Opern-Kritik: Theater Bonn – Salome

Im Café Freud

(Bonn, 1.2.2015) Dem ungarischen Regie- und Ausstatterduo Parditka/Szemeredy glückt ein wirklich besonderer Opernabend

© Thilo Beu

Herodias (Anjara I. Bartz), Herodes (Roman Sadnik), Salome (Nicola Beller Carbone)

Eigentlich ist Salome viel zu groß für die bescheidenen Abmessungen des Bonner Opernhauses. Da wird Strauss‘ schillernder, oft uferloser Kosmos fast zwangsläufig zur kompakten, nicht selten engen Klangkugel. Stefan Blunier versucht – über weite Strecken erfolgreich – aus der Not eine Tugend zu machen, den Orchesterklang zumindest grob in der Tiefe zu staffeln. Dabei rückt er die dunklen Farben, die ab- und hintergründigen Klangexperimente der Komposition in den Vordergrund.

Professor Freud entlarvt die Egomanie der Figuren

Noch aufregender ist die Arbeit des ungarischen Regie- und Ausstatterduos Parditka/Szemeredy. Ihre Inszenierung zielt darauf ab, das Stück zu erfassen, soviel Schichten des Dramas wie möglich freizulegen und zu veranschaulichen. Durch einen goldenen Bilderrahmen sehen wir auf ein elegantes, seltsam verzerrtes Wiener Kaffeehaus. Kleidung und Habitus der Figuren verweisen auf die 20erJahre. Ein Herr, wie wir später erfahren: der 1. Jude, ist kenntlich als Siegmund Freud maskiert. Wir sehen das Sich-Spreizen einer exklusiven Gesellschaft. Salome ist eine hochgewachsene, leicht überkandidelte junge Dame mit Louise-Brooks-Frisur, Jochanaan ein Clochard im demolierten Frack, der zur Belustigung der Gäste vor der Tür seine Tiraden von sich gibt. So wird clever und genau der Egomanie der Figuren, ihrem Sich-Ausliefern an die eigenen sexuellen Begierden mit bestechender Personenführung nachgespürt. Und Blunier zieht dazu die fast kitschige Solo-Violine immer wieder vor das Orchester.

Salome rottet die ganze Partygesellschaft aus

Mit dem „Tanz der Sieben Schleier“ wird dann der Schalter umgelegt, verschwindet die Eindeutigkeit der Erzählung. Salome walzt mit einem Tanzpartner über die leergeräumte Bühne, stachelt den Voyeurismus von Herodes und Publikum an durch dezente erotische Andeutungen und wird durch eine Tänzerin ersetzt. An der Rampe entblößt sie sich kurz vor dem Publikum, während sie die Partyrobe zitternd gegen ein Schulmädchenkleid eintauscht. In einer Vision rächt sie sich für ihr einsames, missbrauchtes Leben, rottet die ganze Partygesellschaft aus – just mit jener Flaschenscherbe, mit der sich Narraboth (angenehm rustikal: Johannes Mertes) zu Beginn die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Wenn die Tanzmusik endet, schauen alle wieder auf sie. Und Salome zittert. Zum Erbarmen. Sie hat keine Fassade mehr.

Am Ende sitzt sie am Tisch mit ihren Stiefeltern, jeder mit Blick auf den eigenen abgeschnittenen Kopf (Ich – Es – Über-Ich?). Eine endgültig zerstörte Familie. Und der Schlussmonolog, potenziell ein wirklicher Langweiler, weil Dirigenten oft laut sind und Regisseuren noch öfter nichts einfällt, rast vorbei und lässt den Zuschauer nahezu atemlos zurück.

Das Verhältnis von expressivem Overacting und psychologischer Genauigkeit stimmt nicht immer

Natürlich stimmt lange nicht alles. So gerät das Verhältnis von expressivem Overacting und psychologischer Genauigkeit gelegentlich aus dem Gleichgewicht. Viele optisch eindrucksvoll hingestellte Symbole lassen sich nur sehr spekulativ entschlüsseln. Die Herodias der Anjara I. Bartz wirkt eingesperrt in ihr Kostüm, bleibt so zu brav und sachlich. Und Nicola Beller Carbone, die die Salome hinreißend spielt, singt sie zwar biegsam mit viel Piano-Kultur, aber auch sehr monochrom. Und ihre Stimme mag sich in der Höhe nicht öffnen.

Viel gewollt – viel erreicht

Dennoch ist diese Salome ein wirklich besonderer Opernabend. Weil szenisch und musikalisch viel gewollt – und davon sehr viel erreicht wird. Weil hier dem Stück wie von selbst Dringlichkeit zuwächst. Weil Roman Sadnik einen sehr präsenten und konzentrierten Herodes gibt und Mark Morouse einen – im Off leider sehr blechern verstärkten – Jochanaan, der durchaus schönes Stimmmaterial vorführt, vor allem aber die Figur musikalisch weit über den so oft gehörten salbungsvollen Legato-Langweiler hinausführt: ins Individuelle. Dazu wird in den vielen kleinen Rollen mit seltener Prägnanz gesungen und agiert.

Theater Bonn

Strauss: Salome

Stefan Blunier (Leitung), Alexandra Szemeredy und Magdolna Parditka (Inszenierung und Ausstattung), Nicola Beller Carbone, Mark Morouse, Roman Sadnik, Anjara I. Bartz, Johannes Mertes, Lisa Wedekind, Beethoven-Orchester Bonn

Termine: 5.2., 8.2., 21.2., 8.3., 20.3., 11.4., 2.5., 6.5., 15.5., 24.5. & 14.6.

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