Das Festjahr steht unter dem Motto „weil ich lebe“. Wie kam’s dazu?

Christina Siegfried: Wir verknüpfen seit einigen Jahren die Themenfindung des Heinrich Schütz Musikfestes mit Zitaten des Komponisten oder mit Zitaten, die mit ihm in Verbindung zu bringen sind. Christoph Meixner, ein Kollege aus Weimar, hat mich auf Schütz’ Widmung der „Psalmen Davis“ aufmerksam gemacht, die mit den Worten „weil ich lebe“ endet. Das fand ich so prägnant und vieldeutig, dass ich das unbedingt für dieses Festjahr anlässlich des 350. Todestages haben wollte. Denn wir ehren da ja das Leben, das möglichst in einem sinnvollen und großen Bogen bis zum Ende eines Daseins geführt worden ist. Bei Schütz können wir das mit Fug und Recht behaupten.

Wie deuten Sie das Motto?

Siegfried: Weil ich lebe, geht es mir gut. Der Zeitpunkt der Widmung ist einer der lebendigsten Momente in Schütz’ Biografie: Als Hofkapellmeister in Dresden hatte er den renommiertesten Musikposten seiner Zeit im protestantischen Raum inne, und er datierte die Widmung bewusst auf den Tag seiner Hochzeit 1619. Weil ich lebe, gebe ich nicht auf. Der Dreißigjährige Krieg hat Schütz als Künstler und Menschen zeitlebens beeinflusst und immer wieder behindert. Dennoch hatte er bis zu seinem Tod den Anspruch, schöpferisch zu sein. Das Motto verstehe ich als Lebensmaxime. Und weil er lebt, machen wir dieses Festjahr. Die Musik, die er uns hinterlassen hat, ist lebendig. Diese Lebendigkeit weiter anzufeuern und zu erhalten, indem wir Schütz’ Werke musizieren und uns mit ihm beschäftigen, ist das, was wir wollen.

Was hat Schütz uns heute noch zu sagen?

Siegfried: Wenn wir uns die Zeit anschauen, in der er gelebt hat, finden wir Klimakatastrophen, Flüchtlingsbewegungen, Not, Krieg, Seuchen und die Verfolgung von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen vor. Sich in dieser Zeit die menschliche Würde zu bewahren, sich und anderen, wo es nur geht, zu helfen, das hat uns ganz viel zu sagen. Die Texte, die Schütz und seine Zeitgenossen vertont haben, verliehen viel Glaubenstrost und Lebensmut. Die aktuelle Nachrichtenlage gibt all dem eine so beängstigende Aktualität, dass es einem die Sprache verschlägt.

Welche dramaturgischen Akzente setzt das Festjahr?

Siegfried: Der Kern der Schütz-Ehrung ist die Darbietung seiner Musik in historisch-informierter Aufführungspraxis. Zugleich wollen wir eine Vielfalt an Interpretationen. Dazu gehören auch die von Laienchören, die mit Inbrunst Schütz-Motetten singen. Neben den Mitmach-Aktionen wie dem Becker-Psalter sowie den kulturellen Vermittlungsprojekten auch für junge Menschen stellt sich die Frage, wie neue Medien Schütz in unsere Welt bringen können. Der Komponist spielte etwa in seinen mehrchörigen Motetten mit dem Raumklang. Das „Kaleidoskop der Räume“ von Fabian Russ macht das letztlich mit modernsten digitalen Mitteln. Wenn man in seinem halbkugelförmigen Klangdom sitzt, ist man vollkommen von der Musik umgeben, sie geht förmlich durch einen hindurch. Das berührt die Seele.

Während des Festjahres wird es mehrere Uraufführungen geben. Welche Impulse gehen davon aus?

Siegfried: Sie richten sich an den „Inventor“ Heinrich Schütz, den modernen Komponisten. Neudeutsch ausgedrückt kann man sagen, dass er in bestimmten Phasen seines Lebens die Funktion des Trendsetters erfüllt hat. Davon gehen bis heute kreative Impulse für Komponisten aus. Moderne Werke als Kontrapunkte sind zu einem essenziellen Markenzeichen des Heinrich Schütz Musikfestes geworden.

Schütz wird ja auch gerne als Europäer bezeichnet, der seiner Zeit voraus war.

Siegfried: Er stand zeitlebens für einen offenen Geist und für wache Sinne ein. Ende der 1620er-Jahre kämpfte er mit Vehemenz darum, noch einmal nach Italien zu reisen, um sich auf den neusten künstlerischen Stand zu bringen und sich mit Kollegen auszutauschen. Er kam mit großen innovativen Kompositionsplänen zurück, die sich jedoch während des Dreißigjährigen Krieges schwer realisieren ließen. Zum Teil spiegelt sich das in den „Symphoniae Sacrae“ wider. Schütz hat es geschafft, überzeitliche Musik zu komponieren, die Menschen über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg anspricht. Wir haben vor ein paar Jahren mit dem Ensemble Sarband, dem Leipziger Synagogoalchor und dem Gambenconsort von Hille Perl Pslamvertonungen von Schütz und weiteren Komponisten christlichen, jüdischen und islamischen Glaubens aufgeführt. Dabei ging es um Brücken, die die Musik zu bauen vermag. Das zeigt: Ein Festival für Musik des 17. Jahrhunderts ist kein verstaubtes Museum.

Dennoch wird Schütz‘ Bedeutung in der Musikwelt stellenweise noch unterschätzt.

Siegfried: In den vergangenen Jahren ist der Schütz-Rezeption schon vieles gelungen, nicht nur bei unserem Fest. Ich denke an die wegweisende Gesamteinspielung des Dresdner Kammerchores unter Leitung von Hans-Christoph Rademann, die neuen praktischen Schütz-Ausgaben des Carus- und die Pionierarbeit des Bärenreiter-Verlages. Nichtsdestotrotz darf man die Augen nicht verschließen: Auf die Frage, ob man Schütz kenne, antworten viele Menschen, ja selbst Musikliebhaber häufig noch mit: Wer, bitte, ist das? Ich denke, das liegt zum Teil daran, dass wir in unseren Hörgewohnheiten die hochbarocke Musik eines Johann Sebastian Bach oder eines Georg Philipp Telemann mit ihren Oratorien, Arien, Concerti und so weiter eingeübt haben. Die Komponisten wie Schütz standen aber inmitten eines Experimentierfeldes: All diese uns bekannten musikalischen Formen haben sie gerade erst entwickelt. Das Instrumentarium veränderte sich, der Umgang mit der menschlichen Stimme war anders als zuvor und danach, kurz: Die Musik des 17. Jahrhunderts ist ein einzigartiger Klangkosmos, der einen bei der ersten Begegnung fordert und den man sich immer wieder neu erobern muss. Die Musik des Frühbarock ist in dieser Hinsicht genauso anspruchsvoll wie Neue Musik. Ich freue mich, wenn Zuhörer sich darauf einlassen und feststellen, dass die mehrchörigen Motetten eines Schütz genauso ansprechen und ergreifen können wie Bachs Matthäus-Passion.

Welche Beziehung haben Sie persönlich zu Schütz?

Siegfried: Nach all den Jahren begleitet er mich inzwischen ganz intensiv. Er ist ein guter Geist in meinem Leben.