Überkommene Denkmuster aufbrechen, Perspektivwechsel fördern, Neues wagen – dafür steht das stARTfestival von Bayer Kultur seit seiner Gründung im Jahr 2021. Jeweils im Frühling blühen an einigen Standorten der Bayer AG zwei Monate lang Musik und Choreografien. Hauptspielstätte ist das Erholungshaus in Leverkusen, wo traditionell auch das bereits ausverkaufte Eröffnungskonzert (17.4.) stattfindet. Diesmal lädt die Gruppe I Dolci Signore zu einer musikalischen Italienreise ein, während beim Abschlusskonzert (18.6.) am selben Ort die Brookly Rider – ein innovatives Streichquartett aus New York – die Türen in die Zukunft der Kammermusik aufstößt. Zum 20-jährigen Bestehen des Ausnahmeensembles hat das stARTfestival bei der US-amerikanischen Komponistin Gabriela Lena Frank ein Werk mit in Auftrag gegeben, das in Leverkusen seine europäische Erstaufführung feiert: „Frida’s Dream“ spürt der turbulenten Beziehung zwischen den mexikanischen Malern Frida Kahlo und Diego Rivera nach.

Bewusste Öffnung für Modernes
Gerahmt von diesen beiden Veranstaltungen bieten rund 30 Konzerte ein genreübergreifendes Programm von klassischen Orchester- und Kammerkonzerten sowie Rezitals über Jazz und Kabarett bis zu Tanz und Performance. Dabei öffnet sich das Festival bewusst modernen Einflüssen wie beim Konzert der Bayer-Philharmoniker unter der Leitung von Jesús Ortega Martinez (14.6.), bei dem Nikolai Rimski-Korsakows sinfonische Dichtung „Scheherazade“ auf die Stimme Hani Mojtahedys trifft. Die kurdische Sängerin gründete die erste iranische Frauenband, engagiert sich für Menschenrechte und kurdische Unabhängigkeit und schlüpft in Leverkusen in die Rolle der begnadeten Erzählerin aus „Tausendundeiner Nacht“.
Ein noch gewagteres Zusammentreffen markiert die Kollaboration des französischen Quatuor Zaïde mit der aus dem Kongo stammenden Tänzerin und Choreografin Hendrickx Ntela (7.6.). Vor allem im Stil des Krumping zu Hause – den in der afroamerikanischen Community von Los Angeles entstandenen schnellen, expressiven Freestyle-Tanzbewegungen –, übersetzt Ntela Stücke von Franz Schubert in ihre eigene Körpersprache.
Um die Wurst geht es bereits in der Woche zuvor im Deutschen Nationaltheater Weimar – namentlich um Conchita Wurst (27.5.). Thomas „Tom“ Neuwirth (so der bürgerliche Name des Sängers und Travestiekünstlers) und Martin Zerza bringen als Frau Thomas & Herr Martin eine geistreiche Mischung aus Musik und Kabarett auf die Bühne und polieren mit Chanson, Wienerlied und Swing Perlen der Unterhaltungskunst.

Zwei Weltklasse-Cellisten zu Gast
Dass sich gepflegte Unterhaltung und höchstes künstlerisches Niveau nicht ausschließen, belegen nicht zuletzt die an der Weltspitze rangierenden Cellisten Gautier Capuçon und Alisa Weilerstein, die beim diesjährigen stARTfestival Kostproben ihres Könnens darbieten. Capuçon reist mit dem Kammerorchester Wien – Berlin direkt aus der österreichischen Hauptstadt an (24.4.), wo er tags zuvor im Musikverein gastiert. In dem 2008 gegründeten Ensemble spielen führende Solisten der Wiener und Berliner Philharmoniker unter der künstlerischen Leitung von Konzertmeister Rainer Honeck. Wer könnte ein besserer Partner sein für den brillierenden Solisten in Joseph Haydns Cellokonzert C-Dur, das mit seinem virtuosen Schlusssatz zu den anspruchsvollsten seiner Gattung zählt? Gerahmt wird das Werk von Haydns „Feuer-Symphonie“ und Tschaikowskys Streichsextett „Souvenir de Florence“.
Eine ganz andere Rahmung wählt die renommierte Cellistin Alisa Weilerstein für ihr Rezital im Erholungshaus (19.5.), das zugleich Auftakt ihres Solo-Cello-Zyklus „Fragments“ ist. Die Stücke, die zum Teil eigens für diese ausgeklügelte audiovisuelle Inszenierung komponiert wurden, suchen nach neuen Verbindungslinien zwischen Publikum und Interpretin, Vertrautem und Neuem.

stARTfestival – eine Kreativplattform
Neben den vielen etablierten Künstlern dient das stARTfestival aber auch als Kreativplattform für junge aufstrebende Musiker wie den persisch-kanadischen Countertenor Cameron Shahbazi, der – am Klavier begleitet von Sophia Muñoz – in der Friedenskirche Monheim Barockarien, Jazz-Standards sowie Lieder zeitgenössischer Komponisten und iranischer Pop-Diven mit seinem einzigartigen Timbre veredelt (29.4.). Zu den Newcomern zählt auch die in Israel geborene palästinensische Sopranistin Nour Darwish, die im Piano Salon Christophori Berlin zusammen mit dem israelischen Perkussionisten Tom Betsalel arabische und westliche Rhythmen und Melodien miteinander verknüpft (21.5.). Ein neues Gesicht der Klassik-Szene – den US-amerikanischen Kontrabassisten Kebra-Seyoun Charles – präsentiert auch l’arte del mono im Altenberger Dom Odenthal (12.6.). Das Ensemble für Alte Musik hat rund um die bewegende Meditation „Within her arms“ der britischen Komponisten Anna Clyne ein Programm über Abschied, Verlust und Trauer zusammengestellt. In diesem Rahmen wird Kebra-Seyoun Charles gemeinsam mit der armenischen Sopranistin Anush Hovhannisyan eine eigene Bearbeitung von „Ihr habt nun Traurigkeit“ aus Brahms „Ein Deutsches Requiem“ als Kompositionsauftrag von Bayer Kultur zur Aufführung bringen.
Auch der 20-jährige brasilianische Geigenvirtuose Guido Sant’Anna ist wieder beim stARTfestival zu erleben (3.6.). Im Duo mit dem Gitarristen Plínio Fernandes verbindet er auf Schloss Morsbroich Leverkusen klassische Stücke mit brasilianischer Folklore. Sant’Anna ist ebenso Mitglied der stARTacademy, dem Förderprogramm von Bayer Kultur, wie der US-amerikanische Tubaspieler Joshua Williams, der als Teil der Jazzrausch Big Band Klassik, Jazz, Swing, Techno, Soul und Hip-Hop zu einer mitreißenden Melange verbindet (30.5.). So ist das stARTfestival nicht nur eine Plattform für einzigartige Konzerterlebnisse, sondern auch Karrieresprungbrett für viele junger Künstlerinnen und Künstler, die hier ihre eigenen musikalischen Ideen verwirklichen, sich vernetzen und in interdisziplinären Formaten ausprobieren können.

