Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper – South Pole

Im Isolationsraum

(München, 31.1.2016) Kirill Petrenko dirigiert die Uraufführung einer tiefgründigen Fantasie über Einsamkeit und Isolation

© Wilfried Hösl

Mitte links: Rolando Villazón (Robert Falcon Scott), Mitte rechts: Thomas Hampson (Roald Amundsen)

Audiatur et altera pars – im Rechtswesen gilt der Grundsatz, dass beide Parteien gleichermaßen zu Gehör kommen müssen. Dieses Prinzip geht generell als erstes verloren, sobald aus einem Rechtsstreit ein Wettstreit wird. Dann muss selbst der neutrale öffentlich-rechtliche Fußballmoderator aus der Sicht der heimischen Mannschaft kommentieren. Das Wettrennen um die erste Durchquerung des Südpols war eines der aufregendsten Matches des 20. Jahrhunderts: Robert Scott gegen Roald Amundsen, 19 Ponys gegen 52 Schlittenhunde, England gegen Norwegen. Auch Stefan Zweig ließ sich in seiner Erzählung Der Kampf um den Südpol zur Parteilichkeit hinreißen und schilderte die Ereignisse aus der Sicht Scotts.

Miroslav Srnka schreibt eine Doppeloper über die konkurrierenden Forscher Scott und Amundsen

Komponist Miroslav Srnka hingegen bezeichnet South Pole als Doppeloper: Auf der Bühne stehen die Forscher Scott und Amundsen gleichermaßen im Mittelpunkt. Die jeweiligen Etappen und Zustände der beiden Teams werden synchron dargestellt, obwohl diese mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt agieren und den Pol in einem zeitlichen Abstand von fünf Wochen erreichen. In Echtzeit werden so Unterschiede und Gemeinsamkeiten offenbar: Die Engländer bauen ihr Basislager auf dem Land („dann sind wir sicher“), die Norweger auf dem Eis („dann sind wir weiter südlich“), die einen vertreiben sich die Zeit mit Ballsport, die anderen erholen sich in ihrer selbstgebauten Sauna, und in der mit „Tötung“ übertitelten Szene verarbeiten Amundsen und seine Gefolgsleute wie geplant ihre Schlittenhunde zu Nahrungsvorräten, während die Engländer ihre erschöpften und ausgelaugten Ponys notschlachten müssen.

Eiskalte Klangfarben

Streckenweise wirkt die Oper wie eine rein historisch orientierte, gleichwohl raffiniert erzählte Dokumentation der Ereignisse, von Beginn bis Ende untermalt mit klaren und sterilen, will heißen: mit eiskalten Klangfarben. Srnka bemüht dafür einen Klangkörper von den Ausmaßen eines Strauss-Orchesters und lotet mit außergewöhnlichen Instrumenten wie Schmirgelpapier, Sprungfedern und Eierschneidern die Möglichkeiten aus, antarktische Kälte zu vertonen. South Pole ist also wie geschaffen für den peniblen Partiturexegeten Kirill Petrenko, der in München nach Zimmermanns Soldaten und Bergs Lulu die dritte Oper aus der Zeit des 20. und 21. Jahrhunderts dirigiert. Seine Fähigkeit, jeder einzelnen Stimme im Orchester Gewicht zu geben und dennoch einen schlanken, homogenen Gesamtklang zu erzeugen, stellt er erneut maßstabsetzend unter Beweis.

Sängerduell: Rolando Villazón und Thomas Hampson

Dieses Prinzip setzt auch Regisseur Hans Neuenfels meisterhaft um, der die Figuren in unifarbene, zweckmäßige Einheitskleidung stecken ließ. Doch bei aller szenischen Sparsamkeit drückt jede noch so kleine und nuancierte Bewegung und Regung die Gedanken und Befindlichkeiten der Protagonisten aus, die im Gesamtbild vor allem den Kampf um die Isolation und Einsamkeit der eisigen Ödnis zeigen. Ausgerechnet Rolando Villazón, der sonst so gern mit großer Geste auftrumpft, gibt einen introvertierten, träumerischen Scott und hat seine stärksten Szenen immer dann, wenn er eben nicht den Schön-, sondern den Missklang bemüht. Als der langsame Kältetod über Scott hereinbricht, wird auch die Stimme brüchig, fast schon heiser, ehe der Engländer nur noch Piepstöne von sich gibt. Völlig konträr dazu nimmt sich dagegen die Rolle des Amundsen aus. Die verkörpert Thomas Hampson mit strahlendem baritonalem Glanz etwas zu väterlich und edelmütig für einen Kapitän, der vor allem trickreich und hinterlistig agiert und einige Mannschaftsmitglieder schamlos übervorteilt.

Szenische Sparsamkeit: Altmeisters Hans Neuenfels inszeniert

Auf der komplett in Weiß gehaltenen Bühne hat jedes Team seine eigene Hälfte. Durch die Mitte verläuft die Trennlinie, die erst bei Erreichen des Südpols – symbolisiert durch den markierten Fluchtpunkt der nach hinten spitz zulaufenden Wand – für kurze Zeit aufgehoben wird. Links stehen die Tenöre um Villazón (die Engländer), rechts die Baritone um Hampson (die Norweger). Einziges verbindendes Glied ist die Musik, bestehend aus Klangschichten, die sich überlagern wie die Schneemassen bei einem Gletscher. Sie sind die gemeinsame Basis, aus der heraus sich die Gesänge der jeweiligen Gruppen schälen. Mal erklingen sie zeitgleich, mal staccatohaft hin-und herspringend, selten ganz voneinander getrennt. Allein durch Kurznachrichten und Briefe werden Verbindungen geschaffen: Am Anfang und am Schluss kommunizieren Amundsen und Scott per Telegramm, und als der Brite Oates (Dean Power) und der Norweger Johansen (Tim Kuypers) an ihre Mütter schreiben, entstehen daraus zwei zeitgleich gesungene Arien, die als Duett einen leisen, innigen Höhepunkt voll lyrischer Schönheit und Sensibilität setzen.

Verlorene wirkende Frauenfiguren

Etwas verloren hingegen wirken die zwei Frauenfiguren, die Scott und Amundsen in ihren Gedanken erscheinen und den Eindruck erwecken, als wäre ein weibliches Gegengewicht zur männerdominierten Besetzung vonnöten gewesen. Ob die Damen nun Halluzination, Traum oder Fantasie sind, bleibt offen. Immerhin dürfen Tara Erraught und Mojca Erdmann das zweite unvergessliche Duett in South Pole bestreiten, in dem sie sich über ihre Männer unterhalten. „Stellen Sie sich vor, dort zu sein! Die Helligkeit. Die Dunkelheit. Die Kälte. Nur Männer um einen herum.“ Dieser Satz aus dem Munde jener Frau, die sonst immer Amundsen erscheint, fasst das Wesen dieser Oper zusammen: Am Ende ist das Werk eine tiefgründige Fantasie – im Journalismus würde man sagen: Essay – über menschliche Einsamkeit und Isolation.

Bayerische Staatsoper München

Srnka: South Pole

Kirill Petrenko (Leitung), Hans Neuenfels (Regie), Katrin Connan (Bühne), Andrea Schmidt-Futterer (Kostüme), Malte Krasting (Dramaturgie), Rolando Villazón, Thomas Hampson, Mojca Erdmann, Tara Erraught, Dean Power, Kevin Conners, Matthew Grills, Joshua Owen Mills, Tim Kuypers, John Carpenter, Christian Rieger, Sean Michael Plumb, Bayerisches Staatsorchester

Weitere Termine der Bayerischen Staatsoper finden Sie hier.

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