Opern-Kritik: Ruhrtriennale 2016 – Alceste

Halbszenische Eröffnung

(Bochum, 12. August 2016) René Jacobs formuliert ein Empfehlungsschreiben für Gluck, Johan Simons bleibt ihm schmerzhaft fern

© JU/Ruhrtriennale

Brigitte Christensen (Alceste), Ensemble

In der öffentlichen Wahrnehmung entwickelt sich die Ruhrtriennale immer mehr zu einer Art Salzburg des Westens, zu dem überregional wahrgenommenen Kulturfestival der Region. Folgerichtig war zur Eröffnung jede Menge Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur angereist. „Frei + Tod“ prangt in großen Lettern auf dem Programmheft, dass uns verrät, dass es um Menschlichkeit gehen soll in Glucks Reformoper. Allenthalben herrschte eine repräsentativ aufgeladene Stimmung gespannter Erwartung.

Alles funkelt spritzig

Bereit die Ouverture formulierte René Jacobs mit dem brillanten und spielfreudigen B’Rock Orchestra geradezu als Empfehlungsschreiben für den Musiker Christoph Willibald Gluck. Alles funkelte spritzig und glänzte dabei weich, momentweise geradezu süß. Immer wieder modellierte der Dirigent kostbare melodische Details und exquisite Klangfarben heraus. Von der majestätischen Strenge, die man dem Komponisten allenthalben so gerne attestiert, war wenig zu hören. Eher scheint hier Mozart vorgeprägt, besonders in der stets auf die Handlung bezogenen Melodik und Dynamik, in der kleinteilig differenzierten Gestaltung menschlicher (Er-)Regung. Obwohl die Stimmen in der Bochumer Jahrhunderthalle akustisch verstärkt werden müssen, trägt Jacobs seine Sänger und ermöglicht ihnen, mit musikalischen Mitteln und vielen Facetten die rührenden Geschichte von der Frau zu erzählen, die für ihren Mann in den Tod geht. 

Brigitte Christensen begeistert in der enorm anspruchsvollen Titelpartie

Die Titelrolle ist eine der anspruchsvollsten Sopranpartien des gesamten Opernrepertoire, physisch aufwendig aufgrund der schieren Länge, schwer zu singen aufgrund der Vielzahl unterschiedlichster musikalischer Anforderungen. Brigitte Christensen ist ihnen allen gewachsen, gerät stimmlich nie in Schwierigkeiten. Obwohl sie nicht über die ganz große Ausstrahlung verfügt, macht sie ihre große Arie im zweiten Akt zum Zentrum und Höhepunkt der Aufführung. Ihr Admeto ist der glaubhaft gestaltende Thomas Walker, ein in ungewöhnlichen Farben schillernder Charaktertenor von großer Intensität.

Ruhrtriennale-Hausherr Johan Simons legt Spuren – und folgt ihnen nicht

Leider nimmt Ruhrtriennale-Hausherr Johan Simons die vielen Angebote von Musik und Musikern nicht auf. Seine Inszenierung legt anfangs Spuren. Da wird der formidable Georg Nigl aus mehreren kleinen Figuren zum göttlich zynischen Zeremonienmeister zusammengebaut. Da sitzt der genauso formidable Chor MusicaAeterna auf weißen Plastikstühlen, teilweise in Transgender-Kostümen mit Blumen im Haar und soll vielleicht eine Überflussgesellschaft andeuten, der der Lebenszweck abhanden gekommen ist. Und das Bühnenbild ist mit seiner edel grau glänzenden Planche und den dekorativ darauf angeordneten Plastikstühlen fast ein sanft ironisches Abbild jener OpenAir-Foyerlandschaften, die Simons selber im letzten Jahr, etwa vor den Hallen in Gladbeck und Dinslaken, für den Komfort seines Publikums errichtet hat. Soll diesem also der Spiegel vorgehalten werden?

Dringlichkeit stellt sich in keiner Minute ein

Mitnichten. Leider. Der Chor stellt immer wieder die Stühle um, Alceste hat um diese im langsamen Einheitstempo herumzumäandern oder sich irgendwo niederzulassen, Admeto muss ständig zu Boden sinken und dort im Schock oder großen Leid liegen bleiben, darf sich nur gelegentlich in knieende Stellung aufrichten oder gar einen Stuhl erklimmen. Und die Nigl-Figur verschwindet nach der Pause aus dem Stück. Es ist nicht mehr als ein müdes, teilweise sogar amateurhaft wirkendes halbszenisches Arrangement vor der gewaltigen Kulisse der Jahrhunderthalle, die von Dennis Diels exquisit dekorativ beleuchtet wird, was Simons da inszeniert hat. Dringlichkeit stellt sich in keiner Minute ein. Der Dramatiker Gluck bleibt 250 Jahre weit weg. Seine Figuren bleiben uns fast schmerzhaft fern. Trotz herrlichen Musizierens ist dieser Abend vor allem – lang. 

Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum

Gluck: Alceste

René Jacobs (Leitung), Johan Simons (Regie), Leo de Nijs (Bühne), Greta Goiris (Kostüme), Vitaly Polonsky (Chor), Brigitte Christensen, Thomas Walker, Georg Nigl, Kristina Hammarström, Anicio Zorzi Giustiniani, Alicia Amo, MusicaAeterna, B’Rock Orchestra

Jahrhunderthalle Bochum

Ruhrtriennale

21. August bis 29. September 2019

Im Jahr 2002 gegründet, findet die Ruhrtriennale jährlich im Ruhrgebiet an industriell geprägten Schauplätzen statt. Das internationale Kunstfestival verbindet Installationen, Ausstellungen, Tanz, Theater, Konzerte und Musiktheaterproduktionen. weiter

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