Blickwinkel: Raphael von Hoensbroech

„Der Schaden ist gigantisch“

Raphael von Hoensbroech, Intendant des Konzerthaus Dortmund, über Krisenmanagement, alternative Spielplankonzepte und menschliche Schicksale.

© Pascal Amos Rest

Raphael von Hoensbroech

Raphael von Hoensbroech

Wie ist die aktuelle Situation am Konzerthaus Dortmund?

Raphael von Hoensbroech: Wir starten tatsächlich wieder mit Live-Konzerten, nachdem wir die letzten Wochen mit Online-Formaten überbrückt haben. Die Konzerte werden aktuell maximal neunzig Minuten lang sein und zweimal hintereinander stattfinden. So bringen wir zumindest Publikum und Künstler wieder in einem Raum zusammen.

Wie gestalteten sich die Vorbereitungen?

von Hoensbroech: Das war ein bisschen wie eine Case Study, um es mit einem Begriff aus der Unternehmensberatung zu beschreiben. Wir mussten quasi ein Konzept auf dem Papier entwickeln. Dabei haben wir uns gefragt, was für Szenarien vor uns liegen könnten und welche davon wahrscheinlich sind. Dann haben wir uns die aktuellen Regeln angesehen und abgewogen, welche davon Bestand haben und welche höchstwahrscheinlich nicht. Zu dem Zeitpunkt gab es beispielsweise noch die Vorgabe, dass sich maximal hundert Personen im Saal befinden dürfen. Auch stand damals noch die Frage im Raum, ob Corona-Viren aus Blasinstrumenten wie aus Pustepfeilen herausschießen würden. Allerdings sind wir relativ früh davon ausgegangen, dass von Blasinstrumenten keine große Gefahr ausgeht, und haben sie dementsprechend eingeplant. Mit der Abstandsregel von 1,5 Metern ist dann relativ schnell ein Saal-Plan entwickelt worden. Allerdings kam dann die Frage auf, wie man die Personen sicher hinein- und wieder herausbekommt. Wir haben schließlich Engstellen herausgesucht und uns überlegt, wie viele Menschen in welcher Zeit mit 1,50 Meter Abstand in den Saal kommen können. Das waren kleine Rechenspiele.

Wie gestaltet sich dabei die Zusammenarbeit zwischen der Politik und Ihnen? Haben Sie sich wie viele Kulturschaffende zeitweise alleingelassen gefühlt?

von Hoensbroech: Die Zusammenarbeit war gut. In den ersten Wochen bis Ostern hatte sich die Politik ja ein wenig eingeschlossen um zu überlegen, wie alles funktionieren kann. Damals haben wir gemeinsam mit der Deutschen Konzerthauskonferenz gesagt, dass wir für eine Beratung aus der Praxis zur Verfügung stehen. Seit Ostern schließlich sind wir in einem sehr engen Austausch sowohl mit dem Land und seinem Kultur- und Gesundheitsministerium als auch mit der Stadt Dortmund und dem Gesundheitsamt. Im Prinzip haben wir alle Schritte mit dem hiesigen Kultur-Dezernenten besprochen. Ich muss sagen, dass die Zusammenarbeit sehr fruchtbar war. Wobei es natürlich insgesamt schwierig ist, weil die derzeitige Lage so dynamisch ist. Man muss ständig mit Hypothesen arbeiten, was ich persönlich auch sehr spannend fand. Aber es war natürlich ein unheimlicher Aufwand auch für das Team.

Rentiert sich so ein Ersatzspielbetrieb überhaupt?

von Hoensbroech: Was wäre das Alternativszenario? Würden wir das Haus nicht öffnen, ließe sich vor dem Hintergrund der aktuellen Verordnung in NRW möglicherweise keine Höhere Gewalt mehr argumentieren, und dann hätte man mit Künstlern und Agenturen den vollen finanziellen Aufwand ohne Umsatz. Da ist es betriebswirtschaftlich sinnvoller, die Veranstaltungen unter anderen Vorzeichen durchzuführen. Wenn wir zudem zweimal hintereinander spielen, haben wir immerhin knapp die Hälfte des Publikums im Saal. Das ist zwar nicht kostendeckend, aber immer noch weitaus rentabler als wenn wir weiterhin das Haus geschlossen halten. Trotzdem bleibt der Schaden auf jeden Fall gigantisch. Das gilt für die gesamte Branche. Man muss allerdings ergänzen, dass der finanzielle Schaden ja nicht nur an uns als Veranstalter festgemacht werden kann. Durch den wiederaufgenommenen Spielbetrieb sind wir ja immerhin in der Lage, den Künstlern, die ja seit Anfang März keine Einnahmen mehr haben, zumindest etwas Honorar zu zahlen. Als Branche sitzen wir da letztlich alle in einem Boot, die Veranstalter, Agenturen und Künstler, aber auch die anderen Dienstleister, die das Drumherum organisieren. Da geht es ganz blank um Existenzen.

Wie schätzen Sie die Perspektiven für die nächsten Monate ein? Werden bald wieder mehr Zuschauer im Saal erlaubt sein?

von Hoensbroech: Es ist so, dass ein Saal wie unserer unter jedem Sitz eine Zuluft hat, die unterm Dach abgesaugt wird. Das bedeutet, dass wir nur vertikale Luftströmungen haben, wenn das Publikum im Saal sitzt. Und alle zwanzig Minuten ist die Luft im Saal einmal komplett durchgetauscht. Es gibt vermutlich kaum risikoärmere Raumsituationen. Allerdings müssen wir das Publikum ja auch in den Saal hineinbekommen. Da gilt dann die Mundschutzpflicht. Und vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass wir gemeinsam mit der Erfahrung, die wir nun bei den ersten Konzerten machen, auch Überzeugungsarbeit leisten können, mit wesentlich mehr Publikum im Saal gefahrlos zu arbeiten. Ich erwarte zudem auch, dass wir ab September mit deutlich mehr Zuschauern rechnen können. Wann wir allerdings wieder in den Normalbetrieb übergehen können, ist Kaffeesatzleserei.

© Pascal Amos Rest

Raphael von Hoensbroech im Saal des Konzerthaus Dortmund

Raphael von Hoensbroech im Saal des Konzerthaus Dortmund

Wie gelang der Austausch mit Künstlern und Orchestern? Und wie waren die Reaktionen auf die Konzert-Absagen?

von Hoensbroech: Nach den ersten Tagen hat sich alles innerhalb kürzester Zeit zum neuen Normalzustand gedreht. Insofern waren da auch keine überraschenden Reaktionen mehr zu spüren. Die Situation ist nur, dass wir Verträge haben, die im Falle von höherer Gewalt keinerlei Kompensationszahlungen zulassen, auch nicht für Stornogebühren von Flugreisen oder Hotelkosten. Das ist eine Risikoverteilung zwischen den Häusern, den Agenturen und den Künstlern, die in Zukunft wahrscheinlich so nicht mehr akzeptiert werden wird. Eben weil man davon ausging, dass vielleicht mal zwei Konzerte ausfallen oder allenfalls zwei Wochen lang kein Betrieb stattfinden kann. Wenn das nun aber ein Dauerzustand ist, müssen wir ganz neue Formen der Vertragsgestaltung finden. Ich bin da sehr offen, weil ich auch glaube, dass wir diesen Markt nicht zu einseitig aus der Veranstaltersicht betrachten dürfen. Wir sind ja darauf angewiesen, dass die Künstler mit Freude bei uns auf die Bühne kommen. Da müssen wir jetzt einen Weg finden, der für alle Parteien gangbar ist. Die Künstler müssen bei uns auf eine gewisse Gesprächsbereitschaft treffen.

