnahme des „Becker-Psalters“. Diese Sammlung umfasst 150 vierstimmige Gesänge mit 1339 Strophen, die Schütz nach ausdrücklich als Gebrauchsmusik vertont hat.

Lange wurde das musikkulturelle Erbe des Komponisten, in dem Zeitgenossen den „Vater unserer modernen Musik“ sahen, unterschätzt. Mit der App „SWALK Heinrich Schütz“ steht nun über das Festjahr hinaus eine kostenlose klingende Biografie für unterwegs zur Verfügung, die dazu einlädt, Heinrich Schütz‘ Lebensstationen vor Ort zu erkunden.