Opern-Kritik: Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – Nahod Simon

Fremdartige Volkslegende

(Gelsenkirchen, 29.5.2015) Die serbische Komponistin Isidora Zebeljan feiert mit ihrer Uraufführung einen Publikumserfolg

© Pedro Malinowski

Die aus Serbien stammende Isidora Zebeljan ist eine vielseitige Komponistin. Sie hat nicht nur für Theater und Konzertsaal geschrieben, sondern auch Filme von so renommierten Regisseuren wie Emir Kusturica oder Patrice Chereau musikalisch ausgestattet. Vielleicht ist so zu erklären, dass die Musik in ihrer fünften, jetzt am Musiktheater im Revier uraufgeführten Oper eine ganz und gar unkonventionelle Funktion einnimmt. Sie dient weder der Vertiefung der Charaktere noch der Vermittlung der Handlung oder der Schaffung eines Informationsvorsprungs für das Publikum. Zebeljans Musik hält die Dinge vor allem im Fluss, will einen atmosphärischen Rahmen schaffen und die dramatischen Vorgänge versinnlichen.

Starke Geschichte um doppelten Inzest

Für dieses kompositorische Vorgehen braucht es eine starke Geschichte. Die hat Nahod Simon. Es geht um doppelten, sozusagen eine Generation verschobenen Inzest, einen Stoff der, auf antiken Handlungsmotiven basierend, in Mitteleuropa zwischen Hartmann von Aues Gregorius und Thomas Manns Der Erwählte gelegentlich literarisch ausgeformt worden ist, in den Balkan-Ländern aber den Status einer Volkslegende hat. Erzählt wird der Leidensweg von Simon, Sohn von Bruder und Schwester, von der Mutter ausgesetzt und von Mönchen erzogen. Auf der Suche nach einem Platz im Leben, nach der immer wieder erhofften „Güte“ begegnet er einer älteren Frau, verliebt sich in sie und beginnt eine Beziehung. Es ist seine Mutter. Um zu büßen, wird Simon fastender Eremit und heilt schließlich seinen Vater, der ihn und seine Mutter lange gesucht hat. Es endet in Verklärung.

Stationendrama mit einiger Ironie erzählt

Michiel Dijkema bringt Nahod Simon als Stationendrama in heutigen Kostümen und mit realistischen Versatzstücken vor Distanz schaffendem schwarzem Hintergrund auf die Bühne. Er erzählt stringent, kommt dem Kitsch gelegentlich bedenklich nahe, rettet sich aber meistens durch mal subtile, mal eher grob gesetzte Ironie. Clou des Abends ist ein fünfköpfiges Männerensemble in grell überspitzten Frauentrachten, das immer wieder mal als unwiderstehliche Balkanband mit absurden Instrumenten wie Dudelsack, ‚Volksflöten‘ und folkloristischen Schlagwerken die Bühne stürmt. In diesen Szenen wird dem Geschehen pralles Leben zugeführt, etwas, was die Orchesterpartitur, auch wenn sie so feurig und feinsinnig geformt wird wie von Valtteri Rauhalammi, nicht zu leisten vermag.

Kostbare Klangfarben, Folkloristik und Weltmusik

Diese Musik ist weder konventionell noch avantgardistisch, sie tönt ganz einfach – fremd. Gespeist aus südöstlicher Folkloristik und Weltmusik stampfen die Rhythmen, zieht die Musik eckige Kreise, transzendieren sich Ansätze von Melodik ins harmonische Nirwana, wirken Tempodramaturgie und Staccato-Chromatik auf Dauer ermüdend. Immer wieder blitzen freilich Kostbarkeiten auf, Klangfarben und -kombinationen, die auf Opernbühnen nie zu hören sind. Aber das ist wenig, um als Zuschauer an diesem zweistündigen Abend eine derart enthusiastische Haltung zu entwickeln wie Chor, Orchester und das ausgezeichnete Solistenensemble des Musiktheaters im Revier. Herausragend Piotr Prochera mit vor allem im Piano kostbarem Bariton in der Titelrolle, begeisternd Dimitria Kalaitzi-Tilikidou mit jugendfrischem, vielversprechendem Mezzo als junge, Gudrun Pelker mit farbenreichem, hochdramatischem Strahl als alte Mutter. Langer, sehr freundlicher Applaus.

Musiktheater im Revier

Isidora Zebeljan: Nahod Simon

Valtteri Rauhalammi (Leitung), Michiel Dijkema (Inszenierung und Bühne), Jula Reindell (Kostüme), Christian Jeub (Chor), Piotr Prochera, Gudrun Pelker, Joachim G. Maaß, Dimitra Kalaitzi- Tilikidou, Marie-Helen Joel, Jacoub Eisa, E. Mark Murphy, Neue Philharmonie Westfalen

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