Was war der schlimmste Moment für Sie in der Krise?

von Hoensbroech: Zu spüren, wie manche Künstler, aber auch manche Besucher und Mitarbeiter verzweifelten. Einfach die persönlichen Schicksale und die Angst, die sich so schnell ausgebreitet hat. Wenn bei einem Künstler, der gut im Geschäft ist und sich vielleicht kurz zuvor mit einem Kredit eine Wohnung gekauft hat, plötzlich über viele Monate hinweg alles auf null fällt, entstehen psychisch schwierige Situationen. Das belastet mich am meisten.

Gab es auch so etwas wie den schönsten Moment in der Krise?

von Hoensbroech: Ja, nämlich zu erleben, wie das Team anpackt und bereit war, alles neu zu überdenken, innovativ zu sein und mit der Krise konstruktiv umzugehen. Das hat mich schwer begeistert.

Wie haben Sie die Reaktionen ihres Publikums auf die strikten Maßnahmen wahrgenommen?

von Hoensbroech: Ich habe mich sehr bemüht, mit unserem Publikum in einem persönlichen Ton zu kommunizieren, die Briefe an unseren Freundeskreis und an unsere Sponsoren eben nicht rein sachlich, sondern von Herzen zu schreiben. Daraufhin habe ich viele Briefe von Förderern und von unserem Publikum bekommen, die ebenfalls sehr persönlich waren. Man kann eine große Sehnsucht spüren: die Sehnsucht nach Musik.

Wie gehen Sie mit Stornierungen um? Es werden sicher nicht alle Menschen mit einem bereits gebuchten Ticket Platz finden…

von Hoensbroech: Wir verhalten uns da wie alle anderen auch: Wir geben erst einmal Gutscheine aus. Wer keinen Gutschein akzeptiert, bekommt den Ticketpreis erstattet. Letztlich ist ein Gutschein ja nur ein Kredit und deshalb nicht wirklich besser als eine Rückzahlung. Aber alleine aus Liquiditätsgründen ist es sinnvoll, wenn wir nicht plötzlich die gesamten Ticketeinnahmen in bar wieder auszahlen müssen. Und dann gibt es tatsächlich auch etliche Kunden, die auf eine Rückgabe verzichtet haben, um uns zu unterstützen. Das ist eine so wunderbare Geste!

Viele Reisebeschränkungen gelten nach wie vor. Haben Sie in dieser Hinsicht für die nächste Saison vorgesorgt?

von Hoensbroech: Natürlich war die Konzertplanung für die kommende Saison schon längst abgeschlossen, bevor wir das Wort „Corona“ zum ersten Mal gehört haben. Danach war vielleicht noch das eine oder andere Programm unklar. Welcher Künstler oder welches Orchester aber wann spielt, war unter Dach und Fach. Wir entwickeln nun an verschiedenen Stellen Alternativen, aber auch da müssen wir wieder mit mehreren Szenarien parallel planen. Es wird sicherlich zu Programmänderungen kommen, ich rechne ebenso mit Ausfällen. Wir haben ja große Orchester-Residenzen, von denen ich noch nicht sagen kann, ob sie überhaupt anreisen können. Auf der anderen Seite wäre es unklug, schon jetzt alles abzusagen – wie wir jetzt im Juni festgestellt haben: Mitte April war eigentlich allen klar, dass die Saison vorbei ist. Ich habe aber gesagt: Lass uns doch noch warten, wie sich alles entwickelt. Absagen kann man immer noch. Viele andere haben dann bereits einen Strich unter die Sache gemacht, wir hingegen haben die Konzerte stehengelassen. Nun haben wir die Möglichkeit, etliche der ursprünglich geplanten Konzerte zu geben. Man muss jetzt abwarten, wie es sich im September entwickelt, welche Reisebeschränkungen eventuell aufgehoben werden und welche neuen Regeln dann gelten. Man sollte lieber einen Plan B in der Tasche haben als zu früh umschwenken. Sagen wir es so: Wir fahren lieber nicht auf Sicht, sondern haben alternative Routen in unserem Navigationssystem. Ich möchte jedenfalls nicht dauerhaft von Straßenlaterne zu Straßenlaterne fahren.

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