Kurz gefragt Ulrich Tukur

„Wein an- und auszubauen ist eine Schweinearbeit“

Tausendsassa Ulrich Tukur: Sänger, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker – keine Kunst scheint ihm fremd. Hier spricht er über ...

… Klassik

Mit Mozart und Clementi fing mein Leben an. Dann war endlos Grieg, und im Bach werde ich schlussendlich ertrinken.

 

… Alter

Letzter, meist schwermütiger Satz einer äußerst komplexen, mitunter atonalen Schicksals­sinfonie. Komponist unbekannt. Endet mit einem prosaischen Schlussakkord. Applaus ungewiss. 

 

… Treue

Der Tugenden zweitgrößte.

 

… Tatort

Mit dem nächsten, der am 27. Dezember ausgestrahlt wird, hätte ich aufhören müssen. Ein Film, in dem sich Rolle und Schauspieler trennen, in dem der Schauspieler (ich) vom Charakter, den er darstellend lebendig macht, in die Virtualität der Rolle gezwungen und in der Wirklichkeit ausgelöscht wird. Ich war aber so dumm nicht aufzuhören, denn der Tugenden größte ist die Klugheit.

 

… Toskana

Jeder kennt sie, jeder liebt sie, die unverbaute, liebliche Landschaft, die gute Küche, die herzlichen Menschen. Wer aber kennt die „toscana perduta“, die vergessene Toskana, gleich südlich der Emilia Romagna, versteckt im wilden Gebirge der Apenninen? Das ist meine Toskana.  

 

… Weinanbau

In meinem venezianischen Erzählband Die Seerose im Speisesaal beschreibe ich ganz zu Anfang meinen überraschenden Erstickungstod im eigenen Weinkeller. Man hat mich daraufhin in diversen Zeitungen zum Winzer mit veritablen Weinbergen gemacht; in Wahrheit waren es aber nur literarische Rebstöcke. Denn Wein an- und auszubauen ist eine Schweinearbeit, ihn zu trinken aber die zweitschönste Sache der Welt. 

 

… Klavier

Viel mehr als ein mechanisches Wunder: Geliebte, Begleitung für ein ganzes Leben, Ventil, Seelentröster, sensibles Ausdrucksmittel tastender (!), oft verzweifelter Gemütslagen, aber auch ein Instrument zur Feier des Lebens.   

 

… Rhythmus Boys

Drei Knallchargen, die es durch die Hintertür zu beachtlicher Bühnenwirksamkeit und musikalischer Raffinesse gebracht haben.  

 

… Melancholie

Ein wertvolles, autogenes Mittel zur Behandlung giftiger Seelenzustände wie Angst, Wut und Verzweiflung. Wir unterscheiden zwischen der leichteren, mediterranen Melancholie – der dem Leben lächelnd zugewandten Trauer – und der robusten slawo-germanischen Schwermut. Als Kind hatte ich diesen melancholischen Zug noch nicht, Kinder sind selten melancholisch, dazu braucht man Lebenserfahrung. Ich war extrem energetisch und sehr verspielt und habe nicht an die Trauer des Lebens gedacht. Allerdings hat mich der Tod beschäftigt: Ich habe unentwegt Schädel und Skelette gemalt und den Tod in allen Formen zu Papier gebracht. Ich habe Todesanzeigen aus der FAZ ausgeschnitten und meine Wände damit vollgeklebt, weil ich das grafisch so hübsch fand – und darüber ein Gemälde meines Großvaters gehängt, auf dem ein sterbender Soldat aus dem 30-jährigen Krieg abgebildet war. Das war meine Art, damit fertig zu werden. 

 

… Vergangenheit  

Jeder im Horizontalen dahinplätschernde Zeitgenosse sollte sich fragen, was er ohne die Vergangenheit wäre: nicht nur wurzellos und ohne Schutz, er wäre nicht einmal vorhanden.

 

… Schwaben

Was ist das? Der Regierungsbezirk Schwaben liegt in Bayern, und die Badener würden einen Teufel tun, sich den Schwaben zuzurechnen. Bleibt nur Württemberg: Grafschaft, Kurfürstentum, Königreich, Volksstaat – im wahrsten Sinne des Wortes mein Vaterland. Die Region, aus der sie alle kamen, in der sie alle lebten, die mir vorangegangen sind. Bis hinab in die Urzeit der Kelten, deren Kultur im Donautal auf der Schwäbischen Alb ihren Anfang nahm – und ihr Blut fließt vielleicht auch noch in meinen Adern. Außerdem Hölderlin, Hegel, Hauff und Willi Reichert, zersiedelte Landschaften, verschandelte Dörfer und Städte (außer Tübingen), eine starke Wirtschaft, wunderbare Regionalküche und Trollinger Wein, den man am besten in den Kühlschrank stellt. 

 

… Internet und Neue Medien

Die systematische Zerstörung aller Geheimnisse. Die Aufhebung der menschlichen Autonomie und Freiheit, Motor für eine Geschwindigkeit, die unsere Seelen zerfleddert: Voraussetzung für die totale Überwachung und Manipulation der Menschen, der Weg in die vollkommene Beliebigkeit und zum Triumph der Maschinen über uns Volltrottel.

CD-Tipp

Let‘s Misbehave!
Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys
Trocadero

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *