Opern-Kritik: Staatsoper Berlin – Juliette

Idealbesetzung Villazón

(Berlin, 28.5.2016) Daniel Barenboim, Claus Guth und Rolando Villazón gelingt eine modellhafte Anverwandlung von Martinůs Oper

© Monika Rittershaus

Rolando Villazón (Michel) und Magdalena Kožená (Juliette)

Rolando Villazón (Michel) und Magdalena Kožená (Juliette)

Der Buchhändler Michel, das macht Regisseur Claus Guth an der Staatsoper im Schillertheater vom ersten Takt an klar, ist kein eindimensionales Opfer seines Liebestraums. Michel öffnet die Schubladen in den weißen Bühnenwänden eigenhändig, und es entsteigt ihnen eine ganze Stadtgesellschaft von Traumgestalten. Doch Michel hat auch keine Wahl. Im beklemmend geschlossenen, quaderförmigen Raum von Alfred Peter, der die Bühne über zwei Akte beherrscht, gibt es keine Türen nach außen. Wenn Michel den Griff nach der Freiheit tut, erwischt er den Griff einer weißen Schublade.

Der große Sängerdarsteller Villazón bietet die Projektionsfläche von Michels garstigen Träumen

Rolando Villazón als Michel ist über drei Stunden pausenlos auf der Bühne und liefert stimmlich wie darstellerisch eine große Leistung ab. Villazón muss keinen Psychopathen geben, sondern als Darsteller nur die Projektionsfläche seiner garstigen Träume bieten: Es ist ja das Äußere der Handlung, welches mit der Fantasiegeliebten Juliette und den anderen Traumgestalten Michels Inneres zeigt. Auf Monströses menschlich und damit komisch zu reagieren: Das ist die Spezialität dieses Sängers, welcher immer auch eine Schwäche für die Kunst der Clownerie hatte. Claus Guth folgt in seiner Szenographie unprätentiös den Stärken von Villazón und macht ihn für den Michel zur Idealbesetzung.

Michel liebt seine Träume – und vor allem den einen von Juliette –, aber er will sich partout nicht damit abfinden, dass diese Juliette wie alle Traumgestalten keine Erinnerungen hat, und somit auch keine gemeinsamen romantischen. Für den Bühnenautor Neveux gab insbesondere die Unfähigkeit der Traumgestalten zur Erinnerung Stoff für das Drama Juliette oder Der Schlüssel zu den Träumen von 1927 her.

Magdalena Kožená – eine Traumgestalt von bezaubernder stimmlicher Noblesse

Die Kreation der Titelgestalt durch Magdalena Kožená, so punktuell auf den zweiten Akt begrenzt ihr Auftritt ist, bietet auf faszinierende Art eben jenen Schlüssel zu den Träumen. Dem in diesseitiger Verzweiflung zappelnden Rolando Villazón als Michel stellt sie eine zeit- und raumlose und doch sehr menschenähnliche, gefühlsechte Traumgestalt von bezaubernder stimmlicher Noblesse entgegen. Auf kongeniale Art sind es Kožená und Villazón, die das historische Gedankenexperiment des Surrealismus für das Medium der Oper fruchtbar machen.

Martinů schaute sich seine gelenkige Musik von der Groupe Les Six in Paris ab

Aus Martinůs Musik ergibt sich diese Fruchtbarkeit nur bedingt. Es ist ein von Daniel Barenboim präzise und klangschön einstudierter Abend, musikalisch verantwortungsvoll und ob der großen Stimmen auch in den kleinen Rollen der Dorfbewohner – der bewährte Neue-Musik-Bariton Wolfgang Schöne ist auch mit 76 bestens in Schuss – eine modellhafte Aufführung. Wie man diese Repertoireerweiterung aus musikalischer Sicht bewerten soll, kann nicht eindeutig beantwortet werden. Martinůs berühmter witziger Kammerstil, den er sich in den 1920er Jahren in Paris von der Groupe Les Six abschaute, funktioniert, zur großen Oper kanonisiert, nicht mehr ganz so gut. Es ist eine gelenkige Musik, die auf die quirlig-sinnlose Welt der erinnerungslosen Stadtbewohner ebenso reagieren kann wie auf den großen Operndusel in der traurig-illusionäre Liebesszene zwischen Michel und Juliette. Aber es ist eine Musik ohne besondere Eigenschaften, ohne Fingerabdruck ihres Schöpfers.

Vielleicht ist diese Eigenart Absicht, gerade weil die Musik erinnerungs- und geschichtslose Figuren begleitet. Einzig als Michel nach seinem tödlichen Schuss auf Juliette hingerichtet werden soll, bringt Martinů seine Interpreten zu einem dramatischen Schwingen, jazzig fängt das Ensemble an zu grooven. Hier zeigt Martinů einmal eine stilistische Verbindlichkeit im Sinne seines Paris der Zwanziger Jahre. Klassische Operndramatik und Unterhaltungsmusik gehen auf geniale Art zusammen: Das hätte im Musiktheater richtungsweisend werden können, doch über drei Stunden fällt Martinů nichts Vergleichbares ein.

Martinů: Juliette

Staatsoper Berlin im Schillertheater

Daniel Barenboim (Leitung), Claus Guth (Regie), Alfred Peter (Bühnenbild), Eva Dessecker (Kostüme), Rolando Villazón, Magdalena Kožená, Richard Croft, Thomas Lichtenecker, Wolfgang Schöne, Elsa Dreisig, Adriane Queiroz, Arttu Kataja, Jan Martiník, Natalia Skrycka, Florian Hoffmann, Staatskapelle Berlin

Weitere Termine der Staatsoper Berlin finden Sie hier.

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